Letzter Zivi beim DRK

Schwalm-Eder. Im Jahre 1961 wurde der Zivildienst für Wehrpflichtige eingeführt, die aus Gewissensgründen den Kriegsdienst verweigerten. Die Verwei

Schwalm-Eder. Im Jahre 1961 wurde der Zivildienst für Wehrpflichtige eingeführt, die aus Gewissensgründen den Kriegsdienst verweigerten. Die Verweigerer entschieden sich oft für einen Sozialdienst oder einen Ersatzdienst bei der Feuerwehr oder dem Technischen Hilfswerk. Die Dauer des Zivildienstes änderte sich im Laufe der Jahre mehrmals. Waren es anfangs 15 Monate, so wurde der Zivildienst Ende der 1980-er Jahre um ein Drittel des Wehrdienstes verlängert. Nachdem man ihn wieder mit dem Wehrdienst gleichgesetzt hatte, wurde er 2010 von neun auf sechs Monate verkürzt.

Über 2,7 Millionen Zivis bundesweit

Laut Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben absolvierten insgesamt 2.721.448 junge Männer in den vergangenen 50 Jahren ihren Zivildienst, der in der Gesellschaft Spuren hinterlassen hat. Die jungen Männer besetzten Berufe, die ehemals ausschließlich von Frauen besetzt waren: Pflege in Krankenhäusern, Betreuung in Altenheimen, Behinderteneinrichtungen und Kindergärten.

Im DRK Kreisverband Schwalm-Eder absolvierten von 1976 bis heute 511 junge Männer ihren Zivildienst, dabei waren 436 im Rettungsdienst, 69 beim Essen auf Rädern und sechs im Hausnotruf eingesetzt. Zahlreiche Zivildienstleistende blieben dem Roten Kreuz treu und wurden hauptamtliche Mitarbeiter, ein Großteil arbeitete über Jahre hinaus als Aushilfe und Urlaubsvertretung.

Einer der ersten DRK-"Zivis" war Gerhard Pflüger aus Wallenstein. Nach seiner Musterung hatte er schon drei Stellungsbefehle der Bundeswehr vorliegen, als er sich entschied zu verweigern, nachdem er die Gewalt der Soldaten in der ehemaligen Tschechoslowakei erlebt hatte. Dazu musste er sich vor einem Ausschuss in Marburg rechtfertigen. Als er 1973 in Fritzlar beim Rettungsdienst antrat, lagen 18 Monate Zivildienst vor ihm. Nach seiner vierwöchigen Ausbildung zum Transportsanitäter arbeitete er ein halbes Jahr auf der Fritzlarer Rettungswache und verbrachte den Rest seiner Dienstzeit in Homberg. Anschließend wurde er als Aushilfskraft und ab Mai 1975 fest angestellt. "Die Zeiten haben sich geändert," stellt der 61-Jährige rückblickend fest. "Früher waren die Verletzungen schwerer, weil es keine Gurte gab. Und man war allein unterwegs. Heute ist der Krankentransport einfacher, weil man zu zweit auf dem Wagen fährt. Außerdem ist ein Arzt dabei, der die Verantwortung trägt."

Martin Kustwan aus Fulda ist einer der letzten DRK-"Zivis". Bei ihm reichte nach der Musterung ein Brief ans Kreiswehrersatzamt, in dem er beschrieb, dass er als aktiver Feuerwehrmann im Einsatz sein Leben zur Rettung anderer einsetze und deshalb nicht töten könne. Am 1. Oktober begann er seinen neunmonatigen Zivildienst auf der Rettungswache Homberg. Zum Reinschnuppern fuhr er zwei Wochen als dritter Mann auf dem Rettungswagen mit, anschließend absolvierte er eine vierwöchige Sanitäterausbildung und ein vierwöchiges Praktikum im Krankenhaus, um dann Mitte Dezember als zweiter Mann auf dem Rettungswagen eingesetzt zu werden. "Der Zivildienst macht mir Spaß," betont der 20-Jährige. "Es ist schön, wenn man Menschen helfen kann. Man kommt aber auch an seine Grenzen und muss das Erlebte verarbeiten können, wenn man mal nicht helfen konnte." Er nehme viele Erfahrungen aus dem Zivildienst mit, die bei seinem Studium zum Rettungsingenieur in Köln bestimmt hilfreich sein werden.

FSJ füllt die Lücke

Durch den Wegfall des Zivildienstes sieht Ulrich Schneider, Geschäftsführer des DRK-Rettungsdienstes im Schwalm-Eder-Kreis, Schwierigkeiten im Bereich Mitarbeitergewinnung aufkommen, sowohl bei den hauptamtlichen Stellen als auch bei den Aushilfen im Rettungsdienst. "Wir versuchen die hier entstehenden Lücken durch FSJler (Freiwilliges Soziales Jahr) zu schließen." Wie sich der am 1. Juli startende Bundesfreiwilligendienst entwickelt, bleibt abzuwarten.(atb)

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