Kerstins' Tagebuch: Freuden und Sorgen am Atlantik

A-dos-Cunhados. Nun ist schon mehr als die Hälfte meiner Zeit in Portugal rum. Unbewusst habe ich mich an so Vieles, was mir am Anfang komisch vorkam

A-dos-Cunhados. Nun ist schon mehr als die Hälfte meiner Zeit in Portugal rum. Unbewusst habe ich mich an so Vieles, was mir am Anfang komisch vorkam, gewöhnt oder diese Angewohnheiten schon übernommen. So trinke ich jeden Tag Unmengen von Kaffee, und zwar stets als Espresso, nie mit Milch. Ich schreibe täglich unzählige SMS mit meinen Freunden und hab mein Handy immer dabei. Wenn in der Schule der Pausengong erklingt, stehe ich nicht schon wartend am Klassenraum, sondern setze mich am anderen Ende des Schulgeländes ganz langsam in Bewegung, so ein bisschen Verspätung macht ja nichts. Ich hänge meine Wäsche auch dann draußen zum Trocknen auf, wenn es nach Regen aussieht. Ganz selbstverständlich begrüße ich Freunde mit zwei Küsschen auf die Wange und schiebe hinter das "Hallo”, auf portugiesisch "olá”, immer ein "wie geht’s?”.

Portugiesischster Karneval

Mit der Sprache habe ich mittlerweile sowieso keine Probleme mehr, mein Portugiesisch ist so gut wie fließend. Ich habe zum ersten Mal Karneval gefeiert – meine Stadt ist im ganzen Land für den "portugiesischsten” Karneval Portugals bekannt - und war im Atlantik surfen.

Eine sehr interessante Erfahrung war es natürlich, Weihnachten einmal anders zu feiern. Man verbringt dies hier im großen Kreis der Familie und das Essen spielt eine große Rolle, an Heiligabend isst man traditionell Kabeljau mit Kartoffeln und Kohl. Es gibt allgemein sehr viele traditionelle Weihnachtsspeisen und –süßigkeiten. Die Vorweihnachtszeit hat jedoch weniger Bedeutung als in Deutschland, es gibt beispielsweise keinen Nikolaustag. Auch einen zweiten Weihnachtsfeiertag kennt man nicht. Ich hab jedoch am meisten einen echten Weihnachtsbaum vermisst – eine Plastiktanne ist eben nicht das selbe.

Von der Wirtschaftskrise bekomme ich recht wenig mit, da Portugiesen nicht viel über Politik oder Wirtschaft reden. Als Deutscher kommt einem hier sogar die ein oder andere Mittelschichtsfamilie ziemlich wohlhabend vor, da die Prioritäten einfach andere sind. Sehr viele Familien haben Haushaltshilfen, nicht selten solche, die jeden Tag im Haus der Familie arbeiten und für die Zubereitung aller Mahlzeiten zuständig sind. Außerdem wird viel Wert auf Klamotten oder neue Handys gelegt, dafür fährt man eben seltener in den Urlaub.

Schule vor Schließung?

Durch die Schule jedoch bekam auch ich Folgen der Krise zu spüren, da im ganzen Land die geplanten Schließungen von Privatschulen thematisiert werden – auch meine Schule, eine katholische Privatschule, die vom Staat finanziell unterstützt wird, ist davon betroffen. Das Problem in meiner Region ist, dass es eigentlich nicht genug staatliche Schulen in der Nähe gibt, die eine Alternative zu meiner Schule, die wie öffentliche Schulen auch kein Schulgeld kostet und von fast 2000 Schülern besucht wird, darstellen. Deshalb organisieren Eltern, Lehrer und Schüler zahlreiche Proteste, um die Schließung zu verhindern, bei einem war sogar der Präsident Aníbal Cavaco Silva anwesend. Im Moment sieht es so aus, als bleibe die Schule bestehen, die Schülerzahlen werden aber reduziert.

Ich bin inzwischen sehr beschäftigt, da ich angefangen habe, Basketball zu spielen und viermal in der Woche Training habe und am Wochenende oft Spiele. Vor Beginn meines Austauschjahres habe ich gehört, dass für Portugiesen Sport praktisch nur aus Fußball besteht, aber dies stimmt nicht. Fußball ist zwar sehr beliebt und so gut wie jeder ist Fan einer bestimmten Mannschaft, aber ich habe hier bereits viele andere Sportarten kennen gelernt, die ich vorher gar nicht kannte, meine Gastcousine spielt zum Beispiel Horseball, eine Ballsportart, die ähnlich wie Polo, reitend ausgetragen wird. Auch Rugby oder Baseball kannte ich vorher kaum, genauso wie Hockey auf Rollschuhen, was hier eine große Tradition hat.

Viele Portugiesen haben Fitnessgeräte im Haus, zum Beispiel Laufbänder, obwohl es, zumindest auf dem Land, eher ungewöhnlich ist, einfach nur spazieren zu gehen oder gar zu joggen. Es hat zwar fast jeder einen Hund, aber mit diesem geht man nicht wirklich Gassi, sondern lässt ihn einfach einmal die Straße rauf und runter laufen, während man am Gartentor wartet. Lediglich Strandspaziergänge erfreuen sich großer Beliebtheit, besonders, da in letzter Zeit das Wetter schön und sonnig ist.

Ich habe sogar schon im Januar ein Bad im Atlantik genommen, was aber eher auf Unverständnis stiess, ich glaube, alle Surfer und Spaziergänger hielten mich für verrückt – ich fand es gar nicht so kalt. Der Winter in Portugal ist zwar nicht sonderlich warm, aber durchaus ertragbar. Sehr unangenehm ist es aber in den Gebäuden, da weder die Wohnhäuser noch die Schulen Zentralheizungen haben. Deshalb bin ich froh, dass jetzt Frühling ist. Die letzten drei Monate meines Aufenthaltes kann ich dann hoffentlich bei viel Sonnenschein genießen.

Ich möchte noch die Freundschaften vertiefen und weitere schöne Augenblicke mit meiner Gastfamilie erleben. Vielleicht schaffe ich es auch noch, zu lernen, wie man das "r” rollt – für Nordhessen eine unglaublich schwierige Angelegenheit.

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