Zum Tag des Notrufs: Lieber einmal mehr die 112 wählen

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Andreas Kömpel ist einer von 13 Mitarbeitern in der Zentralen Leitstelle des Landkreises. Er und seine Kollegen sorgen dafür, dass im Notfall schnell Hilfe kommt.

Laut einer Studie wissen nur rund 30 Prozent der Deutschen, dass die Notrufnummer 112 mittlerweile in ganz Europa kostenfrei und ohne Vorwahl erreichbar ist. Mit dem Europäische Tag des Notrufs am 11. Februar soll die lebensrettende Rufnummer in der Bevölkerung bekannter gemacht werden.

Schwalm-Eder. „Laut einer Studie wissen nur rund 30 Prozent der Deutschen, dass die Notrufnummer 112 mittlerweile in ganz Europa kostenfrei und ohne Vorwahl, egal ob vom Handy oder vom Festnetz, erreichbar ist, wenn ein Notfall vorliegt“, sagt Uwe Wunsch, stellvertretender Leiter des Fachbereichs Brand, Katastrophenschutz und Rettungswesen des Schwalm-Eder-Kreises. „Das ist viel zu wenig“, findet er. Deshalb sei der Europäische Tag des Notrufs auch so wichtig, denn: „Die 112 kann im Notfall Leben retten.“

Alle Notrufe, die im Bereich des Schwalm-Eder-Kreises abgesetzt werden, kommen in der Zentralen Leitstelle des Landkreises in Homberg an, wo sich insgesamt 13 Mitarbeiter 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche um die eingehenden Anrufe kümmern. Pro Schicht seien es zwei bis drei Mitarbeiter, die Notrufe ebenso wie Anforderungen für Krankentransporte entgegennehmen. „Alle unsere Disponenten sind Rettungsassistenten und haben mindestens eine Gruppenführerausbildung bei der Freiwilligen Feuerwehr abgeschlossen“, erklärt Wunsch. Darüber hinaus muss jeder Leitstellendisponent jährlich 120 Stunden Fortbildung absolvieren, alleine 80 Stunden davon im Rettungsdienst.

Das sei für die Arbeit hier unerlässlich, sagt Andreas Kömpel, der seit 2013 als Disponent in der Rettungsleitstelle arbeitet. Nur so habe man an seinem Arbeitsplatz vor dem Rechner ein „Bild im Kopf“, was die Kollegen an der Einsatzstelle vorfinden könnten. Anhand eigener Erfahrungen und den Informationen des Melders könne er einschätzen, welche Einsatzmittel erforderlich seien. Außerdem komme es regelmäßig vor, dass man bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes Ersthelfer per Telefon bei der Reanimation anleitet. Im Ernstfall zählt bekanntlich jede Sekunde.

Ruhig und routiniert nimmt Kömpel die Notrufe an und fragt den Anrufer als erstes nach dem Notfallort. Dies sei wichtig, um auch beim Abbruch der Verbindung zu wissen, wohin die Einsatzkräfte müssen. Oft sei aber bereits diese Frage von Hilfesuchenden schwer zu beantworten. „Anrufer, die aus dem Mobilfunknetz den Notruf wählen, wissen oft nur sehr vage, wo sie sich befinden. Insbesondere im ländlichen Raum, auf Rad-, Wander- oder Forstwegen oder auf einer Autobahn ohne nahe Straßenschilder kann es schwierig sein, seinen Standort in Worten zu beschreiben“, berichtet Wunsch.

Seit Mitte Oktober nutze die Leitstelle des Landkreises deshalb AML (Advanced Mobile Location), einen Dienst zu Positionsbestimmung von Anrufern bei Nutzung einer Notfallnummer. „Sobald der Hilfesuchende die 112 wählt, sendet sein Mobiltelefon per GPS, WLAN oder Funkzellenortung automatisch Positionsdaten an den nationalen AML-Endpunkt, von dem wir die Standortdaten für unsere Notrufe bekommen“, so Wunsch. „Bei Übermittlung per GPS können wir den Standort auf bis zu zehn bis 20 Meter genau bestimmen.“

Die Anrufer, mit denen es Kömpel und seine Kollegen zu tun haben, sind oft – verständlicherweise – nervös. Zur Aufregung in der Notfallsituation kommen oft Unwissen und Unsicherheit darüber, wann und wie man im Ernstfall einen Notruf tätigt. Doch Uwe Wunsch beruhigt die potenziellen Anrufer: „Niemand muss sich mehr einen Fragenkatalog merken, um einen Notruf abzusetzen. Die Disponenten am anderen Ende der Leitung fragen alles ab, was sie wissen müssen.“

Tipps vom Profi

Wie man sich in einer Notsituation richtig verhält und einen Notruf absetzt, erklärt Marco Hille, Leiter der DRK-Rettungswache in Schwalmstadt, im Gespräch mit dem SCHWÄLMER BOTEN.

Am 11. Februar ist Tag des Notrufs. Wann bzw. in welcher Situation sollte ich die 112 anrufen?

Das ist ganz einfach: Immer dann, wenn Lebensgefahr besteht. Bei der 112 bekomme ich nicht nur Hilfe bei medizinischen Notfällen, sondern auch in verschiedenen Gefahrsituationen wie beispielsweise Verkehrsunfällen, Bränden, technischen Notständen, Hochwassersituationen und Ähnlichem. Die 112 umfasst ja die gesamten Behörden und Organisationen, die sich mit Sicherheitsaufgaben befassen, außer der Polizei. Kein Fall für den Notruf über die 112 hingegen ist beispielsweise der grippale Infekt, wenn sich die Beschwerden gegen Abend verschlimmern und der Hausarzt nicht erreichbar ist. Dafür gibt es in Hessen den ärztlichen Bereitschaftsdienst, mit der Rufnummer 116 117. Die entsprechenden ärztlichen Dienststellen sind dann der richtige Ansprechpartner.

Marco Hille, Leiter der DRK-Rettungswache in Schwalmstadt.

Wie verhalte ich mich richtig, wenn ich zum Beispiel eine leblose Person vorfinde oder einen Unfall beobachte? 

Grundsätzlich gilt: Man muss sich überwinden und die leblose Person ansprechen. Die erste Frage, die sich dann stellt, ist: Atmet derjenige noch? Ist keine Atmung wahrzunehmen, beginnt man mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung und setzt den Notruf ab. Beim Unfall gilt es, zunächst die Ruhe zu bewahren. Je nachdem wo sich der Unfall ereignet hat, ist es wichtig, die Unfallstelle abzusichern und dabei auch an den Eigenschutz zu denken. Dazu gehört es unter anderem eine Warnweste anzuziehen, ein Warndreieck aufzustellen und sich möglichst außerhalb des Verkehrsflusses, auf Autobahnen hinter der Leitplanke, zu bewegen. Ansonsten hingehen, verunfallte Personen ansprechen und Notruf absetzen.

Wie setze ich einen korrekten Notruf ab? Was gibt es dabei für mich zu beachten und wie kann ich mir das in einer Notfallsituation gut merken?

112 ist schon kompakt. Mit dem Reim „112 Hilfe kommt herbei“ kann man es sich ganz gut merken. Die einzige Frage, über die man sich vor dem Absetzen des Notrufs Gedanken machen muss, ist: „Wo bin ich?“ Jeder Notruf landet im Schwalm-Eder-Kreis in der zentralen Leitstelle des Kreises. Dort sitzen Disponenten, die gezielt Fragen zu der Situation stellen und die erste ist die nach dem Unfall- bzw. Notfallort. Diese ist für den Fall, dass die Verbindung abbricht, elementar. Bei Straßen in Ortschaften ist es relativ einfach mit Straßennamen und Hausnummern. Komplizierter wird es beispielsweise beim Spaziergang im Wald oder einem Unfall auf der Autobahn, wenn man gar nicht weiß, auf welchem Abschnitt man sich gerade befindet. Dann sollte man nach Anhaltspunkten wie größeren Gebäuden und Auffälligkeiten in der Umgebung Ausschau halten. Ansonsten wird der Anrufer von den Leitstellendisponenten durch das Telefonat geleitet. Dabei werden je nach geschilderter Notfallsituation gezielte Fragen gestellt, um herauszufinden, welche Hilfe benötigt wird.

Welche lebensrettenden Sofortmaßnahmen kann und sollte ich in einem Notfall anwenden?  

Die wichtigste Maßnahme, um qualifiziert Hilfe zu leisten, ist natürlich das Absetzen des Notrufs, denn damit stellt man sicher, dass qualifizierte Hilfe kommt. Wenn man nun die Sofortmaßnahmen im Einzelnen betrachtet: Stabile Seitenlage bei bewusstlosen Personen, Herz-Lungen-Wiederbelebung bei Personen ohne Kreislauf, Stillen von stark blutenden Wunden – das sind wichtige Sofortmaßnahmen, mit denen man aktiv Leben retten kann. Die Leitstellendisponenten unterstützen dabei auch am Telefon.

Welche abschließende Empfehlung haben Sie oder welchen Appell möchten Sie unseren Lesern zum Tag des Notrufs mit auf den Weg geben? 

Als allererstes: Haben Sie keine Angst einen Notruf abzusetzen, denn nur so können Sie dafür sorgen, dass Menschen, die in Not sind, auch Hilfe durch qualifizierte Fachleute bekommen. In Notsituationen entscheidet jede Sekunde über Leben und Tod. Deshalb: Lieber einmal mehr den Notruf absetzen, als einmal zu wenig. Ansonsten gilt: Sie können nichts falsch machen. Sie werden betreut und bei Bedarf sogar bei der Erste-Hilfe-Leistung angeleitet. Kurz gesagt: 112 ist Hilfe, die kommt, wenn man sie braucht und zwar immer.

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