Katastrophen-Kreuzfahrt: Ehepaar aus Osthessen bei der Havarie der "Costa Concordia" gerettet

Von HANS-PETER EHRENSBERGEROsthessen. Es ist Freitag. Der Dreizehnte. 21.45 Uhr.3.100 Gäste auf dem Kreuzfahrtschiff"Costa Concordia"sitze

Von HANS-PETER EHRENSBERGER

Osthessen. Es ist Freitag. Der Dreizehnte. 21.45 Uhr.3.100 Gäste auf dem Kreuzfahrtschiff"Costa Concordia"sitzen entweder beim Abendessenoder im Theater. Betreut von 1.100 Mann Besatzung. Auch Roswitha und Gerhard Koch aus Fulda gehören zu den Passagieren. Plötzlich ein Knirschen und starkes Vibrieren – der Beginn einer Schiffs- Katastrophe im Mittelmeer.

Im Redaktionsgespräch mit unserem Partnerverlag Fulda aktuell schildern die beiden Horaser, noch ganz unter dem Eindruck der dramatischen Ereignisse stehend, ihre Rettung und Heimkehr von einer Urlaubsreise, die traumhaft begann und später für zahlreiche Menschen in einem Albtraum, für einige sogar tödlich endete.

"Mir ist das Glas aus den Händen gefallen, die Überreste habe ich in den Aufzug geklemmt, damit die Tür offen blieb", sagt die 59-Jährige. Das Schiff neigt sich zunächst nach rechts, dann nach links, bevor es in starker Seitenlage wieder links hängend zum Stehen kommt.

"Wir sind nach oben auf Deck 8 gefahren, haben vom Balkon unserer Kabine nach unten geguckt. Die Schrägstellung hat uns erschreckt", sagt ihr Mann Gerhard. Der 62-jährige Rentner packt seine Frau an die Hand und macht sich mit Roswitha und Rettungswesten auf den Weg in Richtung Rettungsboote auf Deck 4.

Noch immer versucht die überforderte Besatzung die angespannte Situation zu verharmlosen. "Wir haben einen technischen Blackout", ertönt es über die Bordlautsprecher in vielen Sprachen.

Dann das akustische Notsignal – siebenmal kurz, einmal lang. Kochs erkennen den Ernst der Lage. Die Kabinengänge und Treppenstufen werden immer schiefer und "schmierseifiger", überall Wasser, umgefallene Behälter, vor Angst und Panik schreiende Menschen. "Rosi, Ruhe bewahren", "Gerhard, gib’ mir deine Hand" – so kämpfen sich beide, teilweise auf allen Vieren robbend – schrittweise voran.

Dann der Schreck: Auf der einen Seite sind alle Rettungsboote überfüllt. Besatzungsmitglieder dirigieren die Horaser quer durchs Schiff auf die andere Seite. Das Ehepaar lässt Rollstuhfahrern und anderen "Härtefällen" den Vortritt, hilft Senioren beim Aufstehen, hört verzweifelt nach ihren Kindern rufende Eltern, sieht einen Mann, der seine behinderte Frau auf Schultern trägt, bemerkt panisch, ja planlos und chaotisch agierende und reagierende Besatzungsmitglieder.

Als Letzte "ergattern" die Fuldaer ihre Plätze im Rettungsboot, das aus beträchtlicher Höhe aufs Wasser klatscht.

Auch hier ist die Besatzung der "Costa Concordia" einmal überfordert, ein geretteter Passagier übernimmt das Kommando, wirft den zunächst streikenden Motor an, steuert das Boot aus dem Sog des kenternden Kreuzfahrt-Riesen. Mit 40 bis 50 Personen hoffnungslos überfüllt, übereinander sitzend oder am Boden kauernd, Väter und Mütter mit Kindern auf dem Schoß, erreicht die "Rettunginsel" schließlich das rettende Ufer, sprich das Pier der Insel Giglio. Dort werden die geretteten Passagiere in Privatunterkünften, Turnhallen oder sogar der örtlichen Kapelle untergebracht. Roswitha und Gerhard Koch verbringen die Nacht auf harten Kirchenbänken.

Viele Menschen sind in wärmende Decken, Betttücher, Schlafanzüge, Sicherheitsfolien, ja sogar Priestergewänder gehüllt. Manche laufen nur in Unterwäsche umher. Die Inselbewohner versorgen die durchnässten Gestrandeten mit heißen Getränken, Toilettenpapier und Schuhen. Per Megaphon sucht ein älterer Herr nach seiner Frau, die er später dann gottlob auf der Fähre zum Festland wiederfindet.

Ein junger Mann fragt in die Runde, ob man sein Kind gesehen habe. Die ganze Nacht über brummen an der Unglücksstelle die Motoren der Rettungsboote, surren Hubschrauber über dem gespenstisch erleuchteten, havarierten Kreuzfahrtschiff. Roswitha Koch hat "ein paar blaue Flecken" davongetragen, ihr Mann Gerhard blieb unversehrt. Retten konnten beide ihr Leben und Frau Koch ihre Handtasche mit dem lebensnotwendigen Asthma-Spray.

Sie wollen wieder auf Reisen gehen, "aber erst einmal nur auf eine Fähre Richtung St. Petersburg." Diesen Urlaub hatten beide schon gebucht - einen Tag, bevor sie auf dem "Seelenverkäufer Costa Concordia" anheuerten.

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