Die Entführung der Landshut: Ex-Co-Pilot Jürgen Vietor berichtete THS-Schülern in Homberg von seinem schlimmsten Flug

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Bei solch einem berühmten Gast füllte sich die Aula der Homberger THS schnell. Gespannt lauschten sie Vietors Erzählungen von der Landshut-Entführung.

Ex-Co-Pilot der 1977 entführten Landshut, Jürgen Vietor, stellte sich den Fragen der Schüler des diesjährigen Abiturjahrgangs.

Von VANESSA VON LENGERKEN

Jürgen Vietor.

Homberg. „Liebe Renate, ich muss fliegen. Bin um 16 Uhr zum Kaffee zurück“, schrieb der damals 35-jährige Jürgen Vietor am 13. Oktober 1977 auf einen Zettel an seine Frau und verließ die gemeinsame Wohnung. Es sollte von Frankfurt am Main nach Palma de Mallorca gehen und auch wieder zurück.

Keiner konnte zu diesem Zeitpunkt ahnen, welcher lebensbedrohliche Flug den damaligen Co-Piloten erwartete. Denn an diesem Tag, auf dem Höhepunkt des Deutschen Herbstes, entführten vier palästinensische Terroristen die Lufthansa-Maschine „Landshut“ – eine Boeing 737 – auf dem Rückflug, um elf in Deutschland inhaftierte RAF-Terroristen freizupressen. An Bord befanden sich 86 Passagiere und fünf Besatzungsmitglieder – unter ihnen ist auch Co-Pilot Jürgen Vietor.

Das Bild zeigt die Rückkehr des Sonderflugzeuges auf dem Flughafen Köln/Bonn am 18. Oktober 1977. Vorne in Uniform steht der damals 35-jährige Co-Pilot. Hinter ihm liegen fünf Tage Irrflug und Geiseldrama.

Fünf lange Tage dauerte der Irrflug, ehe am 18. Oktober die Spezialeinheit GSG9 das Flugzeug stürmen konnte und die Geiseln befreite. „Es war die erste Entführung in Deutschland, bei der ganz normale Menschen das Ziel von Terroristen wurden“, so Geschichts-Lehrer Thomas Schattner. Er lud Zeitzeuge Jürgen Vietor an die Homberger Bundespräsident-Theodor-Heuss-Schule, wo er seine Erinnerungen an die 40 Jahre zurückliegende Landshut-Entführung mit den Schülern teilte. „Ich freue mich, jungen Leuten von der Zeit zu erzählen, die sie nur aus Filmen und Büchern kennen“, so der 75-Jährige, der die Gagen seiner Auftritte stets für gute Zwecke spendet.

Über Mahmud, den Anführer der Terroristengruppe, kann er heute augenzwinkernd sagen: „Als Terrorist war der gut. Versteht mich nicht falsch, aber in der Terroristenschule hätte er sicher eine Eins mit Sternchen gehabt.“

Darüber zu reden, fällt dem gebürtigen Kasseler nicht schwer, sehr zur Verwunderung der jungen Schüler, die ihn zu eventuellen Spätfolgen der Geiselnahme interviewen wollten. Immerhin hatte die Landshut-Entführung seinen Kollegen Jürgen Schumann das Leben gekostet. „Ich bin ein großer Verdränger, ich habe keine schlaflosen Nächte gehabt. Ich hatte einfach nur viel Glück“, so Vietor.

"Die Filme über die Landshut-Entführung sind zu circa 95 Prozent authentisch", bestätigt Co-Pilot Jürgen Vietor.

Er sprach offen und ehrlich über die Tage, in denen er so einige Male knapp dem Tod entkommen war, und sorgte auch für den einen oder anderen Lacher in der Schul-Aula. Welche Gedanken einem durch den Kopf gehen würden, wenn einem eine Pistole an den Kopf gehalten wird, wollte eine Schülerin wissen. „Jetzt ist es passiert“, lautete Vietors kurze Antwort.

Sein Körper habe in dieser Zeit einfach funktioniert, erinnert er sich an die menschenunwürdigen Bedingungen. Die Geiseln durften nicht auf Toilette und Wasser bekamen sie gerade einmal soviel, dass es zum Überleben gereicht hatte. Essen gab es auch nur einmal in Dubai: „Hähnchen mit Mayonnaise – bei 60 Grad im Flugzeug war das natürlich wunderbar“, kann Vietor heute darüber schmunzeln.

Die Landshut (hier 1975 am Flughafen Manchester), diejenige Maschine der Lufthansa, die am 13. Oktober 1977 während des Rückflugs von Palma de Mallorca nach Frankfurt am Main von vier Terroristen entführt wurde.

Der Co-Pilot konnte nach der gelungenen Befreiung schnell in seinen Alltag zurückkehren: „Ich habe einfach so getan, als wäre die Entführung nie passiert.“ Bereits rund zwei Monate später saß Vietor wieder im Cockpit – in seiner reparierten Landshut. Bis zu seinem Ruhestand im Jahr 1999 war er als Pilot bei der Lufthansa beschäftigt.

Auch auf darauffolgenden Urlaubsreisen ließ er es sich nicht nehmen, mal wieder einen Blick in das Cockpit zu werfen. Das gestaltet sich heutzutage allerdings sehr schwierig, zum Bedauern von Vietor: „Früher hieß es noch ‘Easy going on the Boeing’“, was für allgemeines Gelächter im Publikum sorgte.

Eine Anekdote bringt den Ex-Co-Piloten heute immer noch zum Lachen: 104 Überstunden hatte ihm die Lufthansa bei der nächsten Gehaltsabrechnung angerechnet.

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