Zu wenig Krippenplätze: Kreis geht bei Ausbildung von Kindertagespflegepersonen in die Offensive

+
Bei Tagesmutter Sladjana Fischer kommen nur frische Lebensmittel auf den Tisch: Olivia, Sophia, Julia, Anna und Madita schmeckt es immer bestens.

Auch im Schwalm-Eder-Kreis ist es für Eltern nicht leicht, einen Krippenplatz für den Nachwuchs zu finden. Nicht nur in kommunalen Einrichtungen mangelt es an Plätzen, auch das Alternativangebot der Betreuung bei einer Kindertagespflegeperson ist derzeit nicht ausreichend, um den Bedarf zu decken.

Fritzlar-Werkel. Zwischen 100 und 200 Manager hat sie über 20 Jahre täglich betreut – vor gut anderthalb Jahre ist der Altersdurchschnitt der Personen in Sladjanas Obhut jedoch deutlich gesunken. Die ehemalige Tagungsleiterin im Hotelgewerbe hat umgesattelt und ist jetzt qualifizierte Tagesmutter. Ihr Arbeitsort ist gleichzeitig ihr zu Hause. Die 44-jährige lebt mit ihrer Familie in einem Haus im Fritzlarer Stadtteil Werkel.

Die obere Etage hat Fischer zum kleinen Kinderparadies umgebaut. Auf gut 70 Quadratmetern können sich die von der Werkelerin betreuten Kinder frei entfalten. „Früher habe ich bis zu 60 Stunden in der Woche gearbeitet. Der Job hat mir Spaß gemacht. Doch in meiner neuen Tätigkeit habe ich tatsächlich auch meine persönliche Erfüllung gefunden“, schwärmt die 44-Jährige. Sie ist selbst Mutter von drei Kindern und kann allein deshalb bereits auf jede Menge Erfahrung bei der Betreuung zurückgreifen.

Das allein reicht jedoch nicht aus, um sich als Tagesmutter selbstständig machen zu dürfen. Fischer hat sich in einer Qualifizierungsmaßnahme fortgebildet – insgesamt 165 Unterrichtsstunden musste sie absolvieren. Jetzt setzt die Dreifach-Mutter noch eins drauf und absolviert eine weitere Fortbildungseinheit. Fischers Ziel: die Zertifizierung als „Qualifizierte Kindertagespflegeperson“ (siehe EXTRA-INFO).

Aktuell betreut die Werkelerin fünf Kinder unter drei Jahren. „Ich darf zehn Verträge abschließen und fünf Kinder gleichzeitig betreuen“, erklärt die Tagesmutter, die neben allem Idealismus nicht verschweigt, dass der Job auch finanziell attraktiv sein kann. „Durch die Zertifizierung bekomme ich 4,40 Euro pro Kind und Stunde, zudem übernimmt der Kreis die Hälfte der Sozialversicherung“, so Fischer. Nach Angaben des Schwalm-Eder-Kreises erhalten Tagesmütter oder auch -väter bei einer Ganztagesbetreuung von 35 bis 40 Wochenstunden zwischen 646 und 1029 Euro pro Kind im Monat.

Und der Kreis arbeitet daran, die Attraktivität des Jobs herauszustellen, denn es herrscht akuter Mangel an Krippenplätzen. Um entsprechend ausbilden zu können, wurde der Kreis jetzt in das Förderprogramm des Bundes „Pro Kindertagespflege – Wo Bildung für die Kleinsten beginnt“ aufgenommen – als erster Landkreis in Nordhessen. „Die Kommunen kommen so schnell nicht hinterher, den Bedarf an Plätzen zu decken“, bestätigt Kreispressesprecher Stephan Bürger. Eltern haben jedoch einen Rechtsanspruch für einen Betreuungsplatz ab dem ersten vollendeten Lebensjahr. Mit aktuell 106 Tagesmüttern im Schwalm-Eder-Kreis könne der Bedarf jedoch auch durch sie nicht gedeckt werden.

„Wir bräuchten 150 Tagesmütter bzw. -väter im Kreis“, sagt Renate Glebe, die die Kindertagesbetreuung im Kreis koordiniert. Dabei solle die Betreuung abseits der Kita keine Notlösung sein, sondern eine qualitativ hochwertige Alternative, die auch Vorzüge biete. „Tagesmütter können flexiblere Betreuungszeiten anbieten“, stellt Glebe heraus. Die Koordinatorin hofft, dass mehr Frauen und auch Männer den Weg von Sladjana Fischer einschlagen. Die jedenfalls, könne sich vor Anfragen kaum retten: „Ich bin bis 2022 komplett ausgebucht“, verrät die 44-Jährige.

EXTRA-INFO

„Qualifizierte Kindertagespflegeperson“

Die Ausbildung zur „Qualifizierten Kindertagespflegeperson“ wird vom Schwalm-Eder-Kreis angeboten und dauert neun Monate, beginnend mit einer Grundlagenqualifizierung über 160 Unterrichtseinheiten. Der Unterricht findet vorwiegend in den Abendstunden sowie an Wochenenden statt. Anschließend soll ein 80 stündiges Praktikum folgen. Dann steht eine Lernergebnisfeststellung (Fachgespräch und schriftliche Ausarbeitung), nach der die Arbeit als Kindertagespfleger aufgenommen werden darf.

In Teil zwei der Ausbildung folgt eine weitere Grundlagenqualifizierung über 140 Unterrichtsstunden, der ebenfalls eine Lernergebnisfestellung angeschlossen ist. Mit Abschluss erhalten die Teilnehmer schließlich das Zertifikat „Qualifizierte Kindertagespflegeperson“ des Bundesverbandes für Kindertagespflege.

Für den nächsten Kurs im August sind noch Plätze frei. Interessierte können sich an Renate Glebe unter Tel. 05681-775574 oder jugendamt@schwalm-eder-kreis.de wenden.

Mehr zum Thema

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Schwalm-Eder-Kreis: Ab sofort Wasserentnahme aus Gewässern verboten

Bei Verstoß drohen bis 100.000 Euro Strafe.
Schwalm-Eder-Kreis: Ab sofort Wasserentnahme aus Gewässern verboten

Zack, weg ist die Kohle

Beim Einkaufen Portemonnaie geklaut: Opfer berichtet – Polizei gibt Sicherheitstipps
Zack, weg ist die Kohle

Gudensberg: Carin Gruddas „Blau Miau“ ist umgezogen

Skulptur der Gudensberger Künstlerin steht jetzt nicht mehr an der Bushaltestelle am Rathaus sondern am Ortsrand auf dem Firmengelände von Rudolph Logistik.
Gudensberg: Carin Gruddas „Blau Miau“ ist umgezogen

Gemeinschaftsprojekt mit Herz: Radspaßveranstaltung am Sonntag in Homberg, Frielendorf und Borken

Zum ersten Mal präsentieren Homberg, Borken und Frielendorf gemeinsam "Radspaß mit Herz" - einer ganz besonderen Radtour mit Herz.
Gemeinschaftsprojekt mit Herz: Radspaßveranstaltung am Sonntag in Homberg, Frielendorf und Borken

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.