Mit der Zeit gehen: Die Church Card soll die Vorteile der Kirche greifbar machen

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Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus, wollen aber gleichzeitig kirchliche Serviceleistungen wie Kitaplätze in Anspruch nehmen. Jetzt hat sich die Evangelische Kirche die „Church Card“ einfallen lassen.

Die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW) will gegen die steigenden Kirchenaustritte vorgehen und hat sich hierzu die Church Card einfallen lassen. „Diese Karte soll den Mitgliedern die Vorteile der Kirche physisch greifbar machen“, erklärt Pressesprecherin Petra Schwermann.

Region. In der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW) hat sich innerhalb der letzten 20 Jahre einiges getan.

„Beispielsweise hat es bereits im November 2011 die Möglichkeit gegeben, dass sich Partner – die eine gleichgeschlechtliche Beziehung führen – segnen lassen können, was lange vor der Öffnung der Ehe im Oktober 2017 der Fall war“, schildert Petra Schwermann, Pfarrerin und Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit der EKKW, den progressiven Charakter der nordhessischen Landeskirche. Doch sind in der Zeit von 1999 bis heute die Mitgliederzahlen von einer Million, um circa 200.000, auf rund 800.660 Menschen gesunken. Den Hauptgrund für die Kirchenaustritte sieht Schwermann in der Kirchensteuer selbst. „Gerade junge Leute, die frisch ins Berufsleben starten und dementsprechend nicht so viel verdienen, sehen die Kirchensteuer als vermeidbare Belastung, dessen Summe sie lieber in einen Urlaub stecken wollen“, sagt Schwermann und fügt ergänzend hinzu: „Auf die Frage vieler Menschen ‘Was habe ich davon Mitglied der Kirche zu sein?’ müssen wir Antworten geben und den Benefit einer Mitgliedschaft deutlich machen.“

„Ihr gehört dazu“

Um diesen Benefit physisch greifbar zu machen, hat sich die EKKW etwas einfallen lassen: Die Church Card. „Sie soll den Mitgliedern sagen: ‘Ihr gehört dazu’. Die Kirche als solche war früher ein fester Teil des gesellschaftlichen Lebens und hat Menschen durch das ganze Leben begleitet. Die Situation ist heutzutage eine andere“, sagt Schwermann und verweist auf die Schnelllebigkeit der heutigen Zeit und den damit einhergehenden Überfluss an möglichen Orientierungen. „Die Kirche befindet sich auf einem Markt der Möglichkeiten und muss sich behaupten“, schildert Schwermann die aktuelle Situation und fügt an: „Viele Menschen möchten ihre Kinder in unsere Einrichtungen schicken, auch wenn sie nicht Mitglied unserer Kirche sind. Das freut uns. Aber wir können nur solange für alle da sein, wie es finanziert werden kann.“

Pfarrerin Petra Schwermann, ihres Zeichens Sprecherin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, erläutert die Überlegungen zur sogenannten Church Card wie folgt: „In der schnelllebigen Welt von heute befindet sich die Kirche auf einem Markt der Möglichkeiten – und da fragen sich viele Menschen: Was habe ich davon, Mitglied der Kirche zu sein?“

Welche Vergünstigungen mit der Einführung der Church Card realisiert werden, stehe noch nicht fest. „Derzeit läuft die Ausarbeitung“, sagt Schwermann. Gegen Ende des Jahres sollen die Möglichkeiten ausgelotet und konkretisiert werden. Gerade die juristische Prüfung brauche Zeit. „Eine Staffelung der Kirchensteuer, die erst ab einem bestimmten Einkommen greift – was Berufseinsteiger entlastet –, ist ebenso denkbar, wie ein Preisnachlass bei Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen sowie die Bevorzugung von Kirchenmitgliedern bei der Vergabe von Kita-Plätzen in unseren Einrichtungen, was frisch gewordene Eltern unterstützt oder reservierte Plätze in den Gottesdiensten“, schildert Schwermann einige der möglichen Vergünstigungen. „Wir müssen den Menschen vor Ort zeigen, dass wir für sie da sind. Und wenn die Bindung unserer Mitglieder – die ohnehin bereits Kirchensteuer zahlen – zur Kirche durch das Ausstellen der Church Card gestärkt werden kann, freut uns das.“Um mit den Gläubigen vor Ort in den Dialog zu treten, kamen vor Kurzem Petra Schwermann – als Vertreterin der EKKW –, und Pastoralreferentin Susanne Degen von der katholischen Pfarrei Oberursel, im Kloster Haydau mit rund 100 Frauen zusammen. Diskutiert wurde an dem Abend die Frage, ob die Kirche in Deutschland eine Zukunft hat. Das Fazit der Diskussionsveranstaltung zog Uta Meurer, die als Moderatorin durch den Abend führte: „Die Lust, Kirche lebendig zu gestalten, sich persönlich in das Gemeindeleben einzubringen und Glauben zu leben ist ungebrochen stark“. „Es ist wichtig, dass die Kirche in Bewegung kommt. Denn es genügt nicht, dass die Institution Kirche erwartet das Menschen zu ihr kommen“, sagt Petra Schwermann und hofft, dass die Church Card eine Möglichkeit ist, den Mitgliedern zu zeigen „ihr gehört zu unserer Gemeinde und habt die Möglichkeit die Kirche aktiv mitzugestalten.“

KONTRA von JULIAN KLAGHOLZ

Sie soll das Wir-Gefühl in der evangelischen Kirche stärken, den Mitgliedern zeigen, dass sie spürbar dazugehören. Die Evangelische Kirche greift in die Innovationskiste und holt die sogenannte Church Card hervor. Eine Idee, die den stetigen Mitgliederschwund aufhalten soll. Der scheidende Bischof der Evangelischen Kirche Kurhessen-Waldeck, Martin Hein, ist davon überzeugt, dass ein Konzept, welches an das einer weltlichen Bonuskarte wie etwa aus dem Einzelhandel angelehnt ist, ebenso gut auf geistlicher Ebene funktionieren kann. Kurioserweise betont Petra Schwermann, Sprecherin der Evangelischen Kirche Kurhessen-Waldeck, dass man durch die Card – anders als der Einzelhandel, der um Kunden wirbt – keine Neumitglieder gewinnen möchte. Man möchte den „Bestand“ halten und diesen mit dem neugeschaffenen Mitgliedsausweis besser stellen. Das ist jedoch nur schwer zu glauben, geht es der Kirche doch nicht nur um vergünstigten Eintritt bei Konzerten oder ähnlichem. Laut Bischof Hein würde man künftig auch gerne Church Card-Inhaber bei der Vergabe von Kita-Plätzen in evangelischen Einrichtungen bevorzugen. Kita-Plätze sind bekanntlich Mangelware. Das ringen um einen Betreuungsplatz beginnt bei den meisten Eltern noch vor der Geburt des Kindes. Folglich würde sich die Kirche die Not einiger Eltern zu Nutze machen, um am Ende doch eines zu erreichen: Neue Mitglieder zu gewinnen. Was legitim wäre, würde man das auch so deutlich kommunizieren.

PRO von STEVEN VORPHAL

Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie soll sich die Zahl der Kirchenmitglieder bis zum Jahr 2060 konfessionsübergreifend mehr als halbiert haben. Im Hinblick auf die vielseitigen Aufgaben, die die Evangelische Kirche übernimmt, ist das mehr als beunruhigend. Um einer Austrittswelle entgegenzuwirken und den Mitgliedern zu sagen „Ihr gehört zu uns“ hat die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck – allen voran Bischof Martin Hein – die sogenannte Church Card ins Spiel gebracht.

Eine Art physischer Beweis dafür, dass man Mitglied der EKKW ist und sie – wenn auch nur finanziell – unterstützt. Die Mitglieder beziehungsweise Unterstützer der Kirche sollen außerdem Vorteile haben, die Nichtmitgliedern verwehrt bleiben. Sei es die Bevorzugung bei der Vergabe von Plätzen in Kitas unter evangelischer Trägerschaft, rabattierte Eintrittskarten bei Kirchenkonzerten, die kirchliche Hochzeit zum günstigeren Preis oder reservierte Plätze in den vielbesuchten Gottesdiensten an Ostern und Heiligabend. Kritiker werden von einer Ökonomisierung der Kirche sprechen, ich finde, das genaue Gegenteil ist der Fall: Hierdurch wird das Engagement der Menschen honoriert, die auch etwas für die Kirche tun. Angefangen beim simplen Zahlen der Kirchensteuer, bis zur ehrenamtlichen Gemeindearbeit vor Ort. Denn eines ist sicher: Ohne diese Menschen, gäbe es die Kirche in der heutigen Form – mit Kindertagesstätten, Pflegediensten, Seelsorgern, Kindergottesdiensten und Ferienfreizeiten und vielem mehr – nicht. Gerade in der heutigen Zeit, in der das eigene Ego oftmals vor allem anderen geht, ist es wichtig, solidarisch zu sein.

Denn die Kirche ist zwar für alle da, aber sie kann diese ganzen Aufgaben nur solange erfüllen, wie sie finanziert werden und die – immer weniger werdenden – Mitglieder sie stemmen können.

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