Wie Robinson auf der Insel - Christoph Weidemeyer war fünf Jahre Dorfschullehrer

Wiera. Es ist Freitag und Robinson Crusoe bereitet sich auf seinen Abschied von der Insel vor. Einmal soll aber noch gefeiert werden – so wie die v

Wiera. Es ist Freitag und Robinson Crusoe bereitet sich auf seinen Abschied von der Insel vor. Einmal soll aber noch gefeiert werden – so wie die vergangenen Jahrzehnte, immer kurz vor den großen Ferien. In Wirklichkeit heißt Robinson Crusoe ja Christoph Weidemeyer. Der Robinson Crusoe von der Insel Dorfschule, den Spitznamen bekam er von seinen Kollegen. Ob da jetzt Neid oder doch nur pure Häme mitschwingt, ist schwer zu sagen, sicher ist aber: Der 32-jährige Neukirchener gehört zu einer aussterbenden Rasse, nämlich die der Dorfschullehrer.

Nicht ohne seine Schüler

Fünf Jahre hat er an der Grundschule in Wiera unterrichtet – vier Klassen gleichzeitig. Vor fünf Jahren begann er, direkt nach seinem Referendariat, an der Grundschule als Lehrer. Wegen stetig sinkenden Schülerzahlen macht die Lerneinrichtung mit den beginnenden Sommerferien dicht für immer. Weidemeyer wird dann an der Eckhardt-Vonholdt-Schule in Treysa unterrichten – seine Schüler nimmt er mit.Eltern, Geschwister, Groß­eltern, alle sind sie am Freitag gekommen, um das letzte Mal das Sommerfest kurz vor den großen Ferien zu feiern. Mit Theater, Liedbeiträgen und einem gemütlichen Ausklang bei Bratwurst vom Grill soll Abschied genommen werden. "Klar, etwas Melancholie ist schon dabei", sagt Weidemeyer. Er sieht in dem System der Dorfschule nämlich kein Defizitmodell, sondern eine Menge pädagogische Vorteile.

Vorteil im sozialen Bereich

Weil von den Erstklässlern bis zu den Viertklässlern alle gleichzeitig unterrichtet werden, würden die Schüler so viel mehr Unterrichtsstoff mitbekommen. "Ältere Kinder schlüpfen zudem automatisch in die Rolle von Mentoren und helfen jüngeren Schulkameraden bei Problemen", sagt der Lehrer. Der Zusammenhalt untereinander sei dadurch besonders. Auch sei der Unterricht stärker individualisiert. "Die Lehrer können die Schüler besser fordern und fördern", sagt Weidemeyer. Wichtig sei neben den formellen Leistungen das soziale Lernen für Grundschüler. Nach der Grundschule stünde dann das fachliche Lernen im Vordergrund."Der demographische Wandel hat auch nicht vor unserer Schule Halt gemacht", sagt Peter Reichmeyer, Vorsitzender vom Elternbeirat. Er selbst hat seine Grundschulzeit in Wiera verbracht. Das Ende für die Schule sei nicht überraschend gekommen. Der Trend hat sich in den vergangenen Jahren abgezeichnet. "Liegen die Schülerzahlen über zwei Jahre unter 17, schließt die Schule. Das hat das Schulamt so festgelegt. Der Punkt ist jetzt erreicht". Reichmeyer sieht aber nicht den geringsten Anlass deshalb auf die Barrikaden zu gehen. Ganz im Gegenteil: Der schonende Übergang, speziell für die Kinder, sei lobenswert. Auch wenn er die vergangenen fünf Jahre nicht missen möchte, freut sich Weidemeyer auf seinen neuen Arbeitsplatz an der Eckhardt-Vonholdt-Schule. "Sicher, an die Zeit auf der Insel Dorfschule werde ich mich wohl ewig erinnern", sagt er. Aber selbst Robinson Crusoe sei ja nicht ewig auf der Insel geblieben.

Das könnte Sie auch interessieren

Meist Gelesen

Schwer verarscht statt schwer verliebt

Loshausen. Yvonne Itzenhäuser nimmt an Pseudo-Kuppelshow von Sat.1 teil.
Schwer verarscht statt schwer verliebt

Von der Brötchenverkäuferin zur Schauspielerin: Meli aus dem SEK spielt bei „Krass Klassenfahrt“ mit

Trotz 300.000 Instagram-Followern und einer Rolle bei "Krass Klassenfahrt" ist Meli aus dem SEK bodenständig geblieben. Im Gespräch mit unserer Zeitung erzählt sie von …
Von der Brötchenverkäuferin zur Schauspielerin: Meli aus dem SEK spielt bei „Krass Klassenfahrt“ mit

Neunjähriger hat Tetraspastik – jetzt soll Geld für neue Delphin-Therapie zusammenkommen

Am kommenden Samstag findet in Fritzlar-Haddamar ein „Benefiztag“ für den kleinen Tamino statt.
Neunjähriger hat Tetraspastik – jetzt soll Geld für neue Delphin-Therapie zusammenkommen

Abschied mit Abstand

Fritzlars Amtsgerichtsdirektor Bernhard Rhiel geht in den Ruhestand – wir führten ein Kurzinterview mit ihm
Abschied mit Abstand

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.