Nach Hass-Parolen: Türkisch-Islamische Gemeinde bezieht Stellung

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„Wir hassen keinen!“: Nach Online-Eklat will die Türkisch-Islamische Gemeinde Melsungen mit Zusammenhalt und Transparenz gegen (Juden-)Hass vorgehen.

Melsungen. Plötzlich standen antisemitische Parolen auf der Website der Türkisch-Islamischen Gemeinde in Melsungen. Plötzlich wurde jahrelange Arbeit für Kulturaustausch, Integration und ein friedliches Miteinander binnen Minuten vergessen. Als vor einigen Wochen ein Vorstandsmitglied der Gemeinde Hasszitate auf die Startseite kopiert, schlägt das bundesweit Wellen (wir berichteten). Und die kleine muslimische Gemeinde steht im Fokus der Öffentlichkeit; ihr Engagement ist plötzlich in dunkle Schatten getaucht. Sofort distanziert sich der Vorstand von den Parolen, der Schuldige tritt zurück. Die Website wird stillgelegt. Bis heute. Doch der bittere Beigeschmack bleibt. Jetzt möchte die Gemeinde sprechen und sich zu den Anschuldigungen äußern: Am vergangenen Samstagnachmittag hat der Vorstand deshalb zu einer Informationsveranstaltung in die Vereinsräume eingeladen, um die Vorwürfe des Antisemitismus endlich aus der Welt zu schaffen. "Wir hassen niemanden,  weder Juden noch Christen oder eine andere Religion. Melsungen ist unser Zuhause. Wir haben davon aus den Medien erfahren und waren selbst geschockt", sagt der Sprecher der Türkisch-Islamischen Gemeinde Emrullah Kara.

Was an dem Nachmittag auffällt: Das Interesse der Melsunger ist groß. Genauso groß wie die Betroffenheit und das Entsetzen des Vorstands. "Wir hatten einige unglückliche Turbulenzen durch die zugespitzten Übersetzungen einzelner, aus dem Zusammenhang gerissener Passagen", sagt Selcuk Dogruer, Landeskoordinator des DITIB Landesverbandes Hessen und islamischer Theologe. Das Vorstandmitglied, das die Inhalte publik gemacht habe, habe diese einfach kopiert, ein Glossar geteilt und gesagt, er hätte selbst nicht alles gelesen. "Das ist sehr unglücklich gelaufen", betont der Vorstand.

Vielen in Deutschland stellt sich außerdem die Frage, wie diese Inhalte online gestellt und nicht bemerkt werden konnten? "Die einzelnen Gemeinden genießen große Autonomie ohne Kontrollinstanz", erklärt Dogruer. "Die irreführenden Onlineinhalte wurden weder mit uns abgesprochen, noch mit dem Imam oder den anderen Vorstandsmitgliedern. Es ist eine absolut falsche Interpretation dieser Verse", so der Theologe weiter.

Auch Bürgermeister Markus Boucsein betont: "Über Miss-verständnisse muss man sprechen, das ist die Grundlage unserer Demokratie. Ich kenne die Menschen aus der Gemeinde gut, sie stehen nicht hinter diesen Dingen." Vor allem sei für Boucsein die daraus resultierende Diskussion unerträglich. "Plötzlich sah man Hitlerbilder in sozialen Medien. Da melden sich die zehn Prozent zu Wort, die sonst schweigen. Das ist genauso unerträglich, wie wenn der Islam andere Religionen diskriminieren würde", sagt das Stadtoberhaupt. Wichtig sei jetzt vor allem: Zusammenhalten, Seite an Seite stehend zeigen, dass alle dieselben demokratischen Werte haben. "Genauso wichtig ist, dass es eine einmalige Sache bleiben muss, dafür müssen wir alle zusammen sorgen", ergänzt Boucsein.

Dafür möchten auch DITIB und die Gemeinde selbst sorgen: "Alle Gemeinden erhalten eine neue Satzung, wir werden Workshops anbieten, in denen wir den Koran erklären und auch wird es Fortbildungen zu den Themen Online und Social Media geben", hebt Selcuk Dogruer hervor. Auch soll nicht nur ein Einzelner für die Inhalte verantwortlich sein. Die klare Botschaft ist: Lesen, absprechen, erst dann teilen.

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