Leserbrief: „Bei besseren Bedingungen gäbe es auch genug Fahrer“

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Ein Leserbrief von Ralf Schwenk zum Artikel „Brummi zieht nicht mehr“ im EXTRA TIP vom 18. Februar.

Habt ihr das mal richtig recherchiert? Wenn man natürlich nur mit Firmen spricht, kann dabei nichts Vernünftiges rauskommen. Habt ihr mal mit Fahrern gesprochen, warum das so ist? Die Firmen drücken sich gegenseitig die Preise kaputt.

Deshalb bleibt für den Lohn des Fahrers kaum noch was übrig. Fahrer fahren teilweise für 1.800 Euro brutto. In der Regel kommt dann noch ein Spesensatz von 6 Euro (bis 14 Std.) oder 12 Euro (über 14 Std.) hinzu.

Allerdings zahlt ein Fahrer für jeden Toilettengang zwischen 50 und 70 Cent. Duschen kostet ca. 5 Euro. Frühstück liegt bei ca. 10 Euro und Essen zw. 15 und 20 Euro. Die tägliche Arbeitszeit liegt in der Regel bei 13 Stunden. Oftmals muss auch schon sonntags gefahren werden, oder der Fahrer kommt erst gar nicht nach Hause.

Die Module, die ein Fahrer nach dem BKrQG (Berufskraftfahrerqualifikationsgesetz; Anm. d. Red) machen muss, wiederholen sich alle fünf Jahre. Ein Modul kostet zwischen 40 und 120 Euro. Alle fünf Jahre kommt eine gesundheitliche Untersuchung hinzu, die ca. 150 Euro kostet.

Nach jedem Modulpaket (fünf insgesamt) und nach jeder Gesundheitsuntersuchung, muss man einen neuen Führerschein für ca. 50 Euro (inkl. Passbilder) und eine neue Fahrerkarte (ca. 50 Euro) machen lassen.

Da bei den meisten Firmen auch Gefahrgut gefahren wird, benötigt man auch noch einen ADR-Schein. Der Erwerb kostet ca. 500 Euro, die Verlängerung alle fünf Jahre ca. 300 Euro. Diese Kosten muss der Fahrer bezahlen. Wenn die Firma dies übernimmt, verpflichtet man sich für fünf Jahre bei der Firma.

Die Disponenten gehen in der Regel mit einem erfahrenen Fahrer wie mit einem Schuljungen um. Beispiel: Es schneit und die Straßen sind vereist. Fahrer sagt: „Ich fahre nicht und warte auf den Winterdienst.“ Disponent sagt: „Du musst fahren, sonst ist das Arbeitsverweigerung.“

Wenn man all diese Qualifikationen mitbringt, zusätzliche unfallfreie Erfahrung auf verschiedenen Fahrzeugarten (Sattelzug, Gliederzug, Wechselbrücken, Silo, Tank, Kipper usw.) hat und bewirbt sich bei Firmen, dann werden Anfangsgehälter geboten, die gerade einmal den gesetzlichen Mindestlohn erreichen.

Zum Schluss werden die Fahrer bei den meisten Kunden wie der letzte Dreck behandelt. Ein großer deutscher global agierender Konzern zum Beispiel maßt sich an, bei Einfahrt in das Werk, den Kühlschrank des Fahrers zu durchsuchen.

Und was die meisten PKW-Fahrer von den LKW-Fahrern denken, ist sowieso klar. Nur weil der LKW auf der Landstraße die gesetzlich vorgeschriebenen 60 km/h einhält, wird er nach dem Überholvorgang des PKW mal eben zum Spaß ausgebremst und als Begrüßung kommt der Mittelfinger.

Vernünftige und ausreichend Parkplätze für die Nacht gibt es auch nicht. Autohöfe verlangen teilweise 20 Euro pro Nacht. Man könnte noch sehr viel mehr schreiben.

Hätten sie also eine vernünftige Artikelrecherche gemacht, dann wüssten sie, dass es genug „Trucker“ gibt. Bei besseren Arbeitsbedingungen gäbe es auch genug Fahrer.

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