Trotz Schwerbehinderung kann Homberger Markus Boss wieder arbeiten – dank des Projektes „Lebens(t)raum“

+
Auch Menschen mit Behinderung wie Markus Boss (vorne) sollten eine Chance auf Arbeit bekommen. Diese Menschen stärken ihm den Rücken: (v. li.) Marisa Flohr (Fliesen und Bäder Flohr Borken), Malwine Dubik (Kreishandwerkerschaft Schwalm-Eder), Dirk Schieferdecker (GSM-Coach) und Gerit Flohr (Fliesen und Bäder Flohr Borken).

Er galt bereits als beruflich abgeschrieben, doch dank des Familienbetriebs Fliesen und Bäder Flohr bekam er die große Chance, wieder arbeiten zu gehen.

Von VANESSA VON LENGERKEN

Borken. Als sich Gerit Flohr vom Borkener Familienunternehmen Fliesen und Bäder Flohr den Lebenslauf von Markus Boss durchlas, war er zunächst nicht gerade angetan. Seit 2007 arbeitslos, davor nur ein Jahr oder weniger bei insgesamt elf Arbeitgebern beschäftigt. „Normalerweise wäre ein Bewerber mit solch einem Werdegang bei mir durchs Raster gefallen“, so Flohr. Doch er entschied sich dafür, Markus Boss eine Chance zu geben – mit einem Grad der Behinderung von 60*. „Und bis heute habe ich diese Entscheidung nicht bereut.“

Markus Boss hat bei Fliesen und Bäder Flohr die Chance bekommen, als Lagerist zu arbeiten – und diese erfolgreich genutzt.

Markus Boss ist seit seinem zwölften Lebensjahr Diabetiker. Hinzu kam 2008 eine Hepatitis C-Erkrankung, die mittlerweile chronisch ist. „Momentan bin ich beschwerdefrei und wollte unbedingt wieder arbeiten. Ich habe eine Frau und drei Kinder. Wie soll ich ihnen mit Hartz IV etwas bieten?“, erklärt der 41-jährige Homberger seine Entscheidung, an dem Projekt „Lebens(t)raum“ teilzunehmen. Er erhielt Dirk Schieferdecker als persönlichen Coach an die Seite, der mit ihm den Bewerbungs- und Einstellungsprozess durchlebt.

„Wir wollen Respekt, einen offenen Umgang sowie mehr Selbstverständlichkeit für Menschen mit Behinderung schaffen“, erklärt Malwine Dubik von der Kreishandwerkerschaft Schwalm-Eder, der Schnittstelle zu potentiellen Arbeitgebern. „So werden Arbeitgeber und -nehmer aufgeklärt und können mit einem guten Gefühl in die Zusammenarbeit starten“, so Schieferdecker.

Doch in Boss’ Fall musste kein Betrieb gesucht werden, denn Gerit Flohr vom gleichnamigen Betrieb in Borken kam auf Dubik zu: „Ich brauchte dringend einen Lageristen. Durch eine Mailing-Aktion wurde ich auf den GSM Lebens(t)raum aufmerksam und da Not am Mann war, habe ich mich gemeldet.“ Lange Zeit habe er sich sehr intensiv mit Boss über dessen Vergangenheit unterhalten und dadurch ihn und das Thema Behinderung verstanden. „Es war ein offenes, ehrliches und teilweise auch sehr persönliches Gespräch. Am Ende dachte ich mir, Boss könnte zu uns passen“, erinnert sich Flohr an das Bewerbungsgespräch.

Dabei ist ein Bewerber laut Dubik in den ersten sechs Monaten rein rechtlich nicht verpflichtet, eine Behinderung offenzulegen. „Ich habe aber bisher immer gesagt, was Sache ist. Ich fand das Gespräch angenehm, es war schön, dass alles zur Sprache gekommen ist. Es bringt nichts, etwas zu verstecken“, ist sich Boss sicher.

Nach erfolgreichem Probearbeiten wurde Boss eingestellt – direkt unbefristet. „Ich konnte mir unter einem Grad der Behinderung von 60 nichts vorstellen, deshalb hat er mich echt beeindruckt. Ich kann keinen Nachteil erkennen. Er zeigt sich sehr motiviert“, lobt Gerit Flohr, „und falls es am Ende mal nicht so gelaufen ist wie geplant, dann setzen wir uns zusammen und machen es noch einmal. “

Markus Boss erweise sich im Familienbetrieb als echter Allrounder: Er liefere Bäder aus, nehme Ware an, gestalte das Gelände oder erledige die eine oder andere Reparatur. „Ich bin froh, dass ich hier arbeiten darf. Die Arbeit macht mir wirklich Spaß“, sagt Boss mit einem Strahlen im Gesicht. Auch Inhaberin Marisa Flohr zeigt sich erfreut über die Entscheidung ihres Sohnes: „Markus Boss hat mich überrascht. Er ist sehr willig zu arbeiten, nett, zuvorkommend und gibt sich Mühe.“ Trotz anfänglicher Zweifel, das Flohr-Team ist sich einig: Es hat sich gelohnt, Markus Boss eine Chance zu geben.

*Anm. d. Red.: Der Grad der Behinderung beginnt bei 20 und reicht in Zehnerschritten bis 100. Dabei handelt es sich nicht um Prozentangaben, wie oft irrtümlich angenommen. Je höher der Wert, desto umfangreicher sind die Beeinträchtigungen. Als schwerbehindert gelten Personen mit einem Grad der Behinderung von mindestens GdB 50 der vom Versorgungsamt festgestellt wird.

Das Projekt „Lebens(t)raum“ der GSM Training und

Integration GmbH in Borken unterstützt bereits im vierten Jahr im Schwalm-Eder-Kreis arbeitssuchende Menschen mit Schwerbehindertengrad (bzw. Gleichstellung) bei der beruflichen Integration. Die Teilnehmer müssen einen Grad der Behinderung von mindestens 50 bzw. 30 mit Gleichstellung vorweisen. Gefördert wird das Projekt durch den Europäischen Sozialfonds. Das Projekt richtet sich gleichermaßen an Arbeitnehmer und -geber.

Leiter des Projekts „Lebens(t)raum“ ist Andreas Schmelzer vom Jobcenter Schwalm-Eder (Tel. 06691-8068520). Ansprechpartnerin für Arbeitgeber ist Malwine Dubik von der Kreishandwerkerschaft Schwalm-Eder (Tel. 05681-988175).

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Treffpunkt in der Ortsmitte: Schwälmer Brotladen in Körle eröffnet

Die Körler lassen sich das Handwerk schmecken. Seit Kurzem können sie in der Ortsmitte in aller Ruhe frühstücken und sich zum Austausch treffen. Der Schwälmer Brotladen …
Treffpunkt in der Ortsmitte: Schwälmer Brotladen in Körle eröffnet

Bahnhof Treysa: Barrierefreier Umbau geht voran

Im Oktober 2018 hatte der lang ersehnte Umbau des Bahnhofs in Schwalmstadt-Treysa begonnen. Im Dezember soll nun der nächste Bauabschnitt folgen. Dabei werden Bahnhof …
Bahnhof Treysa: Barrierefreier Umbau geht voran

93-jährige Hersfelderin verteilt Essen an Bedürftige

Bis ins hohe Alter aktiv: Elfriede Liers ist 93 und engagiert sich bei der Tafel Bad Hersfeld. Hier sorgt sie jede Woche dafür, dass Menschen etwas zu Essen bekommen, …
93-jährige Hersfelderin verteilt Essen an Bedürftige

KTM-Enduro im Wert von 5.900 Euro in Deute gestohlen

In der Nacht von Donnerstag auf Freitag wurde eine Enduro-Maschine der Marke KTM aus einem Carport im Gudensberger Stadtteil Deute geklaut.
KTM-Enduro im Wert von 5.900 Euro in Deute gestohlen

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.