Trost in der Dunkelheit: „Trauercafé“ hilft in schwerster Zeit

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Raum für verletzte Seelen: Wir waren im Trauercafé Melsungen begegnen sich Hinterbliebene, um sich über ihre Schicksale und Erfahrungen auszutausche

Melsungen. Der Tisch im Trauercafé ist weihnachtlich geschmückt. Es ist der 16. Dezember. Ein grauer Nachmittag.  Grüne Teelichter,  eine rote Kerze, dezent gesetzte Tannenzweige und festliche Servietten zieren die weiße Fläche. "Es darf nicht zu viel sein", sagt Ingeborg Schwanke. "Viele Trauernde reagieren allergisch auf Weihnachtsdeko. Jeder geht mit dieser Zeit aber anders um", sagt sie. Zusammen mit Petra Hochschorner leitet sie das Trauercafé der Hospizgruppe Felsberg/ Melsungen.  Erlebt haben beide vieles: "Von  ‘Ich feiere gar nicht mehr’ bis hin zu ‘Es geht weiter’  haben wir schon alles gehört. Jede Reaktion ist dabei legitim." Für viele Trauernde sei die Weihnachtszeit zu laut und zu schrill. Weihnachtsmärkte seien geradezu unerträglich – zu viele Liebespaare, zu viele schmerzhafte Erinnerungen.

Über Wut und Hilflosigkeit

Agathe R.* ist zum ersten Mal im Trauercafé. Ihre Trauer quält sie seit vier Monaten. Zum ersten Mal teilt sie nun ihre Gefühle in einer Gesprächsrunde mit anderen Trauernden. Sie möchte davon erzählen, was ihr im August das Herz gebrochen hat. Zuerst hastig und dann wieder langsam zupft sie an dem feuchten Papiertaschentuch. Ganz zerknautscht liegt es in ihrer Faust zwischen den schlanken Fingern. Als würde ihr das umklammerte Stück Papier Halt geben. Halt am dunklen Abgrund der Trauer, an dessen Rand sie steht. Zwischen den Taschentuchzipfeln blitzt am Ringfinger der goldene Treueschwur hervor. "Es geschah so plötzlich", sagt Agathe R.  Ihre Stimme bricht. Zu sehr drücken die aufsteigenden Tränen im Hals. R.s Ehemann ist im August an den Folgen eines Herzinfarkts gestorben. Den plötzlichen Tod zu akzeptieren fällt ihr schwer.  "Er war einfach weg." Die Situation macht die 62-Jährige wütend: "Ist doch scheiße!", ruft sie durch die runter kullernden Tränen. Alleine zu verstehen, was da passiert ist, ist für sie eine Heraklesaufgabe. Deshalb sei sie ins Trauercafé der Hospizgruppe gekommen.

Weinen ist keine Schwäche

"Das Trauercafé ist ein Ort des Austauschs. Wir begleiten die Teilnehmer und möchten helfen, über den Verlust zu sprechen", sagen die Leiterinnen. Die wichtigsten Regeln für die Trauernden: Nichts verdrängen, alle Gefühle zulassen. Wut, Traurigkeit, Erleichterung, Tränen – alles darf und soll im geschlossenen Raum geschehen. "Jeder darf kommen. Jeder trauert individuell und ist in einer anderen Trauerphase. Hier erteilt niemand einem anderen Ratschläge oder gibt vor, was er fühlen müsste ", erklärt Hochschorner. Vor allem die Hemmschwelle solle abgebaut werden, "Schwäche" zu zeigen. "Was hier passiert, bleibt auch hier. Unsere Aufgabe ist es, den richtigen Raum zu bieten", betonen Hochschorner und Schwanke. Sowie ein offenes Ohr und Verständnis. Davon bringen beide viel mit. Auch Ingeborg Schwanke selbst hat vor neun Jahren ihren Mann verloren. "Plötzlicher Herztod", sagt sie. Gefühle wie Schock und Fassungslosigkeit, den Verlust von jetzt auf gleich, kennt sie nur zu gut.

Die Schicksale ihrer Teilnehmer berühren beide immer. "Aber wir gehen mit einem guten Gefühl nach Hause. Auch jeder Teilnehmer. Wir schließen das Trauercafé immer positiv ab", ergänzen sie. Zum Abschluss darf jeder ein Teelicht anzünden und sagen, was ihm Hoffnung gibt. Das Hoffnungslicht darf mit nach Hause.

"Er ging in die Ewigkeit"

Wie Agathe R. trauert Anneliese K.* um ihren Ehepartner. Ihr Mann ist am Totensonntag in die Ewigkeit gegangen. So erzählt es die Rentnerin. Dann erhellt ein Lächeln ihr noch jugendliches Gesicht, ihre Augen leuchten kurz auf. "Ich hatte einen so schönen Abschied, schöner geht’s nicht", sagt sie und strahlt. Sie trägt Schwarz an diesem Nachmittag. Doch sie sei erleichtert. Ihr Ehemann sei schwer dement gewesen – doch an seinem Todestag ganz klar. "Ich war in seinem letzten Augenblick bei ihm. Und jetzt ist er noch immer bei mir. Ich spüre ihn", erzählt die Melsungerin.

Petra Hochschorner und Ingeborg Schwanke betonen, dass das Trauercafé keine Therapie sei. "Trauer ist ja auch keine Krankheit. Es ist ein Prozess, den man aushalten muss, dem man sich jeden Tag stellen muss, um alles zu verarbeiten und aufzubrechen." (*Namen von der Redaktion geändert)

+++ EXTRA-INFO: Hilfe für Trauernde und Sterbende +++

Das nächste Trauercafé (mit Kaffee und Kuchen) der Hospizgruppe Felsberg/Melsungen findet am Mittwoch, 27. Januar, von 15 bis 17 Uhr am Huberg 4 in Melsungen statt. Eine Anmeldung ist nicht nötig. Auch gibt es aktuell Trauercafés und Trauergruppen in Gudensberg, Homberg, Neukirchen, Remsfeld, Wabern und Ziegenhain.

Weitere Infos unter www.trauerhospiznetzwerk-sek.de oder in den Hospizgruppen:• Borken (05682-733715, 0170-7150594), hospiz-borken@ gmx.de• Felsberg/Melsungen (05661-9261933, 01577-4733990), www.hospizgruppe.net• Chattengau (05603-9114971, 0151-12149111), www.hospizgruppe-chattengau.de• Frielendorf (05684-8186), hospizfrielendorf@gmx.de• Fritzlar (05683-8790, 05622-5105), www.hospizverein-fritzlar.de• Neukirchen (06694-51560), www.stmartin-neukirchen.de• Treysa (0173-9798777), www.kirche-fvr.de/hospiz.html• Koordination für Frielendorf, Neukirchen und Treysa (06691-9210272 oder 0176-41882480)

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