„Situation ist dramatisch“: Martin Bartsch-Stucke vom Forstamt Neukirchen im Interview

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Fichtensterben in einem bisher nie dagewesenem Ausmaß: Stürme und Dürre haben dem heimischen Wald sichtbar zugesetzt.

Der Klimawandel hat auch dem Wald im Schwalm-Eder-Kreis zugesetzt. Wir haben uns mit Martin Bartsch-Stucke vom Forstamt Neukirchen über den aktuellen Zustand und Zukunftschancen für den Wald unterhalten.

Schwalm-Eder. Der #Heimatwald Wald hat vor allem in den vergangenen zwei Jahren extrem leiden müssen. Wie es um den Heimatwald im Schwalm-Eder-Kreis steht, wie er zukunftsfähig gemacht werden soll und was er trotz allem zu bieten hat, darüber haben wir uns mit Martin Bartsch-Stucke vom Forstamt Neukirchen bei einem Gang durch den Wald unterhalten. Der studierte Forstwirt arbeitet seit April 2015 im Schwalm-Eder-Kreis. Sein Einsatzbereich: Naturschutz, Unterstützung der Revierleiter, Öffentlichkeitsarbeit und Waldpädagogik.

Was sind die größten Probleme des Waldes in Bereich des Forstamtes Neukirchen? 

Die Situation in den Wäldern um Neukirchen ist dramatisch. Diverse Windwürfe (beginnend mit Sturm Friedericke im Januar 2018), sowie die Dürresommer 2018/19 mit all ihren Auswirkungen, wie Borkenkäfer und Trockenheitsschäden an Buche bringen die Mitarbeiter des Forstamtes an die Leistungsgrenzen. Die Verkettung von Stürmen und Dürre in zwei aufeinander folgenden Jahren begünstigte vor allem die Massenvermehrung des Buchdruckers, der im Forstamt zum Absterben von Fichten in bisher nicht dagewesenem Ausmaß führte. Da die Waldbestände des Forstamtes Neukirchen zu 21 Prozent aus Fichten bestanden, mussten seit Januar 2018 viele tausend Festmeter Windwurf- und Käferholz aufgearbeitet werden. Seit Sommer 2019 werden immer deutlicher Schäden in Buchenbeständen sichtbar. Einzelne Äste, aber auch ganze Kronen werden dürr. Der Verfall des Buchenholzes schreitet sehr rasch voran, so dass bei der Holzernte absterbender Bäume Eile geboten ist, um eine Entwertung des Nutzholzes zu vermeiden. Zum anderen müssen Arbeitssicherheit bei der Fällung und die Verkehrssicherung gewährleistet sein.

Welche Sorgen haben Sie für das kommenden Jahr? Was wird an Arbeiten auf das Forstamt zukommen?

Ab April bei dauerhaften Temperaturen über 17 Grad Celsius fangen die Borkenkäfer wieder an zu fliegen und suchen sich neue geeignete Wirtsbäume. Wir werden viele weitere Fichten verlieren. Mit Hilfe eines Monitoringverfahrens werden wir befallene Bäume identifizieren, schnellstmöglich ernten und aus den Beständen holen. Durch die Aufarbeitung mit Vollerntemaschinen werden unter der Rinde sitzende Borkenkäfer zerdrückt und somit unschädlich gemacht. Wir können nur den Käfern hinterher arbeiten, stoppen können wir sie bei den vorliegenden Bedingungen nicht. Weiterhin müssen wir sehen, wie sich die Buchen im Forstamt entwickeln. Wir werden auch 2020 vorrangig die betroffenen Bäume an den Wirtschaftswegen entfernen. Zum einen muss der forstwirtschaftliche Verkehr weiterhin möglich sein, zum anderen gibt es viele Waldnutzer, die sich sicher im Wald bewegen wollen.

Ist im Forstamt Neukirchen unter anderem für Naturschutz und Waldpädagogik zuständig: Martin Bartsch-Stucke.

Die Bepflanzung von ausgewählten Freiflächen wird im kommenden Frühling und Herbst bei geeigneten Witterungsbedingungen – also feucht und frostfrei – einen Arbeitsschwerpunkt darstellen. Auf Flächen, auf denen die Nährstoffbedingungen und die Wasserversorgung geeignet sind, werden wir Eichen pflanzen. Diese Baumart kommt mit steigenden Temperaturen verhältnismäßig gut zurecht. Eichenkulturen sind in der Anlage und Pflege aufwendig und somit teuer. Wir werden bereits in diesem Herbst einige Flächen mit Eichen-Wildlingen bepflanzen. Hierbei handelt es sich um einjährige Eichen aus unserem eigenen Forstamtsbereich, die aus den Samen des letzten Jahres gekeimt sind. Wir hoffen, dass sich die forstschädlichen Mäuse nicht massenhaft vermehren, damit die jungen Pflänzchen gute Überlebenschancen haben.

Was ist ihr größter Wunsch für die Zukunft des heimischen Waldes?

Zunächst wäre ein milder, feuchter Sommer 2020 gut. Reichlich Sommerniederschläge und gemäßigte Temperaturen würden den Bäumen helfen und gleichzeitig den Käfern „missfallen“. Außerdem hoffe ich, dass wir es schaffen, zeitnah und ohne große Rückschläge einen Mischwald zu etablieren, der breit aufgestellt ist für die vermutete Klimaveränderung und die neuen Bedingungen. Er sollte sicher und dauerhaft mit allen Funktionen auch für unsere Nachfahren zur Verfügung stehen. Neben der Schutz- und Erholungsfunktion sollten wir weiterhin Holz ernten und das wertvolle, klimaneutrale und ästhetische Produkt als Bau-, Konstruktions-, Hack- und Heizholz verwenden. Das nachhaltig nachwachsendes Holz als Naturprodukt sollte Kunststoff vor dem Hintergrund der aktuellen globalen Situation selbstverständlich vorgezogen werden.

Wo sehen Sie Chancen, trotz des Klimawandels?

Die durch flächigen Windwurf und Borkenkäferfraß entstandenen Freiflächen können genutzt werden, um wärme- und trockenheitstolerantere Baumarten wie die Eiche einzubringen. Ferner kann eine nicht standortgerechte Baumart nun durch passende Arten ersetzt werden. Wir werden nicht alle entstandenen Freiflächen bepflanzen. Viele werden sich selbst verjüngen durch Samen von umstehenden Altbäumen. Wir Förster können die kostenlose Gabe annehmen und durch gezielte Mischwuchsregulierung die Weichen auf den zukünftigen gemischten Waldbestand stellen. Ziel sollten vier Baumarten je Bestand sein. Mit so einem „Anlagedepot“ kann das Risiko gestreut werden. Vielfalt mindert die Gefahr ganze Bestände zu verlieren, wenn eine Baumart ausfällt.

Was ist charakteristisch für das Waldgebiet im Bereich des Forstamtes Neukirchen (Bäume, Wandermöglichkeiten, Höhenlage etc.)?

Das Forstamt bewirtschaftet etwa 12.000 Hektar Landeswald. Hauptbaumarten sind die Buche mit gut 38 Prozent und die Fichte. Sie war bis Anfang 2018 mit 21 Prozent vorhanden. Die Waldorte erstrecken sich von etwa 200 Meter über Normalnull bis auf über 600 Meter am Knüllköpfchen. Es gibt etliche Basaltknollen, die nährstoffreich sind und dadurch Edellaubholzarten wie Bergahorn, Kirsche, Esche, Linde und Ulme ein gutes Wachstum ermöglichen. Für die Freizeitgestaltung in der heimischen Natur gibt es zahlreiche ausgewiesene Wanderwege im Bereich des Forstamtes Neukirchen.

Was würden Sie den Waldbesuchern gerne mit auf den Weg geben?

Die Waldbesucher sollen weiterhin den Wald zur Erholung nutzen. Es wird Phasen geben, wo durch Aufarbeitung kleine Bereiche kurzzeitig gesperrt sind. Auch werden starke Verschmutzungen der Waldwege durch arbeitende Maschinen auftreten, die wieder beseitigt werden. Wir können nicht an jeder Ecke gleichzeitig arbeiten. Wir setzen alles daran, die Arbeitsfelder systematisch und effizient abzuarbeiten und bitten für zeitweilige Wegesperrungen um Verständnis.

Das Erscheinungsbild des Waldes wird sich verändern. Es kann sein, das manche Baumarten stark reduziert werden beziehungsweise verschwinden. Jedoch bleibt der Wald trotzdem Wald mit all seinen positiven Wirkungen, nur die Facetten verschieben sich zeitweise in bemerkenswerter Form. Waldbesucher sollten unbedingt die Sperrschilder beachten. In den Bereichen, wo gearbeitet wird, besteht Lebensgefahr!

Das Land Hessen hat eine Spenden- und Pflanzaktion ins Leben gerufen, an der auch wir uns von der EXTRA TIP Mediengruppe beteiligen. Mehr dazu gibt es hier.  

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