"Die Kontoführung der Moral ist flexibel" - Philosoph und Bestsellerautor Dr. Richard David Precht beim Sparkassen-Forum

Melsungen. "Sinkt die Moral oder steigt die Verantwortung?" Diese Gewissensfrage hatte der bekannte Philosoph und Bestsellerautor Dr. Richar

Melsungen. "Sinkt die Moral oder steigt die Verantwortung?" Diese Gewissensfrage hatte der bekannte Philosoph und Bestsellerautor Dr. Richard David Precht vor seinen Auftritt beim Sparkassen-Forum gestellt. Ein Titel, passend zu Banken- und Eurokrise, Inflationsängsten und Casino-Geschäften.

Doch wer sich davon eine interlektuelle Abrechnung mit dem Turbo-Kapitalismus erhofft hatte, wurde zunächst enttäuscht. Aktuelle Themen blieben erst einmal außen vor.

Vor 800 Zuhören in der prall gefüllten Melsunger Kulturhalle, darunter auch die Führungsriege der Kreissparkasse, machte Precht schnell klar, dass seiner Meinung nach die inflationären Appelle an die Moral und Vernunft sowieso nur wenig Wirkung erzielen. Denn, so die Erkenntnis des Philosophen: "Die Vernunft ist nur die Marketingabteilung der Gefühle" und die Kontoführung der Moral ist flexibel."

Kleines Experiment

Um dies zu belegen, führte der in Solingen geborene Precht ein kleines Experiment durch. Dessen Ergebnis: Die wenigsten Menschen im Saal wären bereit einen Mann von einer Brücke zu schubsen, um fünf andere Leben zu retten, obwohl dies doch die Vernunft gebietet.

Doch damit, so tröstete der bekannte Denker mit den langen, blonden Haaren seine Zuhörer, stünden sie nicht allein. Stelle man diese Frage, sei die Antwort vom Äquator bis zum Nordpol immer gleich. Kurz: Die Tötungshemmung und mit ihr die allermeisten moralischen Standpunkte seien universell, gleichzeitig seien die Menschen zu Mitgefühl fähig, wenn auch, wie er einschränkte, in unterschiedlicher Dosis.

Auch habe der Mensch ein angeborenen Sinn für Unfair-ness. So zeigten Experimente, wenn ein Affe mit Gurken gefüttert werde und sehe, dass ein anderer Affe süße Trauben erhalte, fange der Affe mit den Gurken an zu rebellieren. Das wiederum, so Precht in einem Seitenhieb, ist die soziale Marktwirtschaft. Im Sozialismus, so schob er nach, habe es allerdings gar keine Trauben gegeben.

Einige sind unfair

Doch woran scheitert die Moral? "Daran, dass einige nicht mitmachen", so Precht. Weitere Experimente zeigten: "Wenn nur einige unfair sind, passen sich die anderen an." Der er Philosoph schließt daraus: "Menschen sind lieber die Bösen, als die Dummen." Und wie kann man die Moral schützen? Indem man sie schon den Kindern beibringt, so Precht, und die Mittelschicht stärkt. Denn genau diese sei Träger der Moral in der Gesellschaft, anders als die Oberschicht oder Familien von Hartz-IV-Empfängern.

In diesem Sinne hatte Precht, der zunächst versprochen hatte nicht zu moralisieren, doch noch einen Herzensappell parat: "Schicken sie ihre Auszubildenden jede Woche für zwei Stunden in die Schulen, um Nachhilfe zu geben ", rief er dem Sparkassen-Vorstandsvorsitzenden Wolfgang Rupp zu, und fügte mit Blick in den Saal an: "Wenn sie sich nicht einbringen wird es keiner tun."

Die besten Precht-Zitate:

"Dem Menschen ist das Denken erlaubt, aber vielen bleibt es erspart."

"Die Vernunft ist die Marketingabteilung der Gefühle."

"In unseren Kindern stecken 50 Prozent unseres genetischen Aktienbesitzes"

"Die wichtigste Währung ist Zuneigung"

"Die Kontoführung der Moral ist flexibel"

"Menschen sind lieber die Bösen als die Dummen"

"Moral ist, was man sich ab

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