Ärger bei Waldbesitzern: Kartellamt will Holzvermarktung über Hessen Forst stoppen

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Bedauern die wohl unvermeidbare Entwicklung bei der Betreuung in der Forstwirtschaft: (v. li.) Reinhold Trümner (Forstbetriebsgemeinschaft Jesberg) und Karl Weiß (Forstbetriebsgemeinschaft Homberg).

Die Waldbesitzer in Hessen müssen sich künftig neu organisieren. Das gilt auch für die Forstbetriebsgemeinschaften und Kommunen im Schwalm-Eder-Kreis. Konnten die zuvor auf den Service von Hessen Forst zurückgreifen, will das Bundeskartellamt eine gemeinsame Holzvermarktung jetzt stoppen.

Schwalm-Eder. „Hier werden Strukturen zerstört, die sich über Jahre bewährt haben“, sagt Karl Weiß und erhält ein zustimmendes Nicken von Reinhold Trümner. Beide sind Waldbesitzer, organisiert in Forstbetriebsgemeinschaften (FBG). Weiß hat den Vorsitz der FBG Homberg, Trümner den der FBG Jesberg. Bei der Betreuung ihrer Wälder und die der Genossenschaftsmitglieder konnten die beiden bisher auf den Service von Hessen Forst zurückgreifen.

Das hat wohl aber mit großer Sicherheit ein Ende – zumindest teilweise. Denn: Hessen Forst wird sich in naher Zukunft aus der Holzvermarktung zurückziehen müssen. „Das gilt für alle privaten und kommunalen Forstbetriebe, die über eine Fläche von über 100 Hektar verfügen“, erklärt Weiß.

Der Grund: Das Bundeskartellamt hat etwas dagegen – sieht hier Wettbewerbsverzerrung. Somit könnte es Hessen bald ähnlich ergehen wie Baden-Württemberg. Hier hatte das Kartellamt eine Untersagung der gemeinsamen Holzvermarktung mit dem Landesbetrieb angestrengt und vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf Recht bekommen.

Aber auch vorgelagerte Dienstleistungen, wie das Auszeichnen der Bestände, die Koordination des Holzeinschlags, das Sortieren des Holzes und Erstellen von Verkaufslisten könnten künftig untersagt werden. Ein entsprechendes Urteil des Bundesgerichtshofes – die mündliche Verhandlung findet am 10. April statt – steht hierzu zwar noch aus, doch Weiß und Trümner sind sich sicher: „Das wird nicht mehr aufzuhalten sein. Deshalb müssen wir uns selbst organisieren, um weiter auf dem Markt bestehen zu können.“

Denken intensiv über die Gründung einer forstwirtschaftlichen Vereinigung nach: Die Vertreter der Forstbetriebsgemeinschaften Neukirchen, Jesberg, Morschen-Spangenberg, Fritzlar, Kassel, Werra-Kaufunger Wald und Homberg (nicht auf dem Foto).

Aus diesem Grund wollen sie weitere Forstbetriebsgemeinschaften, Privatwaldbesitzer und Kommunen dafür gewinnen, eine forstwirtschaftliche Vereinigung mit einem hauptamtlichen Geschäftsführer zu Gründen.

„Allein kann keiner auf dem Markt bestehen. Hier müssen wir auch kreisübergreifend denken und Waldbesitzer aus den Nachbarlandkreisen wie Kassel oder Werra-Meißner mit ins Boot holen“, sagt Karl Weiß. Wirtschaftlich lohne sich dieses Konstrukt erst ab einer Waldfläche von etwa 20.000 Hektar, so die beiden Forstexperten.

Erste Schritte wurden bereits unternommen. Im Februar hatte Weiß zu einer Informationsveranstaltung eingeladen, um für die Idee einer forstwirtschaftlichen Vereinigung zu werben. Über 200 Gäste konnte er im Frielendorfer Hotel Hassia begrüßen. Für Weiß ein deutliches Zeichen: „Das Interesse ist da. Es müssen jedoch alle an einem Strang ziehen, auch die Waldbesitzer mit Flächen unter 100 Hektar.“

EXTRA-INFO

Das sagt Vize-Landrat Jürgen Kaufmann

„Es ist extrem bedauerlich, dass hier funktionierende Strukturen aufgelöst werden. Die Zusammenarbeit mit Hessen Forst hier im ländlichen Raum hat sich sowohl für Kommunen als auch Privatwaldbesitzer als effizient erwiesen. Wenn sich Hessen Forst aus der Holzvermarktung zurückzieht, werden es die kleinen Waldbesitzer schwer haben.

Vize-Landrat Jürgen Kaufmann

Um auf dem Markt bestehen zu können, muss man schon eine gewisse Menge anbieten. Da wird bis auf große Privatwaldbesitzer niemand mithalten können. Es sollte somit im Interesse der Kommunen und privaten Waldbesitzer liegen, konkrete Überlegungen anzustrengen, sich gemeinsam zu organisieren.

Den Ansatz von Karl Weiß und Reinhold Trümner kann ich nur gutheißen, unter dem Dach einer forstwirtschaftlichen Vereinigung, in der alle Kommunen und Forstbetriebsgesellschaften organisiert sind, gemeinsam ihr Holz zu vermarkten. Jeder für sich allein macht keinen Sinn. Im Interesse aller kann ich somit nur dazu raten, nach einer Gemeinschaftslösung zu suchen. Hier sollten jedoch auch alle Interessen berücksichtigt werden.

Als Landkreis sind wir insofern hier außen vor, als dass wir keine Waldflächen besitzen. Dennoch stehen wir als Ansprechpartner jederzeit zur Verfügung.“

Forstamtsleiter Günter Schumann zum Thema

„Bisher hatten wir hier im ländlichen Raum eine Optimalstruktur, da Staats- und Privatwälder eng verzahnt aneinander liegen. Wir müssen uns jedoch dem fügen, was da kommen mag. Bisher ist ja ausschließlich die Vermarktung betroffen, ob vorgelagerte Dienstleistungen künftig auch für uns wegfallen werden, bleibt abzuwarten. Nach dem Urteil des Bundesgerichtshofs werden wir sehen, wie es weitergeht.

Günter Schumann, Leiter Forstamt Neukirchen

Personelle Konsequenzen wird das Urteil für uns im Forstamt Neukirchen nicht haben, da die von uns bewirtschaftete Fläche zu zwei Dritteln Staatswald ist. Dass sich die Forstbetriebsgemeinschaften jedoch bereits jetzt Gedanken machen, wie sie sich zukünftig organisieren, halte ich für sinnvoll, wenn die Entwicklung so vorgezeichnet ist.“

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