Talfahrt ins Unglück: Tragödie vor Kriegsende in Malsfeld

+

Zerstörte Malsfelder Kanonenbrücke kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs: Alles liegt in Schutt und Asche als Karl Mihm die Trümmer fotografiert.

Malsfeld. Die Explosion ist so immens, dass sogar die Schaufensterscheiben des Lebensmittelladens von Karl Mihms Mutter zerspringen. Nur zwei Wochen vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs kommt es zu einem Betriebsunfall auf der Malsfelder Kanonenbahnbrücke, der über die Region hinaus Geschichte schreibt.

Es ist Anfang März 1945, der damals zehnjährige Karl Mihm erkundet mit seiner vor den Amerikanern versteckten Agfa-Box tagelang neugierig die Gegend – und lässt sich sogar in einem abgeschossenen US-Panzer ablichten (wir berichteten). Doch welches Motiv sich dem Jungen an einem späten März-Nachmittag bieten sollte, damit hätte niemand gerechnet. Ein tragisches Unglück, bei dem 16 Güter-Waggons in die Tiefen der Fulda stürzen. Die Ladung an dem Tag verhindert Schlimmeres: Kleidung, Schuhe, Zellwolle und andere Dinge, die im Krieg gebraucht wurden. Keine Waffen. Keine Munition.Der Einschlag ist dennoch gewaltig: "Wir dachten zuerst, es sind Fliegerbomben. Es gab ein enormes Feuer, die Flammen waren meterhoch! Die Trümmer qualmten noch Wochen später", erinnert sich der heute 80-Jährige Mihm. Die Bewohner des Unterdorfs müssen sogar ausquartiert werden. "Viele hatten große Angst, dass das helle Feuer feindliche Flieger anlocken würde."Doch wie konnte es zu der Tragödie kommen? "Die Waggons waren untereinander nur bedingt kompatibel", erklärt Mihm. Dennoch werden sie aneinander gekoppelt. Das bringt die Katastrophe ins Rollen. An dem Tag des Unfalls befährt ein langgestreckter Güterzug mit 16 Waggons die Brücke. Von der Strecke Bebra-Kassel soll es über das Hochgleis in Malsfeld auf die Kanonenbahnbrücke gehen. Doch in Richtung Homberg muss der Zug vor dem Oberbeisheim-Tunnel halten. "Beim Anfahren hat sich ein Teil des Zuges abgekoppelt, 16 Waggons verselbständigten sich und rollten rasant das Gefälle in Richtung Malsfeld zurück", erzählt Mihm. Die Aufregung von damals, das Feuer vor den Augen – es ist noch heute präsent.

Die Malsfelder handeln schnell: In Niederbeisheim merken einige, dass etwas nicht stimmt und verständigen den Malsfelder Bahnhof. Die Malsfelder stellen die Weichen sofort um. Der Plan: Die Waggons sollen nach Spangenberg auslaufen. "Hätte das geklappt, wäre das Unglück nie passiert", betont Mihm. Doch die Wucht des Zuges und der Schwung des zwölf Kilometer langen Tals sind zu stark. Die Waggons entgleisen, stürzen über den Rand der Brücke und reißen den ersten Brückenbogen mit sich in die Fulda. "Gott sei Dank war die Ladung ungefährlich. Wären da Sprengkörper oder Munition geladen gewesen, ich säße heute nicht mehr hier. Dann wäre Malsfeld weg gewesen", sagt Karl Mihm, sein Blick schweift kurz ab. Doch der zehnjährige Karl denkt nicht an die Gefahr – er rennt zur Unglücksstelle und knippst die historische und einzige Aufnahme der zerstörten Kanonenbahnbrücke.

+++EXTRA INFO+++

Die als Kanonenbahn bekannte Eisenbahnlinie Berlin-Koblenz wurde auf Geheiß von Kaiser Wilhelm Ende des 19. Jahrhunderts gebaut. Denn: Der Kaiser wollte eine schnelle Verbindung von Berlin an die französische Grenze. Im Ersten Weltkrieg nutze man die Strecke, um Truppen und Material schnellstmöglich in Richtung Frankreich zu bekommen. So entstand der Name "Kanonenbahn". Als Teil der Kanonenbahn wurde 1879 das Malsfelder Viadukt eingeweiht. Als geschwungene Eisenkonstruktion galt die Brücke damals als beachtliche Ingenieurleistung.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Einbruch im Mehrfamilienhaus in Borken

Einbrecher lassen Flachbildschirmfernseher, Bierdosen und Tabak mitgehen.
Einbruch im Mehrfamilienhaus in Borken

Melsunger Bildungsmesse lockt über 1.500 Besucher in die Pfieffewiesen

Bereits zum vierten Mal fand die Bildungsmesse statt, allerdings zum ersten Mal im Messezentrum der EDEKA in den Pfieffewiesen und somit auch auf über 1.700 …
Melsunger Bildungsmesse lockt über 1.500 Besucher in die Pfieffewiesen

Einbruch ins Neuentaler Rathaus: Täter richten 5000 Euro Schaden ein 

In der Zeit zwischen Freitagabend, 20 Uhr und heutigen Montagmorgen, 7 Uhr, sind nach Polizeiinformationen unbekannte Täter in das Rathaus der Gemeinde …
Einbruch ins Neuentaler Rathaus: Täter richten 5000 Euro Schaden ein 

Blick in die Zukunft

Bildungsmesse in Fritzlar zeigt berufliche Perspektiven
Blick in die Zukunft

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.