Steuersünde Kellerwaldturm? Jesbergs Bürgermeister Manz kritisiert Schwarzbuchartikel als „völlig überspitzt“

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Der Kellerwaldturm hat sich über die Jahre zu einem beliebten Wanderziel in Jesberg entwickelt. Für den neuen Radarturm des DWD müsste dieser aber weichen – wenige Jahre vor der angedachten Nutzungsdauer von 25 Jahren.
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Diese Grafik zeigt eine Variante, wie der neue Radarturm aussehen könnte.
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Diese Grafik zeigt eine Variante, wie der neue Radarturm aussehen könnte.
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Um ein wirklich flächendeckendes Radarnetz für ganz Deutschland zu schaffen, sind auch die Daten aus Nordhessen von Nöten. Zwar liegt der Bereich um Jesberg etwa in einer Schnittmenge der umliegenden Türme, doch reicht dies offenbar nicht aus.

Im Schwarzbuch 2019/2020 vom Bund der Steuerzahler ist auch ein Beitrag über den Kellerwaldturm in Jesberg und die damit verbundene Steuerverschwendung. Was wirklich an der Geschichte dran ist, hat unsere Zeitung recherchiert.

Jesberg. Der Bund der Steuerzahler hat vor Kurzem sein diesjähriges Schwarzbuch mit angeblichen Steuersünden veröffentlicht. Einer der Fälle: der Kellerwaldturm in Jesberg. Unter dem Titel „Turmbauten zu Jesberg mit Hiobsbotschaften – Teure Aussicht in Nordhessen“ lässt der Artikel von Clemens Knobloch (online abrufbar unter www.schwarzbuch.de) erstmal nichts Gutes verheißen. Zum einen werden die entstandenen Risse im Holz des 2003 errichteten Turms von 2006 aufgegriffen, eine kurzzeitige Sperrung und die folgende Zulassung für maximal 15 Personen kritisiert.

Diese Grafik zeigt eine Variante, wie der neue Radarturm aussehen könnte.

„Auf der Aussichtsplattform haben ohnehin nicht viel mehr Personen Platz und mir ist noch nicht zu Ohren gekommen, dass es mal Probleme gegeben hätte, weil eine größere Wandergruppe gleichzeitig auf den Turm wollte“, so Jesbergs Bürgermeister Heiko Manz, „der Turm hat zudem alle Stürme überstanden und steht noch immer. Das Holz arbeitet nunmal.“ Nun plant der Deutsche Wetterdienst (DWD) einen neuen Radarturm auf dem Wüstegarten in der Nähe zum Kellerwaldturm zu errichten, da der Radarturm in Diemelsee-Flechtdorf in Konflikt zu den Windkraftausbauplänen dort stehe. Als Kostenpunkt nennt Knobloch hierbei 2,36 Mio. Euro für den neuen Radarturm, 447.500 Euro für die zusätzliche Aussichtsplattform sowie 70.000 Euro Abrisskosten für den Kellerwaldturm.

Denn dieser muss weichen, sobald der Radarturm steht. Der Kellerwaldturm wurde laut Schwarzbuch vom Land Hessen finanziert, die neu entstehenden Kosten trage der vom Bund finanzierte DWD, was heißt, dass erneut der Steuerzahler dafür aufkomme. Doch ist all das wirklich so schwarzmalerisch, wie es dargestellt wird? „Das ist völlig überspitzt“, meint Manz, „Erst wenn der neue Turm steht, wird der alte abgebaut. Außerdem war der 2003 errichtete Turm sowieso nur für 25 Jahre Standzeit errichtet worden.“

Diese Grafik zeigt eine Variante, wie der neue Radarturm aussehen könnte.

Uwe Kirsche, Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des DWD ergänzt: „Laut Planungsfirma kann, bei entsprechender Wartung, von einer Nutzungsdauer von 100 Jahren für den Radarturm ausgegangen werden“, und weiter, „die reinen Brutto-Baukosten für das Bauwerk betragen laut Kostenschätzung aus dem Jahr 2014 circa 2,31 Mio. Euro, davon circa 535.500 Euro für die Aussichtsplattform.“ Schon hier entsteht eine Ungereimtheit zu den Angaben im Schwarzbuch, in dem die Kosten für die Plattform zusätzlich zu den 2,31 Mio. Euro beziffert werde und nicht darin enthalten sind. Kirsche hebt aber noch hervor: „Allerdings kommen zu den reinen Errichtungskosten der Maßnahme auch noch weitere Kosten hinzu, wie die Zuwegung, der Abriss des Kellerwaldturms, Naturschutzausgleichsmaßnahmen und die Umzugskosten für den Radar. Natürlich spielt es auch eine große Rolle für die Kosten, wann der Turm schlussendlich errichtet wird. Umso später, umso teurer wird es aufgrund der Entwicklung der Baupreise.“

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Der DWD hofft, dass der Bau 2022 begonnen werden kann, doch sei dies aktuell schwer zu sagen, da der Bundesrechnungshof noch das Bauvorhaben prüfe. Die genannten Abrisskosten von 70.000 Euro bestätigt Kirsche. Der Abbau des Kellerwaldturms sei eine Auflage, die sich aus der Baugenehmigung für den Wetterradarturm ergebe. „Der Radarturm ist als Stahlbetonkonstruktion geplant, die Ausführung der Außentreppe und Aussichtsplattform ist in Stahl geplant“, so Kirsche weiter. Die Höhe der Aussichtsplattform sei noch offen. Fest stehe nur, dass diese über die Baumwipfel ragen wird, um einen klaren Rundumblick zu gewährleisten.

Um ein wirklich flächendeckendes Radarnetz für ganz Deutschland zu schaffen, sind auch die Daten aus Nordhessen von Nöten. Zwar liegt der Bereich um Jesberg etwa in einer Schnittmenge der umliegenden Türme, doch reicht dies offenbar nicht aus.

Schwarzbuch malt zu schwarz

Jesberg. Das Beispiel um den Kellerwaldturm und dessen bevorstehenden Abriss zeigt, dass auch die Artikel im Schwarzbuch vom Bund der Steuerzahler kritisch hinterfragt werden sollten. Es wurde zum Beispiel völlig außer Acht gelassen, dass der Turm mit einer Nutzungsdauer von 25 Jahren zum Zeitpunkt des Abrisses ohnehin am Ende seines „Lebenszykluses“ wäre.

Im Idealfall starten 2022 die Bauarbeiten für den Radarturm und selbst wenn dieser noch im selben Jahr fertig wird und der Kellerwaldturm im Anschluss abgerissen wird, so stand der Kellerwaldturm immerhin seit 2003 circa 19 Jahre. Zögert sich noch alles hinaus und der Abriss findet vielleicht erst 2024 statt – was durchaus möglich ist – so sind es nur circa vier Jahre, die der Turm nicht planungsgemäß genutzt werden kann. Dass die Baukosten von damals wesentlich geringer ausfallen, als heute, ist aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung auch nicht weiter verwunderlich. Denselben Kellerwaldturm nochmal aufzubauen (diesmal ohne die Probleme von 2006), wäre also auch wesentlich teurer als damals.

Mit dem Radarturm samt Aussichtsplattform kann die Gemeinde Jesberg erneut von einem interessanten Wanderziel profitieren, das zwar erstmal teurer ausfällt und als Stahlkonstruktion nicht den selben Charme eines Kellerwaldturms versprüht, dafür aber auch die vierfache Nutzungsdauer erreichen soll. Im Schwarzbuch werden die Baukosten von damals erwähnt: 165.000 Euro plus weitere Arbeiten und der Abriss eines alten Turms, also insgesamt 300.000 Euro. Durch 25 Jahre angepeilte Nutzung geteilt, ergibt dies 12.000 Euro Kosten pro Jahr. Wenn der Radarturm 100 Jahre stehen wird, belaufen sich die Kosten auch nur auf etwa 23.000 Euro pro Jahr, doch muss man auch bei dieser Rechnung die steigenden Baukosten sowie die zusätzliche Nutzung als Radarturm miteinbeziehen.

So gesehen ist das ganze Vorhaben also gar nicht so viel teurer, auch wenn der Kellerwaldturm einige Jahre vor seinem Lebenszyklus abgerissen wird. In jedem Fall profitiert Jesberg, denn beide Türme tauchen nicht im Haushalt der Gemeinde auf – werden bzw. wurden sie doch von Land und Bund bezahlt. Die Arbeit des BdSt ist sicherlich gut und wichtig, doch wäre am Beispiel des Kellerwaldturms eine weniger zuspitzte Darstellung und dafür mehr Relation besser gewesen.

Wie ist Ihre Meinung zum Thema? Schreiben Sie mir an daniel.bloethner@ks.extratip.de.

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