Volands Edeka-Laden in Melsungen schließt nach über 30 Jahren

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Trauriger Abschied nach Jahrzehnten: Das charmante Kult-Edeka von Günter Voland in der Rotenburger Straße in Melsungen schließt Ende Juli.

Melsungen. "Na, Frau Tasler, soll’s denn Ihr Joghurt sein? Oder probieren Sie mal unsere Ahle Wurscht. Die Bratwurst wird Ihnen auch schmecken, das verspreche ich" – Günter und Marita Voland kennen ihre Kunden in ihrem kleinen Edeka. Seit 30 Jahren begrüßen sie diese schließlich immer persönlich in der Rotenburger Straße – und das mit einem großen Lächeln, viel Herz und Interesse am Menschen. Viele von ihnen kennen sie seit Jahrzehnten, erleben mit ihnen und  ihren langjährigen Mitarbeitern Höhen und Tiefen abseits der Ladentheke. "Ich gehöre hier fast schon zum Inventar", lacht Gertrud Kallert, seit 19 Jahren an Bord. Während sie spricht, tippt sie noch Kleinigkeiten in die Kasse ein, gescannt wird hier nicht. Keine Arbeit am Fließband, buchstäblich. Doch nun fällt ein fester Bestandteil des Lebens der Volands weg: Am 31. Juli ist Schluss für das charmante Kult-Edeka. Ein riesiger Einschnitt in den gewohnten Alltag – vor allem für Inhaber Günter Voland und Ehefrau Marita. Auch sein zweiter Laden in Spangenberg-Herlefeld öffnet am 30. Juni zum letzten Mal seine Türen. Der Grund: Die Gesundheit des 63-Jährigen spielt nicht mehr mit. "Ich habe seit 16 Jahren keinen Urlaub mehr gemacht. Heute bin ich leider nicht mehr so fit. Mein Arzt sagte mir ausdrücklich, das es so nicht weiter geht. Ich habe ja nur die eine Gesundheit", erklärt er und seufzt.

Stünde es um seinen Zustand besser, hätte Voland sein Lädchen noch drei bis vier Jahre weitergeführt. Doch nicht nur die Gesundheit schwinde mit der Zeit, auch die Lust. Doch ein Nachfolger, der mit dem selben Ehrgeiz und Einsatz das Geschäft fortführt, sei zurzeit noch nicht in Sicht. Hindernis auf der Suche: "Die jungen Leute wollen einen Acht-Stunden-Job. Ich arbeite sechs Tage die Woche, am siebten Tag erledige ich Büroarbeit von zu Hause aus."   Für Träume, Familie und eigene Bedürfnisse war da bis heute kein Platz. "Das Familienleben hat schwer unter der Arbeit gelitten, ich habe vor allem bei meinen Kindern viel verpasst, als sie noch klein waren. Jetzt sind sie erwachsen und ich kann nicht mehr zurück stecken, es nützt alles nichts", sagt der 63-Jährige und wirkt nachdenklich. Sein Lächeln hat er trotzdem nicht verloren: "Meine Gefühle sind gemischt. Einerseits bin ich traurig, dieses Leben aufzugeben. Andererseits freue ich mich auf das Unbekannte: Die Freizeit", lacht er. "Wir nehmen es mit Humor", bestätigt auch Ehefrau Marita. "Unser neues Problem ist: Was stellen wir mit der Zeit an? Und wo gehen wir überhaupt einkaufen?" Der einzige Schluss-Trost für beide: "Das ‘Muss’ ist weg. Ich kann alles, muss aber nichts", sagt Günter Voland zufrieden.

Mit den Volands sind auch die Stammkunden in langjähriger Treue gealtert. "Es ist traurig und schade. Der Laden ist so familiär. Hier ist doch nichts mehr los, wenn der liebe Mann schließt", sagt eine 80-jährige Kundin. Die vielen Senioren sind sich einig: "Die kleinen Läden verschwinden nach und nach aus der Altstadt, wo sollen wir Alten noch einkaufen?"  Trotzdem ist die Stimmung gut – die letzten Wochen wolle man schließlich genießen. Denn Abschied wollen sie alle mit einem Lächeln nehmen. Als nächstes holen die Volands  einiges nach: "Jetzt werden Träume erfüllt", freuen sich beide. "Ich habe immer von einer Reise nach Norwegen geträumt und davon, einen Schäferhund zu haben. Das nehmen wir jetzt in Angriff."

+++ ZWISCHENRUF von JULIA ENGELHARDT+++

Das ist schade: Aber die Gesundheit geht vor. Nach 30 Jahren mühevoller und pausenloser Arbeit haben Günter Voland und seine Frau sich den Ruhestand allemal verdient.  Dieser nachvollziehbare Schritt  führt jedoch auch dazu, dass wieder ein Traditionsladen in Melsungen schließt. Gerade im Hinblick auf die steigende Anzahl der Senioren in der Stadt und Region wird diese Art von Einzelhandel  fehlen. Vor allem der Bringdienst war für viele ältere Kunden eine große Hilfe. Diese müssen nun zusehen, wie sie ihren Einkauf erledigen und müssen wohl auf anonyme Supermarkt-Riesen zurückgreifen. Dabei schätzen besonders die Älteren den persönlichen Kontakt und die familiäre Atmosphäre in den kleinen Läden.  Die Jüngeren hingegen suchen kleine Läden oft nur in Notfällen auf, falls dringend etwas fehlt. Leider muss ich gestehen, dass auch ich zu dieser Generation gehöre, bei der alles anonym, schnell und sofort erledigt werden muss. Fast alles in der heutigen Zeit ist darauf ausgerichtet, schneller, weiter, besser zu sein. Deshalb fehlt auch der Nachwuchs, der dazu bereit ist, einen kleinen Laden zu übernehmen. Finanziell lohnt es sich meist nicht.  Außerdem ist der Zeitaufwand, der dahinter steckt, viel zu groß. Und wer will schon sieben Tage in der Woche arbeiten? Die Großen tragen natürlich auch dazu bei, dass all die kleinen, feinen Läden  vom Markt verdrängt werden. Dabei sind es die Kleinen, die die Großen erst groß gemacht haben. Für Sie, liebe Frau Voland und lieber Herr Voland, wünsche ich nur das Beste. Sie haben vorbildliche Arbeit geleistet.

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