Projekt "Fallmanagement": Besondere Unterstützung soll Sozialhilfeempfänger langfristig zurück in den Arbeitsmarkt führen

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Durch viele intensive Gespräche Vertrauen schaffen: Die Fallmanager Bettina Wagener-Dersch (li., Jobcenter) und Michael Kremer (Mitte, Sozialverwaltung) gehen mit ihren Klienten oft einen langen Weg, um die Voraussetzungen für einen geregelten Alltag mit Aussicht auf einen Job zu schaffen. Projektteilnehmer Jan Kaiser (re.) hat diese Hilfe angenommen.

„Fallmanagement SGB XII“ heißt ein Projekt, das die Sozialverwaltung des Schwalm-Eder-Kreises und das Jobcenter seit gut zwei Jahren anbieten. Das Ziel: Menschen, die in die Sozialhilfe abgerutscht sind, wieder in den Arbeitsmarkt führen.

Schwalm-Eder. Aus welchen Gründen Jan Kaiser vor 15 Jahren seinen Job verloren hat, darüber möchte er nicht sprechen. Fest steht jedoch: Danach hat der in Schwalmstadt-Treysa lebende 57-Jährige nie wieder richtig Fuß fassen können – ist bis in die Erwerbsunfähigkeit und damit in die Sozialhilfe abgerutscht. Seitdem führt er ein Schattendasein am Rande der Gesellschaft. Doch der 57-Jährige ist kein Einzelfall: So wie Kaiser geht es etwa 260 weiteren Menschen, die im Schwalm-Eder-Kreis leben. Sie sind in eine Abwärtsspirale geraten, aus der sie ohne Hilfe von Außenstehenden nicht mehr herauskommen.

Hilfe, die weit über das normale Maß hinaus geht

Aus diesem Grund bieten die Sozialverwaltung des Schwalm-Eder-Kreises und das Jobcenter seit gut zwei Jahren Unterstützung an. „Fallmanagement SGB XII“ heißt das Projekt (siehe EXTRA-INFO), das von Koordinator Michael Kremer (Sozialverwaltung) und Bettina Wagener-Dersch (Jobcenter) betreut wird. „Es ist ein Hilfsangebot, das weit über das normale Maß hinausgeht“, erklärt Kremer. Gezwungen werde niemand, alles geschehe auf freiwilliger Basis, so der Mitarbeiter der Sozialverwaltung. „Unser Ziel ist immer, die Menschen wieder dem Arbeitsmarkt zuzuführen und ihnen damit eine Perspektive für ein selbstbestimmtes Leben zu geben“, betont Kremer.

Bis dahin sei es jedoch ein sehr weiter Weg. Am Anfang sei es wichtig, eine Vertrauensbasis zu schaffen. „Diese Menschen sind aus verschiedenen Gründen nicht arbeitsfähig. Darauf müssen wir individuell und vor allem auch vor Ort eingehen, um erfolgreiche Arbeit leisten zu können“, erklärt Bettina Wagener-Dersch. Arbeit, die vor allem eines, nämlich Zeit, brauche.

Betreuung von fünf Tagen bis zu über zwei Jahren

„Hier kommen meist mehrere Faktoren zusammen. Oft leiden diese Menschen unter physischen und psychischen Problemen. Da braucht es mehr als ein paar Wochen, um wieder Ordnung in deren Leben zu bekommen“, so Wagener-Dersch. Und Projektkoordinator Kremer fügt an: „Es gilt Hemmschwellen abzubauen, damit sich die Klienten auch für eventuell notwendige Therapiemaßnahmen öffnen.“ Einen durchschnittlichen Betreuungszeitraum könne man dabei nicht festlegen. „Von fünf Tagen bis zu über zwei Jahren hatten wir schon alles dabei“, sagt Kremer. Beim Alter der Klienten sei das ähnlich. Auch hier lasse sich vom 19- bis Mitte 50-Jährigen keine Kerngruppe ausmachen.

Und die Projektarbeit habe auch schon erste Früchte getragen. „Wir konnten Klienten aus der Arbeitsunfähigkeit direkt in Ausbildung führen, zudem konnten weitere in Mini-Jobs und Praktika vermittelt werden“, erklärt der Projektkoordinator.

Erfolge, die auch den Schwalm-Eder-Kreis veranlasst haben, das Projekt auf eigene Rechnung weiter zu führen. „Die ESF-Förderung (Europäischer Sozialfonds; Anm. d. Red.) wird zum Ende des Jahres eingestellt. Wir werden die Maßnahme trotzdem fortsetzen – auch, weil wir es sozialpolitisch für richtig halten“, macht Vize-Landrat Jürgen Kaufmann im Gespräch mit unserer Zeitung deutlich.

Jan Kaisers Weg wird trotz seiner Teilnahme am Projekt nicht mehr zurück in den Arbeitsmarkt führen – ein plötzlicher gesundheitlicher Rückschlag in diesem Jahr bremste ihn endgültig aus. Trotzdem blickt er positiv in die Zukunft. „Es geht bergauf. Und das habe ich vor allem der Arbeit mit Herrn Kremer zu verdanken. Ich kann endlich wieder Vertrauen zu anderen und mir selbst fassen“, resümiert Kaiser.

EXTRA-INFO

Zahlen und Daten zum Projekt Fallmanagement

Der Schwalm-Eder-Kreis hat die Projektarbeit Fallmanagement am 15. September 2015 begonnen. Leiter ist Michael Kremer aus dem Bereich Sozialverwaltung. Analog bietet das Jobcenter, in Person von Bettina Wagener-Dersch, gleichartiges Fallmanagement für gesundheitlich sehr eingeschränkte Hartz IV-Empfänger.

Noch bis zum 31. Dezember dieses Jahres wird das Projekt zu 100 Prozent aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) gefördert. Die Kosten betragen 70.000 Euro pro Jahr. Ab dem 1. Januar 2018 wird der Schwalm-Eder-Kreis das Projekt aus Mitteln des Kreishaushaltes weiterführen. Zunächst für die Dauer von weiteren zwei Jahren. Das Jobcenter finanziert seine Arbeit ebenfalls selbst – hier bestehe allerdings die Möglichkeit, Fördermittel zu bekommen. Ziel der Zusammenarbeit ist die Schaffung einer gemeinsamen Clearingstelle.

Aktuell nehmen 97 Menschen das freiwillige Angebot wahr. 42 Klienten werden derzeit vom Jobcenter und 55 von der Sozialverwaltung betreut.

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