Als Kind verschleppt

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Gensungen. Milita Kraus aus Gensungen wurde auf der Krim geboren und mit vier Jahren verschleppt.

Gensungen. Der Streit um die Krim erschüttert seit Wochen die Welt. Doch der Konflikt um die kleine Halbinsel, die direkt zwischen der Ukraine und Russland liegt, geht noch viel weiter in die Vergangenheit. Eine, die auf der Krim geboren wurde, ist Milita Kraus aus Gensungen.

Der Ur-Großvater der 77-Jährigen wanderte im 18. Jahrhundert von Hessen auf die Halbinsel aus. Dort sollte es aber keine glückliche Zukunft für die Familie geben. Sie selbst ist 1937 geboren. "Als ich vier Jahre alt war, wurden wir von den Russen nach Kasachstan verschleppt. Die Männer sollten dort arbeiten", erzählt sie. Ihre deutschen Wurzeln seien dem Kreml ein Dorn im Auge gewesen.

Die Erinnerungen an die Zeit schmerzen die alte Frau noch heute. Nur mit Tränen in den Augen kann sie von dem Grauen erzählen, das sie damals erfuhr. "Ich war noch ein Kind und konnte nicht verstehen, warum wir alles hinter uns lassen mussten. Ich habe immer wieder gesagt: ,Unsere Katze ist noch da, die müssen wir doch holen’. Doch es gab kein Zurück mehr für uns."

Bis sie 18 Jahre alt ist, lebt Milita Kraus in einem kasachischen Dorf, dann hält sie es nicht mehr aus: "Ich musste weg. Also ging ich in die Stadt." Mit 19 Jahren fängt sie an, in der Kohlegrube zu arbeiten. "Zu der Zeit gab es dort viele Frauen. Die Männer waren noch in Kriegsgefangenschaft, Arbeitskräfte mussten her." Kohleauslesen – ein Knochenjob. "Aber wenigstens war es in der Grube warm. Oben waren es fast -40 Grad Celsius", erinnert sie sich. Als die Männer dann aus der Kriegsgefangenschaft zurückkamen, seien alle Frauen aus der Grube geholt worden, hätten ihre Arbeit verloren. "Wir haben geweint, aber was wollten wir tun?", fragt Kraus. 17 Jahre lang habe sie in der Grube gearbeitet. Anschließend habe sie Arbeit als Betonmischerin gefunden. "Körperliche Arbeit hat mich nie gestört. Ich war genauso stark wie ein Mann", betont sie stolz. Auch diesen Job behält sie 17 Jahre lang, dann arbeitet sie als Pflegerin.

Als Milita Kraus 53 Jahre alt ist, besucht sie ihre Cousine in Deutschland. Die sagt zu ihr: "Bleib doch hier". Zuerst hat sie Bedenken, entschließt sich aber schließlich, nach Deutschland auszuwandern – in die Heimat ihrer Vorfahren. Ihr erwachsener Sohn folgt ihr. "Ich bin sehr stolz auf ihn und auch auf meine Enkel. Beide studieren und haben eine Zukunft vor sich, die ihnen in Kasachstan nicht offen gestanden hätte", zeigt sie sich dankbar. Sie ist froh, dass sie den Schritt gegangen ist. Dass sie von klein auf Deutsch sprechen konnte, habe ihr bei der Entscheidung sehr geholfen. Mittlerweile lebt Milita Kraus seit 24 Jahren in Deutschland.

Im vergangenen Jahr war sie zum ersten Mal wieder in ihrer alten Heimat – Kasachstan. Dort hat sie die Gräber ihrer verstorbenen Angehörigen besucht, die sie zurückgelassen hat. Auch wenn die Vergangenheit weit zurückliegt, wird sie immer ein Teil von Milita Krauses Leben sein, der sie niemals loslässt.

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