„Ich weiß, er kommt nicht zurück“

Von ANDREAS BERNHARDMrshausen. Fr Tatjana Lax ist die Zeit stehen geblieben. Von der Terrasse ihres Hauses geht der Blick ber wogend

Von ANDREAS BERNHARD

Mrshausen. Fr Tatjana Lax ist die Zeit stehen geblieben. Von der Terrasse ihres Hauses geht der Blick ber wogende Kornfelder auf den nahen Waldrand, wo sich am Morgen ab und zu die Rehe zeigen. Eine Idylle im Neubaugebiet von Mrshausen. Doch fr die 39-Jhrige ist diese Aussicht wertlos geworden. Ihr Blick geht zur Kinderschaukel, die hat Sergej aufgebaut, auf dem Gartenstuhl, dort hat Sergej immer gesessen.

Keine Rachegefhle

Ihr Sohn Sergej ist tot. Bei einem Autounfall im vergangenen September erlag der 20-Jhrige seinen Verletzungen. Vor wenigen Tagen war die Gerichtsverhandlung gegen den betrunkenen Todesfahrer, der seinen besten Freund auf dem Gewissen hat (wir berichteten). Ein schwerer Gang fr die Mutter, die rckblickend betont: Ich musste hingehen. Doch ihre Fragen blieben unbeantwortet. Der Angeklagte, der beim Unfall selbst schwer verletzt wurde, gab an sich an nichts mehr erinnern zu knnen, die beiden anderen Mitfahrer, ebenfalls Freunde des Toten, verweigerten die Aussage. Ich wei, es bringt ihn nicht mehr zurck, sagt die enttuschte Mutter, doch ich htte von seinen angeblichen Freunden die Disziplin erwartet, dass diese letzte, verhngnisvolle Fahrt meines Sohnes aufgeklrt wird.

Das milde Urteil des Melsunger Amtsgerichts drei Jahre auf Bewhrung und 500 Euro Geldstrafe haben sie verstndnislos zurck gelassen.

Noch nicht loslassen

Doch es sprechen keine Rachegefhle aus ihr: Ich will nicht, dass der junge Mann, der Schuld am Tod meines Sohnes hat, ins Gefngnis geht. Er soll sein Leben leben und glcklich werden, sagt sie. Doch zumindest ein paar Sozialstunden im Altenheim htte sie erwartet. Damit er Zeit hat darber nachzudenken was er getan hat. Und wohl auch, damit das Leben fr ihn nicht einfach so weiter geht. Ist es nicht Zeit loszulassen, werden viele fragen? Nein noch nicht, sagt Tatjana Lax. Darber reden sei ihre Art die Trauer und den Schmerz zu verarbeiten. Das Zimmer ihres Sohnes ist unverndert. Etwas von seinen Sachen wegzurumen ist, als wrde ich ihn selbst wegrumen. Freunde haben ein Erinnerungsvideo fr Sergej ins Internet gestellt. Nachts, wenn alle im Bett sind, geht sie an den Computer ihres Sohnes und schaut sich die Bilder an. Es sind Fotos von einem lebenslustigen jungen Mann mit seiner Familie und seinen Freunden, aber auch Bilder vom schrecklichen Unfallort.

Irgendwann werde ich ihn wiedersehen, ist sie sich sicher. Ihr zweiter Sohn, der zweijhrige Daniel, hat noch nicht verstanden was passiert ist. Trnen schieen ihr in die Augen, wenn sie berichtet, dass der Kleine zum Telefon greift und mit seinem toten Bruder telefoniert. Doch allein schon wegen ihm, so sagt sie und ringt um Fassung, muss ich weiter machen.

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