„Die Menschen werden aggressiver“: Homberger Rettungssanitäter hängt Job an den Nagel und betreibt Food-Truck

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28 Jahre war Jörn Kilian als Sanitäter im Rettungswagen unterwegs, jetzt steuert er seinen Food-Truck "Kaustelle".

Er war gerne Rettungssanitäter, doch zunehmende Beleidigungen und Übergriffe im Einsatz nahmen Jörn Kilian die Lust am Job. So wagte er mit 50 Jahren den Weg in die Selbstständigkeit und betreibt jetzt mit der „Kaustelle” seinen eigenen Food-Truck.

Homberg. Zehn Kilogramm Pommes, fünf Liter Sauce, 100 Würste und 30 Burger Patties. Das ist die Ration mit der der Homberger Jörn Kilian täglich seinen Food-Truck – oder „Kaustelle“ wie Kilian selbst sein Mobil nennt – belädt. Äußerlich erinnert der eher an ein Baustellenfahrzeug.

Bevor der Familienvater zum Chef der „Kaustelle“ wurde, arbeitete er 28 Jahre als Rettungssanitäter. „Als die Bundeswehr mich Anfang der 90er einzog, bin ich in den Sanitätsdienst gerutscht“, sagt der heute 50-Jährige. „Dort war ich acht Jahre, bevor ich zum Deutschen Roten Kreuz gewechselt bin. Nach einem Jahr in Kassel, bin ich dann nach Melsungen gekommen.“

Dort habe er in den vergangenen Jahren grundsätzlich gerne gearbeitet. Zunehmend negative Ereignisse bei Einsätzen hätten Kilian jedoch zum Umdenken geführt. „Die Menschen werden immer aggressiver“, zieht der 50-Jährige ein trauriges Fazit aus seiner Zeit als Rettungssanitäter.

Manfred Lau, Geschäftsführer des DRK Schwalm-Eder.

Dem stimmt auch Manfred Lau, Geschäftsführer des DRK im Schwalm-Eder-Kreis, zu: „Der natürliche Respekt, der uns früher noch entgegengebracht wurde, ist nicht mehr vorhanden.“ Die Hemmschwelle der Menschen sei gefallen, sagt Lau und führt als Beleg dafür an: „Vor einiger Zeit wurde ein Rettungswagen in Homberg so stark demoliert, dass er nicht mehr einsatzfähig war. Das ist ein Abbild der Gesellschaft.“

Eine Situation sei Kilian besonders im Gedächtnis geblieben: „Eines Nachts sind meine Kollegin und ich zu einem Einsatz gerufen worden. Eine Passantin hatte sich Sorgen um einen jungen Mann gemacht hat, der regungslos auf dem Bürgersteig saß. Als meine Kollegin auf den Mann zuging, sprang dieser plötzlich auf, griff sie an und beleidigte sie. Da bin ich dann dazwischen“, kopfschüttelnd fügt er hinzu: „Nachdem ich ihn zu Boden bringen konnte, musste ich ihn festhalten – und das so lange, bis die Polizei kam. Das wollte ich so nicht mehr erleben. Irgendwann wurde mir das einfach zu viel.“

An seiner „Kaustelle“ sind die Kunden deutlich dankbarer, als zuletzt während seiner Zeit als Rettungssanitäter: Nach 28 Jahren wechselt Jörn Kilian (re.) die Fahrzeuge und hat jetzt seinen eigenen Food-Truck.

Offizielle Statistiken des DRK belegen zudem den starken Anstieg an Einsätzen. So hat sich die Zahl an Rettungswagen-Einsätzen von 3.746 im Jahr 1995 auf 14.661 im Jahr 2018 erhöht – und somit beinahe vervierfacht.

Den Wechsel vom Rettungswagen an den Grill und in die damit verbundene Selbstständigkeit, habe Kilian bisher nicht bereut. Auf die Frage nach dem Verkaufsschlager antwortet der ausgebildete Konditor: „Die Currywurst bei den Leuten am beliebtesten – neben der klassischen Bratwurst mit Senf.“

Zu finden ist die „Kaustelle“ am montags, dienstags und donnerstags am Herkules Lebensmittel- und Baumarkt in Homberg und mittwochs unterhalb der Aral-Tankstelle in Melsungen.

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