Gastkommentar: Der Homberger Künstler Andrè Grabczynski und seine Sicht auf die documenta 14

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Andrè Grabczynski, Künstler, Fotograf und selbst Absolvent der Kunsthochschule aus Homberg hat seine eigene Sicht auf die documenta 14, die im September zu Ende geht.

Der Homberger Künstler Andrè Grabczynski beschreibt in einem Gastkommentar seine eigene Sicht auf die documenta 14, die im September zu Ende geht.

Homberg/Kassel. Eines kann man der Kunst und somit auch der documenta nicht nachsagen – das es irgendwann einmal langweilig mit ihr gewesen sei. Diese Kunstschau der Superlative, die sich in zwei Spielorte gespalten hat, die nicht unterschiedlicher sein könnten, präsentiert sich dem Betrachter als Janusmünze, von der man nur die eine Seite wirklich zu erkennen vermag.

Damit sich die documenta nicht nur geographisch vom Betrachter entfernt, heißt das Motto „Von Athen lernen“. Bevor man sich jedoch über den tieferen Sinn im Klaren wird, prophezeit der künstlerische Leiter Adam Szymczyk den Besuchern das „unlearning“. „Die beste Art, sich der Ausstellung zu nähern, ist, zu verlernen, was wir glauben zu wissen“, empfiehlt Adam Szymczyk.

Nur so könne man „wieder“ zum politischen Subjekt werden. Das dies, bei einer etwaig vorhandenen Lernschwäche was Kunst betrifft, ein weiter Weg ist, zeigt schon das d14-Logo der kecken Eule mit dem neckisch zur Seite geneigten Kopf – und nein, dies soll nicht die vorherrschende Haltung beim Betrachten der Kunstwerke vermitteln. Aber das man, zumindest diese sprichwörtliche Eule nach Athen getragen hat, das zeigt sich am Rande nicht nur in einem kontroversen Merchandising, indem auch Socken und Schuhe angeboten werden.

Jene „Peeptoe-Stiefeletten“, halbhohe flache Stoffschuhe in schwarz, bei denen nicht nur die Zehen offen und sichtbar sind, sondern auch die Fersen, werden in Athen von den modebewussten Choristinnen getragen. Sie sind Teil des Projekts der Künstlerin Irena Haiduk. Vor dem Kauf kann man angeben, ob sie wenig, mittel oder viel verdienen, entsprechend zahlen sie 25, 35 oder 50 Euro.

Hergestellt werden diese Kunstlatschen übrigens von Arbeiterinnen in Kroatien. Wer ein Paar Peeptoe-Stiefeletten erwirbt, muss einen Vertrag unterschreiben, dass sie die Schuhe nur zur Arbeitszeit tragen. So ist man gut gerüstet um sich kunstliebend zu teilen und in zwei Städten zugleich zu sein oder zumindest den bis Ende Juni eigens zur documenta zweimal wöchentlich angebotenen Direktflug zwischen Athen und Kassel wahrzunehmen.

Der ideale Besucher der documenta ist also gnadenlos bereit, von seinem Selbst abzusehen. Er ist form- und füllbar und sollte viel aufgeben, wie zum Beispiel sein Bedürfnis nach Sicherheit, wie es die Inschrift „beingsafeisscary“ am Giebel des Fridericianums verheißt. Dass der Betrachter sich auch ja zwischen „verlernen“ und „neu konzipieren“ wohl fühlt, dafür sorgt ein komplett überbesetztes Kuratorenteam.

Man muss, bei dieser „Monumenta“ aber auch etwas lernen, nämlich das Addieren. Denn mit fünfunddreißig Orten in der Stadt verteilt sich die Ausstellung, von Leo von Klenzes Ballhaus auf der Wilhelmshöhe bis zum neu renovierten Stadtmuseum. Aber dank der Peeptoe-Stiefeletten und den Socken ist man ja gut zu Fuß. Die documenta, hört man auf den weitläufigen Sermon, ist das künstlerische Echo der gesellschaftlichen und politischen Erschütterungen der Gegenwart und handelt von Gewalt, Flucht, Vertreibung und deren Ursachen, von Kriegen und Umweltzerstörung.

Damit stellt sie sich aber auch abseits von den faden „Contemporary Arts“. Wenn man sehen möchte, was heute in der Gegenwartskunst passiert oder was die neuen Formen der Wahrnehmung sind oder sein könnten, der ist hier falsch. Diese Fragen werden nicht mehr auf der documenta verhandelt, sondern auf so mancher Biennale im Weichspülgang, die keinen, den Betrachter fordernden, moralischen Auftrag vor sich herträgt. Aber sie geht „postkolonial“ auch mit sich selbst ins Gericht und schockiert mit Nazis.

Der Künstler Piotr Uklanski pflastert wändefüllend Porträtbilder von „Real Nazis“, von Parteimitglied August Sander über Reichsminister Goebbels bis hin zum documenta-Künstler, Bordschütze und Funker Joseph Beuys. Szymczyk hätte ja gern den Nachlass Gurlitts ausgestellt, was ihm aber verwehrt wurde. Immerhin fand man als Ausgleich Zeichnungen seiner Tante Cornelia und ein Akropolis-Gemälde von Urgroßvater Louis, die freilich nicht wegen ihrer Qualität, sondern wegen der Erzähllust des Kurators ausgewählt wurden.

Die documenta zeigt sich letztendlich uninteressiert an den politischen Entwicklungen der Gegenwart. Sie zeigt sich auch desorientiert am Kunstwerk als etwas, das es zu überwinden gilt. Sie sammelt liebevoll historische Figuren und zeigt etwa Schallplatten, Gitarren und Kleider des malischen Bluesmusikers und Politikers Ali Farka Touré. Sie zeigt sich auch desillusioniert an jeder Idee von Fortschritt, indem sie Formen wiederholt, die schon von Großausstellungen bekannt sind.

Die documenta 14 findet ihren Status Quo nicht an den Kunstwerken. Sie zeigt ihre Maske des Marketings und wartet auf Besucher, die nicht einmal vor Ort sein müssen. Sie lebt, als Gespenst, als Mahnmal und als Weltkunstschau, die eine Lebenseinstellung zeigt, die sich im „unlearning“ einer Nichterfüllung zeigt; die einen vorausgesetzten Orgasmus gekonnt vorzutäuschen versteht. Diese documenta organisiert letztendlich wie jede große Publikumsschau nicht nur Exponate, sondern auch Menschen.

Zur Person

Andrè Grabczynski, Künstler, Fotograf und selbst Absolvent der Kunsthochschule lebt in Homberg. Er plant und organisiert, zusammen mit dem Homberger Kulturring, die jährliche Kunstausstellung „Homberger Künstlertreff“ und hat selbst schon an internationalen Ausstellungen teilgenommen.

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