Medizinischer Dienst wollte Karl-Heinz Braune begutachten - der war seit anderthalb Monaten tot

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Liebevoll hat Adelheid Braune einen Tisch dekoriert, der sie an ihren verstorbenen Mann erinnert.

Der hessische Medizinische Dienst der Krankenversicherung wusste nichts vom Tod des 66-jährigen Karl-Heinz Braune und schickte einen Gutachter. Frau Adelheid reagiert empört über die Vorgehensweise ihrer Krankenkasse Barmer.

Von VANESSA VON LENGERKEN

Melsungen. "Mein Verlust ist schon schwer genug, da möchte ich nicht ständig von Menschen daran erinnert werden", seufzt Adelheid Braune. Mit Tränen in den Augen blickt sie auf das Bild ihres verstorbenen Mannes. Kein Tag vergeht, an dem sie nicht an ihn denkt und schmerzlich vermisst.

Acht lange Jahren pflegte Adelheid ihren geliebten Karl-Heinz. Der für seine freundliche und fleißige Art geschätzte 66-Jährige hatte nach der Entfernung eines Blutschwämmchens aus dem Kleinhirn eine spastische Lähmung in Arm und Bein. Er musste essen, trinken und laufen neu lernen. Auch sprechen fiel ihm schwer. Alle Tätigkeiten des Alltags wie sich waschen oder anziehen waren allein nicht möglich. Die 64-jährige Adelheid Braune pflegte ihren Mann aus tiefster Liebe, für sie war es keine Bürde, einen schwerbehinderten Mann zu haben.

Als Karl-Heinz Braune im August dann wegen Nierenschmerzen ins Melsunger Krankenhaus eingeliefert wurde, war die Diagnose niederschmetternd: Zwischen Leber und Niere hatte sich ein Tumor gebildet.

Nachdem das Paar die schockierende Nachricht halbwegs verdaut hatte, mussten sie bei ihrer Krankenkasse, der Barmer, einen Antrag auf Hochstufung in der Pflegekasse stellen. Daraufhin beauftragte die Barmer den Medizinischen Dienst, um Karl-Heinz Braune zu begutachten.

Was in diesem Brief vom 1. November stand, konnte die Witwe kaum fassen.

Doch dazu sollte es nicht mehr kommen: Fünf Wochen nach der Diagnose streute der Krebs von der Leber sowie Niere in das Zwerchfell und die Lunge. Am Montagabend, 11. September, schlief Karl-Heinz Braune in Ruhe ein. Zehn Tage darauf wurde er beigesetzt.

Kurz nach dem Tod meldete sich die Barmer postalisch und teilte Adelheid Braune mit, dass sie fortan nicht mehr bei ihrem Mann mitversichert sei. In einem weiteren Brief stand, dass sie auch kein Pflegegeld mehr bekommen werde. Was allerdings in dem Brief stand, der die 64-Jährige am 1. November erreichte, konnte die Witwe kaum fassen.  

Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) Hessen teilte ihr mit, dass eine Mitarbeiterin schon am darauffolgenden Tag zwischen 10 und 12 Uhr bei ihr eintreffen werde, um Karl-Heinz zu begutachten.

„Tja, wo mein Mann momentan ist, weiß ich ja gar nicht so genau, ob im Himmel oder in der Hölle“, versucht Adelheid die Situation mit etwas Humor zu sehen – anders sei die aktuelle Situation sowieso nicht auszuhalten.

So also ließ sie die Gutachterin kommen. Statt auf Fragen zu Karl-Heinz einzugehen, setzte sie die Frau vom MDK in einen Sessel ihres Wohnzimmers. „Ich lasse Sie jetzt mal fünf Minuten alleine, schauen Sie sich einfach mal in Ruhe um und dann können wir ja weiterreden“, sagte Adelheid zu ihr und ging in die Küche.

Kurz darauf kam die Mitarbeiterin entschuldigend zu ihr in die Küche. Sie hatte in der Ecke des Wohnzimmers den liebevoll dekorierten Erinnerungstisch mit einem Bild der Todesanzeige, Blumen und einem Fan-Artikel seines Lieblingsvereins Bayern München gesehen. Sie hätte von keinem Ableben gewusst, rechtfertigte sich die Mitarbeiterin des MDK und verließ nach Angaben von Braune fluchtartig die Wohnung.

„Das ist wirklich eine Unverschämtheit. Wie kann es sein, dass mir die Krankenkasse nur wenige Tage nach dem Tod meines Mannes das Geld streicht, aber anderthalb Monate später der Medizinische Dienst nicht darüber Bescheid bekommt?“, empört sich Adelheid Braune über die betroffenen Dienststellen.

Stellungnahme

Das sagen die Barmer und der MDK zu dem Vorfall:

"Mit der Begutachtung im Rahmen der Pflegeversicherung wird der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) Hessen grundsätzlich von der für den einzelnen Versicherten zuständigen Pflegekasse beauftragt. Falls bekannte Gründe vorliegen, dass ein Begutachtung nicht stattfinden kann, muss die Pflegekasse den MDK darüber informieren.

Dort wo Menschen arbeiten, passieren auch Fehler. Das ist sehr bedauerlich und wir entschuldigen uns bei den Betroffenen für die fehlende Abstimmung zwischen Pflegekasse und MDK.

Wir sind dankbar, wenn Fehler an uns zurück gespiegelt werden. So können wir bestehende Prozesse noch einmal auf den Prüfstand stellen, mögliche Fehlerquellen erkennen und entsprechende Maßnahmen treffen."

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