Mindestens neun Tiere kamen um... Minishetlandpony-Züchterin aus dem Schwalm-Eder-Kreis bekommt Bewährungsstrafe

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„Ich bin keine Pferdemörderin“, sagt die Angeklagte unter Tränen – Gericht verhängt neun Monate Haft, ausgesetzt auf drei Jahre Bewährung... aber kein Tierhalteverbot.

Melsungen. Nur schwer war sie zu verstehen, als sie ihr Schlusswort verlas... weil sie so bitterlich weinte. „Es tut mir so unendlich leid, es sind ja schließlich meine Pferde“, war da zu hören und „ich bin doch keine Pferdemörderin“. Diese Worte kamen aus dem Mund der 42-Jährigen, die sich in dieser Woche vor dem Amtsgericht Melsungen verantworten musste. Der Vorwurf: Sie soll die Versorgung und Pflege ihrer über 70 Tiere – es handelt sich um Mini-Shettlandponys – so dermaßen vernachlässigt haben, dass dadurch mehrere Tiere zu Tode kamen.

Ganz konkret angeklagt waren sieben Fälle – davon zwei Ponytode. Darunter fällt auch der qualvolle Tod eines Fohlens vom Wochenende des 25./26. März vergangenen Jahres. Vom Todeskampf des Tieres gibt es ein Video, das dem Gericht als Beweismittel vorlag (siehe unten). An besagtem Wochenende ging eine Helmshäuserin mit Freunden und Hunden bei Felsberg-Helmshausen spazieren und sah auf einer dortigen Weide ein Minishetlandpony-Fohlen bewegungslos liegen. Die Zeugin, die von Beruf Tierärztin ist, sagte vor Gericht: „Das Tier befand sich in einem kritischen, lebensbedrohlichen Zustand. Es war stark abgemagert. Es wollte aufstehen, konnte aber nicht.“

Video: Mindestens neun Tiere kamen um... Minishetlandpony-Züchterin aus dem Schwalm-Eder-Kreis bekommt Bewährungsstrafe

Video: Mindestens neun Tiere kamen um... Minishetlandpony-Züchterin aus dem Schwalm-Eder-Kreis bekommt Bewährungsstrafe 2

Daraufhin habe sie die Pony-Halterin, die ihr bekannt war, vom Zustand des Tieres in Kenntnis gesetzt. Woraufhin diese ihr mitgeteilt habe, dass sie sich nicht einmischen solle. Die Angeklagte wiederum habe – weil sie selbst an diesem Tag arbeitete – ihre Mutter gebeten, auf der Weide nach den Tieren zu schauen. Das hat dieser nach eigener Aussage auch getan und der Tochter mitgeteilt, dass es auf der Weide allen Tieren gut gehe. Was der Aussage der Tierärztin zu 100 Prozent widersprach.

Die Tierärztin weiter: Sie habe dann am Samstag und auch am darauffolgenden Sonntag noch mehrmals nach dem Pony geschaut und – nachdem sich der Zustand des Tieres weiter massiv verschlechtert habe – schließlich am Sonntag den Amtstierarzt Dr. Dirk Kusan von dem Fall in Kenntnis gesetzt. Als der dann auf der Weide erschienen sei, wäre das Tier schon tot gewesen, gab Kusan zu Protokoll. Und: „Der Zustand der Tiere hat mich schon überrascht.“ Sein Amt habe dann auch Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft gestellt sowie tierschutzrechtliche Auflagen erteilt. Als Folge der Strafanzeige hatte es am 28. August 2017 Hausdurchsuchungen und „Weidenbegehungen“ bei der Angeklagten gegeben – auch deshalb, um überhaupt herauszubekommen, wieviele Pferde sich überhaupt im Besitz der Frau befinden und um deren Gesundheitszustand zu überprüfen. Sichergestellt bei der Durchsuchung wurden 70 Equidenpässe.

Dr. Kusan: „Schon davor hatte die Halterin von uns die Anweisung bekommen, den Bestand ihrer Tiere zu reduzieren.“ Dem hatte sie sich aber immer wieder versucht zu entziehen beispielsweise, durch Schenkungen von Ponys an Verwandte. u.a. an ihren Vater und ihren Onkel, oder sogenannte „Schein-Verkäufe“.

Den schlechten Zustand der Tiere hatten vor Gericht zahlreiche Zeugen bestätigt, darunter auch vier Tierärzte. Eine Homberger Tierärztin hatte den Ernährungszustand zahlreicher Tiere „als schwierig bis kritisch“ bezeichnet. Und auch die Kontrolle vom 28. August hatte bei mehreren Ponys unbehandelte, erhebliche Schmerzen verursachende Erkrankungen ergeben, darunter Entzündungen der Horn- und Bindehaut, unbehandelte Gebissfehler sowie Durchfallerkrankungen.

Unserer Zeitung gegenüber bestätigte die Staatsanwaltschaft, dass im Zeitraum zwischen November 2016 und März 2017 neun Ponys ums Leben gekommen seien – die zwei angeklagten toten Tiere stünden nur stellvertretend für alle verendeten.

Vor den Plädoyers gab die Hessische Landestierschutzbeauftragte Dr. Madeleine Martin, die dem Prozess als Sachverständige beiwohnte, noch eine Einschätzung zur Tierhaltung der Angeklagten ab – und äußerte sich auch zu zum finanziellen und zeitlichen Aufwand, der für das Halten von Mini-Shetland-Ponys bzw. deren Zucht nötig sei.

Die Angeklagte ist voll berufstätig und arbeitet samstags noch aushilfsweise auf 450-Euro Basis. Die Pferde kann sie immer nur nach Feierabend und am Sonntag betreuen.

Staatsanwätin Sandra Petzsche sprach in ihrem Plädoyer von „nur die Spitze des Eisberges, über die wir hier verhandelt haben“. Sie forderte ein Freiheitsstrafe von zwölf Monaten und eine Geldstrafe von 30 Tagessätzen à 60 Euro (für die falsche Verdächtigung, siehe EXTRA INFO). Und zusätzlich ein Pferdehalteverbot von drei Jahren. „Weil es der Angeklagten an Einsicht fehlt“, so Petzsche.

Verteidiger Ulrich Goetjes war mit der Forderung in seinem Plädoyer gar nicht so weit weg von der Forderung der Staatsanwältin – zumindest was die Geldstrafe angeht. Bei der Freiheitsstrafe forderte er allerdings nur sechs Monate. Entscheidender Unterschied: Goetjes will kein Tierhalteverbot. Er sagt: „Das braucht es nicht. Ich glaube, dass das Verfahren eine Lehre ist.“

Richter Stefan Heidelbach verurteilte die Angeklagte schließlich zu einer Freiheitsstrafe von neun Monaten, die für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt ist. Außerdem muss sie 1.000 Euro Strafe an das Tierheim in Beuern zahlen. Mit den Jahren sei eine Überforderung eingetreten, so der Richter. Wenn die Tiere derart in den Mittelpunkt gerieten, stimme etwas mit dem Leben nicht. Heidelbach: „Sie müssen sich helfen lassen!“ Und es gelte jetzt, dass sie sich dringend an die Vorgaben des Veterinäramtes halte. Das hatte der Angeklagten zuletzt ein maximale Haltung von 20 Tieren zugestanden. Und ein Zuchtverbot ausgesprochen.

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EXTRA INFO

Angeklagte hatte andere Tierhalter auch noch ungerechtfertigt angezeigt

Verhandelt worden war – neben den Vorwürfen zu den Verstößen gegen das Tierschutzgesetzt – auch noch wegen falscher Verdächtigung. Die Angeklagte hatte mehrere Tierhalter aus ihrem Umfeld per E-Mail angezeigt, weil diese ihre Tiere – Rinder, Schweine, Lamas etc. – angeblich nicht artgerecht halten würden. Nach Ansicht von Richter Heidelbach habe sie dies getan, um von ihrem eigenen Fehlverhalten abzulenken beziehungsweise hätte sie mit den Betreffenden noch „ein Hühnchen rupfen“ wollen. Die Angeklagte war in allen Fällen geständig. Die Strafe hierfür wurde mit der Strafe für den Verstoß gegen das Tierschutzgesetz zusammengefasst.

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Kommentar von Karsten Knödl

Man kann nur hoffen...

Mit Ruhm bekleckert haben sich in diesem Fall einige Akteure nicht. Zuallererst die Angeklagte. Die erscheint einem einerseits intelligent und fleißig. Andererseits kommt sie einem vor wie eine Verschwörungstheoretikerin, die denkt, dass ihr alle Welt nur Böses wolle und sich deshalb jeder Hilfe verweigerte – mit fatalen Folgen für die Tiere.

Ein mieses Zeugnis muss man auch dem Hoftierarzt der Angeklagten ausstellen. Dem schien es nur darum zu gehen, von der Angeklagten Geld zu kassieren. Recht „lustig“ mutete da sein in der Verhandlung gefallener „Versprecher“ von einem „Gegengutachten“ an, das er erstellt habe. In dem war er zu dem Schluss gekommen, dass die Tiere sich in einem vernünftigen Pflegezustand befinden. Selbst Richter und Staatsanwältin stutzten. Wer als Tierarzt arbeitet, sollte in erster Linie ein Herz für Tiere haben und nicht eines für denjenigen, der ihn bezahlt.

Auch das Homberger Veterinäramt hat sich nicht unbedingt mit Ruhm bekleckert. Wenn Dr. Kusan abschließend sagt „Wir wollen keine toten Pferde mehr haben“, dann muss er sich die Frage gefallen lassen, warum es denn überhaupt erst soweit gekommen ist, dass es tote Tiere gibt... obwohl sowohl die Waberner Tierhilfe wie auch andere Tierschützer sehr zeitig auf die Missstände hingewiesen haben.

Und zum Urteil: Das nicht ausgesprochene Tierhalteverbot kommentierte mein Arbeitskollege so: „Das kommt mir vor, als würde man einem Alkoholiker die Flasche Schnaps wegnehmen ihm aber eine Kiste Bier hinstellen.“ Und ich finde er hat recht.

Final bleibt nur zu hoffen, dass die Angeklagte sich an die Vorgaben des Veterinäramtes hält, natürlich im Interesse der Tiere aber auch im eigenen. Und sich der Worte von Richter Heidelbach annimmt, der in seiner sehr ausführlichen Urteilsbegründung solche Sätze sagte wie „Sie müssen sich helfen lassen“ oder „Sie müssen einen Neuanfang starteten“.

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