Letzte Hoffnung kommt aus der Kiste

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Roy Cross mit seinen Notfallpaket fürs Wochenende. Foto: Wagner

Homberg / Borken. Die Warteschlange bei der Homberger Tafel wird immer länger. Einen Einblick in den Alltag gibt es hier...

Homberg / Borken. Es ist 12.30 Uhr. Peter Laukner, Koordinator der Homberger Tafel und sein Team sitzen zusammen in der Küche hinter dem Verkaufsraum. Sie scherzen miteinander herumrum, trinken noch eine Tasse Kaffee und genießen die letzten paar Minuten ihrer Mittagspause. Gleich öffnet sie wieder, die Homberger Tafel, eine Anlaufstelle für Menschen mit niedrigem Einkommen. Dann stehen die ehrenamtlichen Helferinnen für die Ausgabe der Lebensmittel wieder hinter dem Tresen.

Hilfe für Notfälle

Ein Klopfen an der Hintertür unterbricht die fröhliche Kaffeerunde. "Ich bringe euch hier einen Notfall. Packt dem jungen Mann bitte ein paar Lebensmittel zusammen, damit er und seine Kinder über das Wochenende etwas zu essen haben", bittet Matthias Pohl von der Diakonie Schwalm-Eder, die Damen. Der "Notfall" hat einen Namen und eine eigene Geschichte, die ihn zur Tafel geführt hat: Roy Cross aus USA, 37 Jahre, Vater von vier Kindern im Alter zwischen einem Jahr und neun Jahren, und Student. Er lebt seit vier Jahren in Niederbeisheim und spricht gebrochen Deutsch. "Mein neuer Leistungsbescheid ist noch nicht da. Ich kann meinen Kindern und mir nichts mehr zu essen kaufen," erzählt der 37-Jährige mit zittriger Stimme und den Kopf leicht nach unten gesenkt den Helfern, während er in der Küche auf sein Notfallpaket wartet. Derartige Situationen sind keine Seltenheit für die Mitarbeiter der Tafel. "Immer mehr Menschen geraten in finanzielle Not und suchen Unterstützung bei der Tafel. Unser Kundenstamm wächst ständig, 435 Personen, darunter 128 Kinder und Jugendliche, aus Homberg, Borken, Frielendorf, Wabern, Knüllwald, Neuental und Felsberg, die aufgrund ihres Leistungsbescheides über Sozialgeld, Arbeitslosengeld II, Grundsicherungsrente, oder Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, berechtigt sind, als Kunde bei der Tafel einzukaufen, nehmen derzeit das Angebot der Homberger Tafel wahr. Die Warteliste für einen Platz bei der Tafel wird immer länger", erklärt Peter Laukner. Momentan umfasst die Liste für einen Platz bei der Tafel 57 Voranmeldungen. Arbeitsaufnahme, Wegzug aus dem Einzugsgebiet, oder Tod eines Kunden sorgt für Nachrücker. Damit ist die Tafel in Homberg kein Einzelfall.

Kundenstamm wächst

Laut Datenreport 2013 steigt die Zahl, der von Armut in Deutschland betroffenen Menschen stetig. Trotz wachsender Erwerbszahl müssen immer mehr Personen die Hilfe der Tafeln in Anspruch nehmen. Auch die Rente im Alter reicht mittlerweile oftmals nicht aus. Ein wachsender Kundenstamm der 55- bis 64-Jährigen in Homberg bestätigt den Report.

Rosi Ditzel und Helga Braun arbeiten seit acht bzw. sechs Jahren ehrenamtlich für die Homberger Tafel. Zusammen mit drei weiteren Frauen bilden sie den festen Stamm bei der Sortierung der Ware, welche die Lebensmittelgeschäfte und Bäckereien aus der Umgebung der Tafel spenden. Von Bananen und Tomaten, über Joghurt, bis hin zur Linsensuppe und Vollkornbrot, hat die Tafel alles im Angebot. Der Preis für einen vollgepackten Korb beträgt für einen Erwachsenen pauschal immer zwei Euro und hat eher einen symbolischen Charakter, als dass er den tatsächlichen Warenwert widerspiegelt. Punkt 14.00 Uhr öffnet die Tafelausgabe. Jeder Kunde hat seinen festen Termin, zu dem er alle 14 Tage bei der Tafel für sich und seine Familie einkaufen kann. Wer zu seinem Termin verhindert ist, muss sich rechtzeitig abmelden, zweimal unentschuldigt gefehlt, führt zur Streichung von der Liste.

700 Euro zum Leben

Mit bei der Donnerstagsausgabe als Kunden sind Kerstin Deistler-Allmeroth und ihr Ehemann Andreas Deistler. Sie sitzen im Wartebereich und warten dort, bis sich die lange Schlange bei der Ausgabe etwas reduziert hat. Seit einem Jahr kaufen sie alle zwei Wochen bei der Tafel ein. Früher stand Kerstin selbst als Mitarbeiterin hinter der Theke. Die plötzliche Arbeitslosigkeit ihres Mannes wendete das Blatt der beiden. "Wir haben jetzt nur noch 700 Euro monatlich zur Verfügung. Wenn wir davon auch noch unsere Lebensmittel bezahlen müssten, kämen wir gar nicht mehr klar", erklärt Andreas Deistler. Das Lächeln auf seinen Lippen wirkt eher gekünstelt und fällt ihm sichtlich schwer. Das Durchblättern der Magazine, die im Wartebereich auf dem Tisch liegen, verkürzt die Wartezeit. Nach zirka einer halben Stunde reiht sich das Ehepaar in die Warteschlange ein, die mittlerweile kleiner geworden ist.

Fünf ehrenamtliche Helfer kümmern sich gleichzeitig um ihre Kunden. "Einzelperson oder Familie?", fragt die Tafelmitarbeiterin Kerstin Deistler-Allmeroth und stellt eine leere blaue Plastikwanne auf den Tresen. Trotz des großen Andrangs und dem langen Warten in der Kundenschlange ist die Stimmung sowohl bei den Tafelhelfern, als auch bei den Kunden gut. Die meisten kennen sich seit Jahren und kommen schnell ins Gespräch. Bei vielen Kunden wissen die Mitarbeiter, was sie gerne essen und was sie ihnen gar nicht anzubieten brauchen.

Die Wurzeln der Tafel führen in die USA zurück. Die Idee, qualitativ einwandfreie Lebensmittel aus Geschäften organisiert an Menschen mit geringem Einkommen abzugeben, färbte 1993 auf Deutschland ab. Urgestein der Tafeln in Deutschland ist die Berliner Tafel. Mittlerweile gibt es in Deutschland zirka 900 Tafeln, die insgesamt über 1,5 Millionen bedürftige Menschen mit Lebensmitteln versorgen. Knapp ein Drittel der Kunden sind Kinder.

Homberger Tafel seit 2005

In Homberg existiert die Einrichtung des Diakonischen Werkes seit 2005. Begonnen mit 36 ehrenamtlichen Mitarbeitern hat sich die Zahl der freiwilligen Helfer im Laufe, der neun Jahre verdoppelt. Peter Laukner, Koordinator des Homberger Tafelladens, ist von Anfang an dabei. "Ich bin, wie die meisten der Mitarbeiter, durch einen Aufruf in der Zeitung auf die Organisation aufmerksam geworden", erinnert er sich. Zusammen mit den anderen Ehrenamtlichen hat Peter Laukner beim Projekt "Homberger Tafel" bei Null begonnen. Nichts sei damals vorhanden gewesen. "Innerhalb von einem Jahr haben wir es dann geschafft, Räumlichkeiten anzumieten und ein Netzwerk aufzubauen", berichtet Laukner stolz. Aber mit zweimal Ausgabe in der Woche ist seine Arbeit auch heute nicht getan. "Es ist fast schon ein full-time-Job", berichtet Peter Laukner. Sehr viel Bürokratie und eine Menge Veranstaltungen (Jahreshauptversammlungen, Vernissagen, usw.) auf denen man sich, als Koordinator der Tafel, blicken lassen muss."

Wie die Orgelpfeiffen, mit großen Augen und lang getreckten Hälsen, lehnen sich die Kunden leicht über den Tresen, um einen Blick in die Regale werfen zu können. Fast wie ein kleines Kind, das gespannt nachsieht, was es dieses Jahr zu Weihnachten geschenkt bekommt, scannen die Kunden, teilweise auf Zehenspitzen stehend, mit ihren Augen die Lebensmittelregale Reihe für Reihe ab. "Hätten Sie noch was von dem leckeren Salat, den ich das letzte Mal hatte?", "Kuchen, ach nein Kuchen hatte ich schon lange nicht mehr", freut sich eine Kundin, als eine Tafelmitarbeiterin ihr ein kleines, in Frischhaltefolie abgepacktes, Stück Blechkuchen anbietet. "Wenn man ein großes Stück Kuchen in zwei kleinere Stücke teilt, so haben gleich mehrere Kunden etwas davon", erklärt Rosi Ditzel.

Vom Mitarbeiter zum Kunden

"Vieles, was es hier zu kaufen gibt, kenne ich gar nicht", verrät Kundin Anne van Ham und lacht. Die 67-Jährige musste krankheitsbedingt die Seiten wechseln. "Früher habe ich selbst bei der Tafel ehrenamtlich geholfen, heute bin ich auf die Hilfe der Tafel angewiesen. Ich bin dankbar, dass es die Einrichtung hier in Homberg gibt", erklärt sie, aber auf die Frage, wie sie sich fühlt, Kunde der Homberger Tafel zu sein, antwortet sie nach kurzem zögern, mit einer zittrigen Stimme und einen gezwungenen Lächeln auf den Lippen: "Man muss lernen, jetzt Tafelkunde zu sein. Das ist nicht leicht", berichtet Anne und zieht sich aus der Schlange an den Packtisch zurück, um ihre Vorräte für die nächsten 14 Tage in ihrem Korb zu verstauen….

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