Verlegung der Waberner Stolpersteine: Das schlimme Schicksal der Familie Löwenstein

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Insgesamt neun Stolpersteine wurden in Wabern verlegt: vier Steine für die Familie Frenkel in der Bahnhofsstraße 15 und fünf weitere für die Familie Löwenstein in der Bahnhofsstraße 21. Damit wird durch Künstler Gunter Demnig (re.) den Schicksalen der jüdischen Familien gedacht. Zur Verlegung waren neben rund 60 Zuschauern auch (v. li.) Manfred Uchtmann vom Waberner geschichts- und Kulturverein, Bürgermeister Claus Steinmetz und Lehrer und Historiker Thomas Schattner.

Am Donnerstag wurde in Wabern insgesamt neun Stolpersteine verlegt, um an die jüdischen Familien Löwenstein und Frenkel zu gedenken. Lehrer und Historiker Thomas Schattner erzählte im Gespräch mit unserer Zeitung die Geschichte der Familienmitglieder Löwensteins.

Wabern. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, heißt es im Talmud, einem der bedeutendsten Schriftwerke des Judentums. Der Kölner Künstler Gunter Demnig versucht seit nunmehr über einem viertel Jahrhundert das Vergessen zu stoppen: Er verlegt besondere Pflastersteine vor den ehemaligen Wohn- und Geschäftshäusern der Opfer von Nationalsozialisten. „Stolpersteine“ heißt das Projekt, die Botschaft dahinter: den Opfern ihre Namen zurückzugeben und zu zeigen, dass sie Nachbarn waren. Auf den kleinen Gedenktafeln sind Inschriften angebracht, mit Namen und Schicksalen der Opfer.

Am Donnerstag wurden in Wabern im Beisein von knapp 60 Zuschauern sowie Manfred Uchtmann vom Waberner Geschichts- und Kulturverein, Bürgermeister Claus Steinmetz sowie Lehrer und Historiker Thomas Schattner die Steine für die Familienmitglieder in der Bahnhofstraße 21 gelegt – damit die Familie Löwenstein symbolisch zurückkehrt an ihren alten Heimatort.

Schattner recherchierte im Vorfeld über die Familienmitglieder Löwensteins und erzählte im Gespräch mit unserer Zeitung deren schlimme Schicksale. Sein Wissen über die Löwensteins stammt aus Gesprächen mit Nachfahren (Marianne Salzmann-Löwenstein, Martin und Robert Salzmann) und aus dem Nachlass von Leopold Löwenstein. Dazu besitzt er einen Brief von Hanna Lissauer (geb. Löwenstein) und mehrere von einem Sohn von Irma Oppenheim (geb. Löwenstein).

Die Familie Löwenstein betrieb in Wabern 1895 ein Textilgeschäft in der Bahnhofstraße. Vater Simon und seine Frau Gitta hatten fünf Kinder: Irma, Adolf, Leopold, Walter und Hanna. „Im Jahr 1930 wurde der Alltag der jüdischen Bürger in Wabern allerdings schwieriger“, so Schattner: „Das gesellschaftliche Klima in Wabern hatte sich verändert. Tagsüber trauten sich die Löwensteins nicht mehr auf die Straße, so dass auch Gitta und Simon auf ihre abendlichen Spaziergänge verzichten mussten.“

Sohn Walter zog bereits 1933 nach Kassel. Dieser frühe Fortgang von Wabern hatte seinen Auslöser in den Vorgängen im Karlshof. Dort hatte die SA ein sogenanntes „wildes Konzentrationslager“ eingerichtet. Walter war eines der jüdischen Opfer, die Folterungen über sich ergehen lassen mussten.

Demnigs Handwerkszeug besteht aus Meißeln, Boschhämmern und Zement. Seit 1992 hat er 65.000 Stolpersteine verlegt.

Im Mai 1936 wanderte er dann in die Niederlande aus. Als er Anfang März 1943 von der Deutschen Sicherheitspolizei den Aufruf erhielt, sich zum Abtransport in ein Vernichtungslager bereitzuhalten, versteckte sich Walter.

Laut Schattners Recherchen war das Versteck räumlich so eng und klein, dass Walter darin nur mit größter Mühe und in gebückter Haltung passte. „Des Öfteren musste er sich darin eine ganze Nacht und einen vollen Tag bewegungslos verhalten, so dass er nicht einmal die einfachsten menschlichen Bedürfnisse verrichten konnte’, erzählt Schattner, „Walter überlebte so den Holocaust und blieb anschließend noch einige Jahre in Utrecht ehe er 1964 mit seiner Frau Erna ganz nach Kassel verzog. Walter verstarb am 8. Januar 1967 in Bad Wildungen nur wenige Monate nach dem Tod von Erna.“

Auch zum Schicksal Walters’ jüngeren Bruders Leopold fand der Historiker einiges Interessantes in dessem Nachlass: Nach seinem Einsatz als Soldat im Ersten Weltkrieg, in dem er schwer verwundet wurde, kehrte Leopold Löwenstein nach Wuppertal zurück. Im Jahr 1922 machte er sich dort selbstständig. Auf Grund des antisemitischen Drucks gab er 1936 sein Geschäft auf und floh in die Niederlande.

Als in Holland die Deportation der jüdischen Bürger begann, bezog Leopold sein vorbereitetes Versteck in seiner Wohnung, das trotz mehrerer, zum Teil stundenlanger, Hausdurchsuchungen unentdeckt blieb. Nur Ehefrau Hilde war eingeweiht. Nicht einmal seine Tochter Marianne wusste, wo sich ihr Vater befand.

„Nach Kriegsende tauchte Leopold wieder aus seinem Versteck auf und zündete sich als erstes eine Zigarre an“, weiß der Waberner Historiker. Er verstarb am 28. August 1975 in Amsterdam ohne jemals wieder deutschen Boden betreten zu haben.

Im Anschluss wurden in der Bahnhofsstraße 15 Stolpersteine für Familie Frenkel verlegt, wo fast alle Mitglieder Opfer des Völkermords der Nationalsozialisten wurden.

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