Die Melancholie fährt mit

Die Reise im Dampfzug: Ein Frhlingstag mit waschechten BahnernVon ALEXANDER GBERTSchwalm-Eder. Ganz vorne herrscht der Sturm, die Welt sch

Die Reise im Dampfzug: Ein Frhlingstag mit waschechten Bahnern

Von ALEXANDER GBERT

Schwalm-Eder.Ganz vorne herrscht der Sturm, die Welt schttelt sich. Die Temperaturen in der 2 x 2 Meter groen, tiefschwarzen Kabine sind im Winter angenehm und im Sommer hllisch. Dunkle Kleidung zu tragen ist persnliche Pflicht. berall sind Zeiger, sthlerne Hebel und Messgerte die irgendwo hinfhren und meistens ein lautes Gerusch, mindestens aber ein Zischen auslsen. Wenn die massive Klappe geffnet wird, steigen die Temperaturen rasant. Man blickt mitten ins orangefarbene Feuer. Das sorgt im Endeffekt fr Dampfdruck und beschleunigt den schnittigen Koloss auf 80 km/h. Schneller wre theoretisch mglich, praktisch aber heikel.

Horrende Kosten und Mitgliedermangel

Was da an diesem perfekten Frhlingstag ber die Schienen der Deutschen Bahn Richtung Mosel dampft, ist eine rstige Seniorin. Die marode Hfte meldet sich zwar kilometerbeliebig immer mal wieder, ansonsten gehrt sie aber alles andere als zum alten Eisen. Das fhlen Stefan Thierfelder, Winfried Sievert und Heiko Altmann wenn sie ganz da vorn die Sporen geben. Die Drei sind Bahner durch und durch. Weiter hinten, in einem der sieben Waggons, ist beinahe der gesamte Rest der Eisenbahnfreunde Treysa vertreten. Sie wollen nicht wahrhaben, dass die Dampflok 52 8106 zusammen mit dem engagierten Verein gegen Jahresende auf das Abstellgleis geschickt wird. Wegen Mitgliedermangel, horrenden Kosten und diversem Sanierungsbedarf drohen die Eisenbahnfreunde zu entgleisen. Der Lokschuppen in Treysa ist undicht, es regnet rein. Hohe monatliche Fixkosten wie die Gleisgebhr und alle acht Jahre ein vorgeschriebener Lok-TV, der locker mal 80.000 Euro kostet. Allein mit Geld ist es aber nicht getan, ruft Thierfelder gegen das Rumpeln, Zischen und Drhnen. Und: Mehr Mitglieder die bereit sind sich einzusetzen und dem hohen Instandhaltungsaufwand Paroli bieten - das ist, was wir brauchen.

Geborene Bahner

An irgendeiner Haltestelle zwischen Gieen und dem Herz der Mosel: Der Bahnsteig ist wieder leer. Im Zug sitzen etwa 450 zahlende Reisende. Drauen steht Schnurrbarttrger und Vereinszugfhrer Manfred Ruppelt. Die Mtze sitzt gerade, das Hemd ist in der Hose. Kurzer Blick auf die Armbanduhr, dann Pfeife zum Mund und Kelle nach oben. ber den Bahnsteig hallt der zackige Pfiff. Letzter Blick, ob alle Tren geschlossen sind, und dann Schotten dicht. Die Melancholie fhrt mit: Natrlich bin ich auch traurig. Ich hoffe nicht, dass der Verein zum Jahresende aufhrt, sagt Ruppelt. Das knnen seine Fahrgste nur unterschreiben. Whrend fnf Stunden Zugfahrt harmoniert das Thema Bahn mit Butterbrot, Trinkpckchen und Kartenspielen. Es ist Sonntag, das Wetter verspricht einen uerst sonnigen Frhlingstag. Perfekt fr einen Ausflug an die Mosel mit integrierter Schiffstour Fluss aufwrts und Gelegenheit, den Moselwein nher kennen zu lernen. Das Zusatzgepck auf der Rckfahrt ist trocken, lieblich, wei und rot. Randvoll mit 30 Kubikmetern Wasser, zehn Tonnen Kohle und unter Dampfdruck fhrt die 52 8106 in den spten Abend.

Eine Stunde bis Endstation

Pltzlich ist da dieses wohlig, warme Gefhl der Langsamkeit. Die Frhlingssonne verschwindet am Horizont. Restlicht fllt durch die Fenster des Buffettwagens. Auf jedem der nicht mehr als tellergroen Tischchen stehen wattschwache Lampen und verbreiten gedmpftes Licht. Die letzte Bockwurst ist lngst verkauft. Die Stunde der Nachtschwrmer ist gekommen. Das Rauschen der Gleise untermalt die Zwiegesprche. Man sieht Bahner und man sieht die, die es nie werden konnten. Letztere haben aber mindestens eine H0 auf dem Dachboden oder die typische Schaffneruniform im Kleiderschrank. Mancher schlft oder schaut sehnschtig aus dem Fenster. Noch eine Stunde bis Endstation Treysa. Man sieht Manfred Ruppelt den ereignisreichen Tag an. Das Hemd ist lngst nicht mehr in der Hose und die Mtze sitzt nicht mehr auf dem Kopf. Aber der Mittsechziger sieht glcklich aus. Den Feierabend hat er sich verdient.

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