Psychoterror im Mädchenheim

Von ANDREAS BERNHARDGuxhagen. Es war die schlimmste Zeit meines Lebens, erinnert sich Renate Schmidt. Trnen steigen ihr auch 40 Ja

Von ANDREAS BERNHARD

Guxhagen. Es war die schlimmste Zeit meines Lebens, erinnert sich Renate Schmidt. Trnen steigen ihr auch 40 Jahre nach den frchterlichen Erlebnissen in die Augen. Alptrume verfolgen sie bis heute. Rund eineinhalb Jahre verbrachte sie im Mdchenerziehungsheim Fuldatal in Breitenau. Eine Zeit des eingesperrt Seins, der Erniedrigung und der Ausbeutung.

Manche haben sich umgebracht

Renate Schmidt ist bei weitem nicht die einzige Betroffene. Doch sie ist eine von Wenigen, die offen ber ihre Erlebnisse sprechen.

Delf Schnappauf aus Homberg kennt viele von ihnen. Er plant eine Ausstellung zum Thema. Seine Erfahrung: Wer Jahre im Heim verbracht hat, ist Zeit seines Lebens gezeichnet. Manche htten sich spter umgebracht, die anderen seien schwer traumatisiert, litten unter den psychischen Schden und massiven gesundheitlichen Folgen.

Wie leicht es war, ins Heim abgeschoben zu werden, zeigt das Beispiel von Renate Schmidt: Sie war 17, lernte Floristin, als ihr Chef sie unsittlich bedrngte. Daraufhin lie sie ihr berforderter Vater nach Breitenau bringen. Dort wurde, hinter Mauern mit Stacheldraht, aus dem Opfer eine Tterin.

Sittliche Verwahrlosung steht bis heute in ihrer Akte. Es begann, was sie Psychoterror nennt. Nach einer erzwungenen gynkologischen Untersuchung wurde sie fr zehn endlose Tage in eine Isolierstation gesperrt, ohne Kontakt zur Auenwelt. Dann begann der Alltag im Erziehungsheim. Und der war nicht auf Hilfe angelegt, sondern darauf, die Mdchen zu brechen.

Demonstration von Melsunger Schlern

Die Heimleiterin hatte stets eine Reitpeitsche in der Hand, erinnert sich Renate Schmidt. Auf kleinste Vergehen standen drakonische Strafen. Am gefrchtestenwar der so genannte Besinnungsraum. Hier gab es nur eine Holzpritsche und eine Wolldecke, dazu Muse und Ratten. Noch heute zeugen Einritzungen in der Wand von den Qualen der Heimkinder.

Ansonsten mussten wir arbeiten erklrt Renate Schmidt. Besteckksten kleben, Autosicherungen montierenoder auf dem Feld arbeiten fr 60 Pfennige am Tag. Nicht selten wurden Teile des Lohns als Strafe einbehalten. Nach 31 Monaten stand ich mit 40 Mark in der Tasche buchstblich auf der Strae, erzhlt sie. Schon damals gerieten die Zustnde in dem Heim in die Kritik. Insbesondere die politischen Aktivisten der 68er-Bewegung nahmen sich des Themas an. Ulrike Meinhof, die spter als Mitgrnderin der Rote Armee Fraktion (RAF) traurige Berhmtheit erlangte, besuchte Breitenau und aktivierte die Presse. Schler der Geschwister-Scholl-Schule aus Melsungen demonstrierten. Der Anfang vom Ende: 1974 wurde das Mdchenheim geschlossen.

Spte Entschuldigung des LWV

Doch es dauerte noch einmal 30 Jahre, bis sich der Landeswohlfahrtsverband (LWV) als Betreiber des Heims zu einer Entschuldigung durchringen konnte. Darin das Eingestndnis, dass den Mdchen psychische und physische Gewalt angetan wurde (Text unten).

Zu spt, findet Renate Schmidt. Zusammen mit anderen ehemaligen Heimzglingen kmpft sie heute fr eine Entschdigung vor dem Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages. Es geht um Renten- und Sozialversicherungsbeitrge. Im Sommer soll die Entscheidung fallen, frhestens 2010 ein entsprechendes Gesetz in Kraft treten. Allerdings, so Renate Schmidt, die sich bis heute als ehemaliges Heimkind stigmatisiert und ausgegrenzt fhlt: Die verpfuschten Jahre kann mir niemand zurck geben.

Redeauf der Plenarsitzung der Verbandsversammlung 2006 des LWV Hessen, am5. April 2006

SprecherHerr Heupert, Bndnis 90/Die Grnen:

DieVerbandsversammlung des Landeswohlfahrtsverbandes bittet alleehemaligenKinder und Jugendlichen um Entschuldigung, denen in seinen undanderen Heimen und Einrichtungen krperliche und psychischeGewalt angetan worden ist.

Wirbedauern zutiefst, dass ihnen auch Leid zugefgt worden ist vondenjenigen, die Sie durch ihre Obsorge (sorgende Aufsicht) davorschtzen wollten. Dass so etwas mglich war, knnenwir uns nur dadurch erklren, dass wir unsere ttigeMitmenschlichkeit zutiefst vernachlssigt haben. Namens dieserVersammlung bitte ich Sie um Vergebung fr alles, was Ihnenunrechtmig angetan worden ist. Wir bitten Sie umVerzeihung. Wir bitten Sie auch darum, dass Sie demLandeswohlfahrtsverband Hessen und anderen Beteiligten Gelegenheitgeben, gemeinsame Hilfs- und Untersttzungsmglichkeitenfr die Aufarbeitung Ihrer schrecklichen Erlebnisse zu finden.Dieses Bestreben nach Mglichkeiten gemeinsamer Aufarbeitung istvon der Gewissheit getragen, dass es jenseits der zugefgtenVerletzungen und Beschdigungen, im Landeswohlfahrtsverbandauch immer den entschiedenen Willen gab undweiterhin gibt, die Wrde des einzelnen nicht mutwillig zuschdigen.Insbesondere der Wrde des schwachen Menschen wollen wirgerade durch engagierte pdagogische und therapeutische ArbeitzurDurchsetzung verhelfen.

Esgeht nicht darum, Vergangenheit zu bewltigen, das kann man garnicht. Ihr Leid bleibt verbunden mit Holzpritschen ohne Matratzen,mit Strafbunkern,Besinnungsrumen, Arbeitszwang, Schlgen, Demtigung.Die Lebensgeschichten der ber 800 000 ehemaligen Heimkindersind auch geprgt vom Leid im Nachkriegsdeutschland. In derJugend der heute 50- bis 70-jhrigen heit das zentraleThema Zerrissenheitvon Familien und Desintegration nach Krieg und Gefangenschaft,Berufs- und Heimatlosigkeit. In den Begrndungen derHeimeinweisungen lesen wir Begriffe, die sich angesichts heutigerProblemstellungen im Jugendbereich nahezu verniedlichend"anhren: "SittlicheVerwahrlosung", "Verlogenheit", "halbstark","Leistungsschwche","Arbeitsbummelei", aber auch "Bettnssen","Stottern"oder "Ngelkauen" steht in den noch vorhandenenFrsorgeakten. Wir haben gehrt, dass sehr viele von denehemaligen Heimkindern unser Land verlassen haben, um die tiefenNarben zu verstecken. Die Dagebliebenen wollten mit ihrerHeimvergangenheit abschlieen; der Preis dieser Verdrngungsind heute oft gesundheitliche Defizite, die mit Alkoholabhngigkeit,Angst- und Panikattacken, chronischen Kopf- und Rckenschmerzen,Aggressionsausbrchen,Suiziden verbunden sind.

Wirentschuldigen uns bei Ihnen dafr, dass wir als Verantwortlichedas Gesprch und den Weg zu Ihnen - als direkt Betroffene, Ihnen- als verletzte ehemalige Heimkinder, erst so spt gefundenhaben. Es tut uns sehr leid, dass wir Sie zu lange in Ihrer Angst undEinsamkeit alleine gelassen haben. Wir htten wissen knnen,dass viele der Huser,in denen Ihre Frsorgeerziehung stattgefunden hat, erst wenigJahrevorher Orte der Inhumanitt waren. Wir htten wissenknnen, dassdies auch fr Sie eine besondere Schande bedeutet hat. Wirlernte nur langsam zu verstehen, wie gro die Scham ist, diesenTeil in Ihrer Biografiengegenber Familie, Freunden, Arbeitskollegen und Nachbarn zuoffenbaren. Die Unmglichkeit sich von dem von Ihnen erfahrenenLeid frei zu sprechen, sich auch zu Ihrer Heimkind-Identittffentlich zu bekennen, mag Begrndungen in Unachtsamkeitenhabet siesteht jedoch auch mit unserer Angst vor einer moralischenAufarbeitung dieses Teils unseren ffentlichen und beruflichenHandelnsin Verbindung. Aber 30 Jahre nach diesen Ereignissen stehen wederjuristische Beurteilungen noch gerichtliche Verurteilungen auf derTagesordnung. Niemand hegt Groll nach dem einen Heimleiter odereinzelnen Erziehern, obwohl dies durchaus verstndlich wre.Vielmehr geht es doch darum, dass wir gemeinsame Wege finden, umIhnendiese verloren gegangene Ehre zurckzugeben. Dies wird sichernoch ein harter und anstrengender Weg sein. Denn es muss uns allesehrnachdenklich stimmen, wenn einehemaligerHeimjugendlicher nachjahrelanger Therapie schreibt: "Nein, das Vergangene ist nichtes ist nicht einmal vergangen. Es lebt in mir, so lange ich lebe unddarandenke, davon trume. Ich trume fast jede Nacht von denQual vonden Demtigungen und den Erniedrigungen im Heim. Das letzte Mal,das ich vom Heim im Taunus trumte, war heute Nacht."

Trotzdemknnen wir Hilfe organisieren. Wir wollen Ihnen mehr als bisherunsere Untersttzung anbieten, so dass Betroffene ihreLebensgeschichteaufschreiben knnen. Das Unglaubliche niederzuschreiben heit,der eigenen Erinnerung glauben zu knnen. Dies ist wirksameSelbsthilfe. Den Mut zu finden, sich Gehr zu verschaffen,Ihr Leid zu teilen, damit haben Sie selbst begonnen, indem SieIhr eigenes Netzwerk in Form eines Vereins gegrndet haben.Damit haben Sie den vielen, die mit ihnen gelitten haben, einen Wegzurberwindung der Isolation und Einsamkeit gebahnt. Daran schlietsichauch die Frage nach einem wrdigen Ort, der Aufbewahrung undErinnerung an. Hilfestellungen zur Geltendmachung von materiellenAnsprchen sind bereits ffentlich genannt worden. KonkreteHilfe muss auch geleistet werden, wenn Sie an die Orte derGeschehnisse nach so langer Zeit zurckkehren wollen. Gefragtsind einfhlsame Begleitungen, wenn Sie ihre ehemaligen Heimeaufsuchen wollen und Einsicht in die dort vorhandenen Akten nehmenwollen.

Dervon mir oben erwhnte Brief eines Heimjugendlichen endet trotztiefem Schmerz sehr vershnlich: "Um ein bisschen glcklichzu sein musst du dich mit dem Leben vershnen, so wie es nuneinmal ist. OhneAnstrengung und den Willen Schmerzen und Angst zu berkommen,kann man nicht wachsen."

Siehaben bereits gezeigt, wie viel Kraft in Ihnen steckt, die traurigenErlebnisse Ihrer Jugend zu verarbeiten. Dennoch mchten wir Siein Zukunft besonders dort aktiv untersttzen, wo Sie auf Mauerndes Schweigens stoen und Ihnen der Zugang zu der "verlorenenZeit" versperrt bleiben soll Gemeinsam mssen wirakzeptieren, dass die Grausamkeiten von einst nicht ungeschehengemacht werden knnen. Wir vom Landeswohlfahrtsverband Hessenwnschen uns jedoch, dass Sie - wie der vorgenannte ehemaligeHeimjugendliche - einen Weg gefunden haben, vershnlich mitIhren Wunden und ngsten aus dieser Zeit umgehen zu knnen.

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