Revolte in der Provinz: Wie das Phänomen 1968 nach Nordhessen kam

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Nordhessen. 1968: Dieses Jahr ist in den Augen Vieler gleichbedeutend mit Rudi Dutschke, Studentendemonstrationen, der APO, Beggars Banquet und dem We

Nordhessen.1968: Dieses Jahr ist in den Augen Vieler gleichbedeutend mit Rudi Dutschke, Studentendemonstrationen, der APO, Beggars Banquet und dem Weißen Album, dem Prager Frühling, My Lai oder den frühen Jahren der RAF.

"1968 ist mehr als eine Zahl. Es ist vielmehr eine Metapher" fasst der Schulleiter der Bundespräsident-Theodor-Heuss-Schule, Dr. Ralf Weskamp dieses Phänomen kurz und knapp zusammen. Und diese Metapher hat nicht nur mit großen Städten und bekannten Namen, sondern auch mit der Region zu tun. Denn wer glaubt, dass diese Zeit an der "nordhessischen Provinz" sang und klanglos vorbeigegangen ist, der irrt. Das haben die beiden Geschichtslehrer Johannes Grötecke und Thomas Schattner im Rahmen einer Spurensuche herausgefunden und in ihrem Buch "Der Freiheit jüngstes Kind" beschrieben.

Dabei konzentrieren sich die beiden Autoren nicht nur auf das besagte Jahr, sondern auch auf die Vorboten und Folgen. Fernab von Verkitschung, Verklärung oder Verheimlichung greifen sie Themen wie die bisher nur wenig beachtete "Schülerbewegung", die APO und die frühen Jahre der RAF auf und beleuchten damit verbundene Ereignisse im nordhessischen Raum.

"Vögeln statt turnen"

So beschreiben sie zum Beispiel, wie sich Schülerzeitzungen und Schüler mehrerer Schulen zunehmend politisierten  und die  dadurch entstandenen Konflikte nach und nach eskalierten. Oder von den "Homberger Schulrebellen Bernhardt und Bott", die an der damals stockkonservativen THS eine "Gegenschule" ausriefen, die sich der sexuellen Aufklärung verschrieb, die Schule in "John Lennon-Gymnasium" umtauften und die Turnhalle unter der Devise "vögeln statt turnen" in ein Free Love-Center umwandeln wollten. Mit diesen Aktionen schafften sie es sogar in den Spiegel, bis sie von der damaligen Staatssekretärin Hildegard Hamm-Brücher (FDP) angezeigt wurden und sich vor einem Marburger Gericht verteidigen mussten.

Auch die zunehmende Radikalisierung einzelner Gruppen, die schließlich im Terror der RAF endete, lässt sich im nordhessischen Umfeld verorten und findet daher auch im Buch Beachtung. So waren  namhafte Protagonisten des Deutschen Herbstes, wie Andreas Bader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin oder Astrid Proll in Wabern, Guxhagen oder Remsfeld-Rengershausen umtriebig.

Anfang er 1970er Jahre sollte Proll schließlich mehrere Kasseler Banken überfallen, Baader zwischenzeitlich in der JVA Kassel-Wehlheiden und in der JVA Schwalmstadt einsitzen und Meinhof sich in Oberaula die Zünder für die Sprengsätze ihrer Mai-Offensive besorgen.

Auf diese Weise zeigen die Autoren, dass sich nicht nur in Großstädten wie Frankfurt oder Berlin, sondern auch in den kleinen Städten und Dörfern der Region Spuren des Phänomens "1968" finden lassen und zeigen damit, dass auch in der Provinz ein Teil der Geschichte geschrieben wird.

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