Jungtier-Saison: Expertin erklärt wann Wildtiere menschliche Hilfe brauchen

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Nestlinge können je nach Alter komplett nackt und blind oder schon leicht befiedert sein – sich jedoch nicht selbstständig aufrecht halten. Findet man sie außerhalb des schützenden Nestes, brauchen sie Hilfe.  

Wann und wie man helfen sollte, wenn man ein verletztes oder verwaistes Wildtier findet, erklärt die Felsberger Tierschützerin Jessica Jordan.

Schwalm-Eder. Jetzt im Frühsommer, wenn Andere ins Schwimmbad oder in die Eisdiele gehen und die warmen Sonnenstrahlen genießen, hat Jessica Jordan alle Hände voll zu tun. Denn die Saison hat begonnen – Jungvögel, die aus dem Nest gefallen sind, Entenbabys, die ihre Mutter verloren haben oder verwaiste Feldhasen – Jessica Jordan kümmert sich um sie. Die Felsbergerin widmet ihren Alltag der Pflege und Versorgung von verletzten oder verwaisten Wildtieren.

Derzeit beherbergt die gelernte Tierarzthelferin unter anderem zwei verletzte Tauben, junge Stockenten verschiedenen Alters sowie ein Star-Küken und fast täglich kommen neue Notfälle rein. „In der Saison komme ich hier nicht raus. Dann bin ich nur am füttern und putzen“, so die Tierschützerin, deren Pflegestelle behördlich genehmigt wurde.

Laien greifen oft zu früh ein

Doch nicht alles, was hilfsbedürftig aussieht, braucht auch wirklich Hilfe vom Mensch, wie Jessica Jordan warnt: „Die meisten Finder meinen es ja nur gut, aber nicht jeder Jungvogel der auf dem Boden hockt, braucht Hilfe.“

Nestlinge können je nach Alter komplett nackt und blind oder schon leicht befiedert sein – sich jedoch nicht selbstständig aufrecht halten. Findet man sie außerhalb des schützenden Nestes, brauchen sie Hilfe.  

 Wichtig sei die Unterscheidung zwischen „Ästling“ und „Nestling“: „Nestlinge sind noch nackt. Sie können noch nicht auf ihren Füßen stehen bzw. sitzen. Findet man sie außerhalb des Nestes und ist dieses nicht zu finden, brauchen sie Hilfe. Ästlinge hingegen sind schon gefiedert. Sie sind oft außerhalb des Nestes zu finden, da sie die ersten Flugversuche unternehmen. Manchmal sind die Eltern stundenlang nicht zu sehen“, erklärt Jordan. Nur wenn unmittelbare Gefahr, etwa durch den Straßenverkehr oder Katzen und Hunde bestünde, sollte man sie an einen geschützten Ort bringen und mehrere Stunden beobachten, bevor man eingreift. Auch bei Säugetieren, wie etwa Hasen, Füchsen oder Rehen ist es üblich, dass die Jungen stundenlang allein gelassen werden. „Besteht unmittelbare Gefahr sollte man eingreifen.

Nestlinge können je nach Alter komplett nackt und blind oder schon leicht befiedert sein – sich jedoch nicht selbstständig aufrecht halten. Findet man sie außerhalb des schützenden Nestes, brauchen sie Hilfe.  

Allerdings unterschätzen Laien oft die Arbeit, die ein Wildtier macht.“  Deshalb sei es besser, sich mit einer fachkundigen Pflege- und Auffangstelle in Verbindung zu setzen. „Leider bekomme ich viele Tiere, die schon vom Finder falsch gefüttert wurden. Fehlernährung ist die häufigste Todesursache, von Tieren die mir gebracht werden“, wie Jessica Jordan erzählt. Weder Vögel noch Säugetiere sollten Milchprodukte, Brot, Hunde- bzw. Katzenfutter oder Eierhaltiges bekommen. Auch lebende Würmer sind für Vögel tabu, diese würden im Kropf der Tiere überleben und sich durch die inneren Organe fressen. „Als Notfallversorgung reicht Wasser völlig aus. Dieses sollte jedoch nicht mit der Spritze verabreicht, sondern mit einem nassen Wattestäbchen ans Mäulchen gehalten werden.“

Ein weiterer, großer Fehler, den Laien bei der Aufzucht von Wildtieren machen können, ist die sogenannte Fehlprägung. „Die Tiere verlieren die Angst vor Menschen und können sich nicht alleine versorgen. Ab einem gewissen Zeitpunkt rede ich nicht mehr mit den Pflegetieren. Ich füttere sie nur bzw. lege das Futter hin und das wars dann“, so die Felsbergerin. Denn Wildtiere seien nun mal keine kuscheligen Haustiere. „Wenn man ein Tier wirklich retten will, dann nur so, dass sie auch draußen wieder überlebensfähig sind“, betont Jessica Jordan abschließend.

Jessica Jordan aus Felsberg und „Pitri“, eine junge Taube die mit schweren Verletzungen und offenen Wunden in die Pflegestelle der Tierschützerin kam.

Junges oder verletztes Wildtier gefunden?

Sofern keine unmittelbare Gefahr besteht, sollte man einige Stunden abwarten, ob nicht doch ein Elterntier auftaucht. Wenn Verletzungen vorliegen, das Tier sich nicht alleine auf den Beinen halten kann oder von einem Hund oder einer Katze gebracht wurde, sollte sofort geholfen werden.

Dabei folgende Reihenfolge beachten:

-Das Tier sichern (ausreichend großer Karton, dunkel, ruhig und ausbruchssicher, Vogelkäfige für Wildvögel ungeeignet!)

-Das Tier wärmen (keine direkte Wärme, abgedeckte Wärmflasche oder Heizplatte reicht, kein Rotlicht)

-Die Tierart genau bestimmen (am besten mit fachmännischer Hilfe)

-sachkundige Pflegestelle organisieren

Experten-Hilfe bekommt man bei: Jessica Jordan via Facebook: Jessi’s Welt der Tiere

 In den Facebookgruppen „Wildtier-Notfälle“ und „Wildvogelhilfe“ sowie wwww.wildvogelhilfe.org 

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