Ökomodell zu teuer? Auf dem Hollunder in Körle: Häuslebauer klagen über zu hohe Kosten für die Nahwärme aus Holzhackschnitzeln

Körle. Das Neubaugebiet "Auf dem Hollunder" in Körle ist ein ökologisches Vorzeigeprojekt in Nordhessen. Die Besonderheit: Ein mit Holzh

Körle. Das Neubaugebiet "Auf dem Hollunder" in Körle ist ein ökologisches Vorzeigeprojekt in Nordhessen. Die Besonderheit: Ein mit Holzhackschnitzeln betriebenes Blockheizkraftwerk versorgt 82 umliegende Grundstücke, die Schule, den Kindergarten und die Berglandhalle mit Wärme und Warmwasser. Dafür gab es vom Land Hessen über 200.000 Euro Fördermittel. 2004 wurde die Anlage vom Verband Eurosolar sogar mit dem "Deutschen Solarpreis" ausgezeichnet. Ein echtes Erfolgsmodell also – so schien es zumindest.

Bauplätze gut verkauft

Während in den letzten Jahren anderswo Bauplätze nur schwer zu verkaufen waren, gingen die Grundstücke "Auf dem Hollunder" weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. Bürgermeister Mario Gerhold wurde nicht müde persönlich um neue Interessenten zu werben. Seine Argumente: Geringe Investitionskosten, ein Beitrag zum Klimaschutz und preiswerte Wärmeversorgung. Worte, an die sich auch Familie Schmidt noch gut erinnert. Sie sagen: "Für uns war das ein wichtiges Kaufargument." Das war 2002. Doch jetzt, fast zehn Jahre später, herrscht Verbitterung. Grund sind die Kosten.

Falsche Versprechungen?

"Wir zahlen hier inzwischen doppelt soviel wie mit einer Gasheizung", rechnet Renate Schmidt vor und legt die Heizkostenabrechnung ihrer Schwiegermutter auf den Tisch. Die zahlt in ihrem Baunataler Haus mit Gasheizung 770 Euro im Jahr für 11.892 Kilowattstunden Verbrauch, die Schmidts hingegen mussten 2011 für 12.646 Kilowattstunden 1.674 Euro zahlen. Was sie besonders wütend mache, sagt sie, sei, dass man ihnen beim Kauf des Grundstücks gesagt habe, der Preis für die Wärmeversorgung würde sinken, sobald noch mehr Häuser angeschlossen seien. Doch das Gegenteil sei der Fall. Von zunächst 4,1 Cent pro Kilowattstunde sei der Preis inzwischen auf 9,3 Cent gestiegen. "Und niemand weiß, was nächstes Jahr auf uns zukommt, denn die Abrechnung mit den Preisen gibt es immer nur rückwirkend."

Mangelnde Transparenz?

Schon mehrmals, so sagt Renate Schmidt sei sie deshalb beim Bürgermeister vorstellig geworden. Doch der habe sie jedes mal abblitzen lassen. Ihr Mann Ingolf, der bei SMA arbeitet, betont: "Ich wäre ja gerne bereit etwas mehr zu

zahlen, wenn ich damit unsere Umwelt schütze, aber das ist einfach zu viel." Es müsse bezahlbar bleiben. Damit stehen die Schmidts offensichtlich nicht allein. In einer Unterschriftenliste, die am Freitag Bürgermeister Gerhold überreicht wurde, fordern weitere 51 Haushalte von der Gemeinde "die Kosten zu überdenken".

Doch es sind nicht die Kosten alleine. Der Gemeinde wird auch mangelnde Transparenz vorgeworfen. So ist für Familie Schmidt nicht nachvollziehbar, wieso sich die Verwaltungskosten im Vergleich zum Vorjahr von 2.468 Euro auf 4.870 Euro erhöht haben. Auch wollen sie wissen, was mit den inzwischen gebildeten Rücklagen in Höhe von 139.000 Euro passiert? Grundsätzlich, so Renate Schmidt, würden die Nebenkosten in der jährlichen Abrechung nur ungenügend aufgeschlüsselt.

Olkessel muss zuliefern

Körles Bürgermeister, von unserer Zeitung auf die Vorwürfe angesprochen, weist diese vehement zurück. Der Vergleich mit einer Gasheizung hinke, so Gerhold, der übrigens selbst "Auf dem Hollunder" wohnt, denn schließlich gehe es nicht nur um die Verbrauchskosten. Die Bauherren hätten sich den Kauf einer Heizungsanlage und damit oft auch den Keller gespart. Auch müssten Kosten wie etwa die Abschreibung, Reparaturen und Wartung für einen Vergleich eingerechnet werden.

Dazu komme, dass mit Holzhackschnitzel derzeit nur 61 Prozent der im Neubaugebiet benötigten Energie erzeugt werden könne. Der Rest müsse über einen mit teurem Öl betriebenen Spitzenlastkessel zu geliefert werden.

Vor diesem Hintergrund macht Gerhold eine ganz andere Rechnung auf: So sei der Heizölpreis seit dem Jahr 2000 um 241 Prozent gestiegen, der Nahwärmepreis in Körle dagegen nur um 211 Prozent. "Wer also glaubt, mit Öl billiger weggekommen zu sein, der muss mir das erst einmal beweisen", so der Bürgermeister.

Vertrag unkündbar

Trotzdem wolle er auf den Unmut mit einer Anwohnerversammlung reagieren. Dort könne auch ein Beirat gegründet werden, der für mehr Transparenz sorgen könne.

"Diese Versprechungen kennen wir schon", sagt Renate Schmidt empört. Ihr schwebt inzwischen eine ganz andere Lösung vor:  "Wir würden lieber heute als morgen aus dem Vertrag über die Nahwärmeversorgung aussteigen", betont sie. Doch der ist unkündbar.

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