,Ich hatte großes Glück’

Von CHRISTINA WOLTERSGilserberg. Adenauer, Erhard, Heuss: Namen, die vertraut klingen, aber weit weg, mit denen viele vielleicht sogar Bilder ve

Von CHRISTINA WOLTERS

Gilserberg. Adenauer, Erhard, Heuss: Namen, die vertraut klingen, aber weit weg, mit denen viele vielleicht sogar Bilder verbinden knnen. Bilder in schwarz-wei, aus lngst vergangenen Tagen. Heute gibt es nur noch wenige, die mit den groen Namen aus den Geburtsstunden der Bundesrepublik Deutschland mehr verbinden knnen als ein langsam verblassendes Bild. Menschen, die eine Zeit miterlebt haben, als die Republik noch in den Kinderschuhen steckte. Heinrich Gnther aus Gilserberg ist einer von ihnen. Wenn der heute 85-Jhrige auf 60 Jahre Bundesrepublik Deutschland zurckblickt, zieht er mit einem zufriedenen Lcheln Bilanz: Adenauer, Erhard und Heuss waren ein Glck fr unser Land.

Lehrer aus Berufung

Als der Parlamentarische Rat am 23. Mai 1949 das deutsche Grundgesetz verkndete und damit einen entscheidenden Schritt in Richtung Demokratie unternahm, lebte Heinrich Gnther bereits in Gilserberg. Nach dem Krieg kam er aus Coswig in Anhalt in die Schwalm. Schnell war fr den ehemaligen Offizier klar, wo seine wahre Berufung lag. Er wurde Lehrer der einklassigen Dorfschule in Winterscheid. Damals wie heute verfolgt er gespannt die Politik, liest Zeitung und sieht fern. Nicht ohne dabei das ein oder andere Mal seine ganz eigenen Vergleiche zu ziehen: Konrad Adenauer war ein sehr sparsamer Mensch mit festem christlichen Glauben. Von solch einer Persnlichkeit knne sich die heutige Politik eine Scheibe abschneiden. Adenauer htte schon fr 20 Pfennig einen Antrag gestellt. Heute werden einfach mal Millionen ohne groe Nachfrage ausgegeben, sagt Gnther kopfschttelnd.

Erste Erfahrungen als junger Lehrer

Heinrich Gnther erinnert sich gern an seine ersten Erfahrungen als junger Lehrer. Die Mdchen in den Schulen trugen damals noch Schwlmer Tracht, geschrieben wurde auf Tafeln. Gnther: Es gab keine Kneipe in Gilserberg. Ich habe reium bei den Familien Mittag gegessen. Einmal habe er erzhlt, dass er gern Kle isst. Danach gab es nur noch Kle fr mich, schmunzelt der Pensionr. Die Liebenswrdigkeit der Schwlmer hielt den jungen Mann damals in Nordhessen (Ich wollte hier nicht mehr weg). Mit einer Heimat im Osten und einer neuen im Westen machte Heinrich Gnther der Bau der Mauer 1961 gleichermaen traurig und wtend. Reisen in die alte Heimat wurden immer problematischer. Seine Familie in der DDR sah er von da an nur noch selten. Sein Vaterland geteilt zu sehen bestrkte Heinrich Gnther darin, seine Schler zu weltoffenen Menschen zu erziehen. Ganz nach den Grundstzen seines groen pdagogischen Vorbilds, Johann Heinrich Pestalozzi, nahm er die Kinder an die Hand und zeigte ihnen die Welt. Ein Lehrer muss wie ein Vater sein, zitiert Gnther sein Vorbild. Ich habe nach Pestalozzis Grundstzen gelehrt, habe nie ein Kind sitzenlassen. Das wre eines Lehrers unwrdig gewesen. Er reiste mit seiner schon 1956 gegrndeten Schler-Freizeitgruppe durch ganz Deutschland und machte dabei vor Grenzen keinen Halt. Auch nicht vor dem eisernen Vorhang. Die Klasse besuchte Freunde in Tschechien und Polen. Immer im Gepck: Selbstgebastelte Schiffsmodelle.

Reisen nach Plan

1965 waren wir in Krakau zu Gast, erzhlt Gnther. Es war ganz schn gefhrlich. Ich musste mich mit der Klasse an einen genau abgesprochenen Fahrplan halten. Trotzdem bereut er keinen seiner Ausflge. Wir haben viel Spa gehabt, erinnert sich Gnther heute gern zurck. Seine blauen Augen beginnen dabei zu leuchten. Wir waren auf insgesamt 25 Hessentagen zu Gast und haben unsere Modelle ausgestellt. Auf dem Hessentag 1985 habe der Stand der Winterscheider einen ganz besondereren Gast empfangen: den damaligen Ministerprsidenten Holger Brner. Er hat uns oft besucht, auch in Winterscheid, sagt Gnther. Ich mochte ihn sehr. Doch nicht nur Schiffsmodelle entwarf der Dorfschullehrer mit seinen Zglingen. Regelmig machten die Schler aus dem Hochland durch Projekte rund um den Wunsch nach einem vereinten Deutschland von sich reden.

Stacheldrahtzaun

1962 gestalteten sie ein Klassenzimmer, durch das in der Mitte ein Stacheldrahtzaun verlief. Mit einem selbst entworfenen Ortseingangsschild, auf dem die Worte Berlin Ortsteil Winterscheid standen, symbolisierte die Klasse 1971 ihre Verbundenheit zu Berlin. Ein vereintes Deutschland und ein Europa ohne strenge Grenzen: Was heute selbstverstndlich ist, war fr Heinrich Gnther lange Zeit ein Traum. Heute existiert die deutsch-deutsche Grenze nicht mehr. Jetzt knnte er ohne Probleme reisen, hat aber keine Familie mehr im Osten, die er besuchen knnte. Es hat sich bis heute vieles verndert, Heinrich Gnther wird nachdenklich. Die Drfer haben sich verndert, es ist fast, als ob sich die Charaktere gendert haben. Seine Liebe zu Kindern hat er weitervererbt. Seine Shne sind Lehrer, seine Enkelkinder sind oder werden Pdagogen. Ein Lehrer hat es heute schwerer als je zuvor, ist er sich sicher. Ich hatte unglaubliches Glck im Leben, sagt Gnther. Manchmal muss ich mir selbst nachts ins Ohr kneifen, damit ich wei, dass ich nicht alles getrumt habe.

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