Menschen als Museum: Geschichte(n) aus der Kiste – Staatsflucht im Ford

+

Von DR. SVEN HILBERTSchwalm-Eder. Es ist schon ein beeindruckendes Stück Zeitgeschichte, in das Michael Meinicke aus Uttershausen einen alten Koffe

Von DR. SVEN HILBERT

Schwalm-Eder.Es ist schon ein beeindruckendes Stück Zeitgeschichte, in das Michael Meinicke aus Uttershausen einen alten Koffer verwandelt hat. Ein halbierter Stadtplan von Berlin dokumentiert die ehemals geteilte Hauptstadt, Soldaten mit dem Gewehr im Anschlag bewachen die innerdeutsche Grenze und drei Kreuze für die Mauertoten künden von bewegenden und bitteren Erlebnissen in der Vergangenheit des heute 65-jährigen.

Gefängnis für Gedichte

Mit einem der Grenzopfer hatte Meinicke, der in Ost-Berlin aufgewachsen ist, im Sandkasten gespielt. "Durch die Mauer wurden ganze Familienverbände gesprengt, was heute ja fast vergessen ist", erzählt der heutige Schriftsteller.

Er denkt sich in eine lang vergangene Zeit zurück: Eigentlich will er nach dem Abitur studieren. Doch der Arbeiter- und Bauernstaat steckt ihn für zwei Jahre ins Gefängnis, weil er sieben Gedichte gegen den Einmarsch in die Tschechoslowakei 1968 verfasst hat. 1978 gelingt es ihm, mit seiner damaligen Frau in den Westen zu fliehen. Versteckt im Kofferraum eines Ford entkommen beide den Fängen des DDR-Regimes.

"Ich sollte wieder eingesperrt werden", berichtet Meinicke über den Grund seiner Flucht. Dass Freiheit aber auch sehr lustig sein kann, symbolisiert im Koffer eine Micky-Maus-Figur, die fröhlich eine amerikanische Flagge schwenkt. 1991 kehrt er dann schließlich der wiedervereinigten Hauptstadt den Rücken und kommt in den Waberner Ortsteil Uttershausen.

Erinnern und bewahren

Doch der Koffer von Michael Meinicke ist nur eine von zehn "Erinnerungskisten", die kreative Senioren mit idyllischen Kindheiten, dramatischen Fluchterlebnissen und anderen Mosaiksteinen der Zeitgeschichte gefüllt haben. In Anlehnung an eine europaweite Ausstellung ist das Projekt "Erinnern und Bewahren – Kisten erzählen aus dem Leben" im vergangenen Jahr in Wabern entstanden.

"Mit dem Projekt hat der Seniorenclub Wabern Großartiges geleistet. Die künstlerische Zusammenstellung weckt die Neugierde und nimmt den Betrachter mit auf eine Reise in die Vergangenheit", betonte Sparkassen-Direktor Hartmut Landau bei der offiziellen Eröffnung. "Alte Menschen sind wie ein Museum. Es kommt nicht auf die Fassade an, sondern auf die inneren Werte", sagte Bürgermeister Hartmut Spogat.

Unterstützt wurde das Projekt von der Kreissparkasse Schwalm-Eder und der VR-Bank Chattengau. Die "Kisten" sind noch bis zum 2. Juni im Foyer des Wohnstiftes "Kaiserpfalz" zu sehen. Es wird darum gebeten, dass sich Gruppenbesuche telefonisch ankündigen (05622 / 99350).

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Großes Altstadtfest in Homberg: Drei Tage lang feiern und shoppen

Ein Festzug, Helikopterrundflüge, etliche Bands, das DFB-Pokalspiel und auch noch ein verkaufsoffener Sonntag: Das Homberger Altstadtfest verspricht Abwechslung, …
Großes Altstadtfest in Homberg: Drei Tage lang feiern und shoppen

Ehrungen zur Wiederöffnung des Museums Gensungen: Vorsitzende ausgezeichnet

Jörg-Harald Rode und Rolf Fröhlich wurden bei der Wiedereröffnung des Museum von Landrat Winfried Becker mit dem Ehrenbrief des Landes Hessen ausgezeichnet.
Ehrungen zur Wiederöffnung des Museums Gensungen: Vorsitzende ausgezeichnet

Schüler der Steinwaldschule in Neukirchen hängen Plakate gegen die der Partei "Die Rechte" auf

Plakate gestaltet, bestellt, verteilt, gekleistert und aufgehangen - Schüler setzten politische Idee von vergangener Woche heute unter anderem in Neukirchen um.
Schüler der Steinwaldschule in Neukirchen hängen Plakate gegen die der Partei "Die Rechte" auf

Jetzt wird gestrampelt: Am 2. Juni lädt Borken zum Radlertag ein

Unterhaltung, Spaß und Verköstigung, dies wird den Teilnehmern des Radlertages angeboten.
Jetzt wird gestrampelt: Am 2. Juni lädt Borken zum Radlertag ein

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.