Autor Berndt Schulz schreibt Bücher in einem ausgedienten Zirkuswagen in Holzburg

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„Das Leben ist unerträglich – man muss es zum Roman machen“, sagt Berndt Schulz. In der Nachbarschaft zum KZ Sachsenhausen geboren und in den Trümmern Berlins aufgewachsen, zog es Schulz später nach Holzburg. Hier schreibt er seine Bücher in einem ausgedienten russischen Zirkuswagen.

Schrecksbach-Holzburg. „Hier muss es sein. Endlich gefunden“, denke ich, als ich mein Auto auf dem Hof hinter dem Schwälmer Dorfmuseum in Holzburg abstelle. Der Tipp eines Freundes hat mich hierher gebracht. Im alten Pfarrhaus, einem imposanten Fachwerkgebäude aus dem Jahr 1709, soll ein Schriftsteller wohnen. „Das wäre doch mal einen Bericht wert“, hat es geheißen. „Ganz sicher“, hatte ich gesagt und in Wahrheit gedacht: Der wird ein, vielleicht zwei Bücher über die Schwälmer Kultur, Mundart oder Tracht geschrieben haben. Gekauft haben es dann ein paar wenige Bekannte und noch weitaus weniger Interessierte.

Von wegen, werde ich gleich feststellen. Kaum an der Treppe angekommen, öffnet sich die massive Holztür. Heraus tritt ein großer, hagerer Mann, mit grauem, kurzrasiertem Vollbart und mittellangem, lichtem Haar. Gekleidet in gedeckten Farben – schwarzes Hemd, graue Hose, grau-braunes Jackett. Es ist Berndt Schulz, einer meiner drei heutigen Termine. Die Begrüßung verläuft nett, mit kurzem Händedruck und angedeutetem Lächeln.

Mir wird klar: Dieser Mann ist nicht darauf bedacht, in besonderer Weise erwähnt zu werden oder gar groß rauszukommen. Und er hält auch kein Buch in der Hand, das er möglichst gewinnbringend über unsere Zeitung vermarkten möchte. Das Angebot auf Kaffee durch Schulz’ Frau, Museumsleiterin Heidrun Merk, lehnen wir dankend ab.

Lieber kommen wir gleich zur Sache. Es folgen ein dreistündiger Spaziergang durch Wohnhaus und Gartenanlage, bereichernde Gespräche über Städte, Dörfer, Menschen, Tiere, Gewohnheiten, Konsum, Zukunfstängste und vor allem eindrucksvolle Einblicke in das Leben eines begeisterten Autors, der trotz 75 Jahren und einer dreiviertel Million verkaufter Bücher gar nicht daran denkt, den Stift zur Seite zu legen.

Von der Stadt aufs Land – der Ruhe wegen

„Eine Gruppe von Stadtmenschen hat die Stadt satt. Sie will ihr Glück im Garten finden und mit den Tieren kommunizieren“, verrät Schulz über sein neuestes Buch. Das Werk hat autobiografische Züge. Auch Schulz ist Stadtmensch und Flaneur. In der Mark Brandenburg und in direkter Nachbarschaft zum KZ Sachsenhausen geboren, im Arbeiterviertel Berlin-Wedding aufgewachsen, zog es den Autor später nach Stuttgart und Frankfurt – und schließlich nach Holzburg. Das riesige Grundstück rund ums Museum hatte Schulz schon vor 15 Jahren erworben.

Vor drei Jahren war es schließlich Zeit, sich im Schrecksbacher Ortsteil einzurichten. Er schwärmt von den Vorzügen des Ländlichen: „Die Natur, die Landschaft, die Tiere als Mitmenschen.“ Wir schlendern unter mächtigen Lebensbäumen, Duglasien und zum Teil fast 200 Jahre alten Eichen durch die anmutige Gartenanlage. Der moosbewachsene Weg führt vorbei am alten Backhaus, dessen Dach unter den vielen Tannennadeln kaum noch hervorblickt. Uns begleitet das Plätschern des Wassers, das in den Teich fließt. Am Ende des Gartens angekommen, offenbart sich ein malerischer Blick. Das idyllische Schwalmbecken legt sich vor unseren Augen majestätisch nieder.

Hier oben, einige Meter hinter dem Wohnhaus, spielen Hunde, Vögel, Autos und Kirchturm ihre dezente Begleitmusik. Das Gebell, Gezwitscher, Gebrause und Geläut ist nur entfernt zu hören. „Es rückt mir nicht so auf die Pelle“, sagt Schulz, während ihm eine Katze um die Beine streift. Auch „Mausi“ scheint das hübsche Fleckchen Erde zu mögen. Das Lesen der ersten Zeilen seines autobiografischen Romans „Den Atem anhalten“ verrät Schulz’ wahres Interesse an der Holzburger Ruhe.

Seine frühkindlichen Erlebnisse belasten den Schriftsteller bis heute. Erinnerungen an „gefährliche Vögel, die mit infernalischem Lärm über uns hinweg flogen, um ein paar Kilometer weiter ihre tödliche Fracht auszuklinken, Brandbomben, Splitterbomben, Phosphorbomben. Manchmal luden sie das Unheil auch da ab, wo wir waren. Und im Kopf des Zweijährigen, der ich damals war, setzte sich fest: beim allerersten Geräusch von Flugzeugen den Atem anhalten, lauschen, woher sie kommen und wie weit entfernt sie noch sind und rennen, rennen, rennen, denn Lärm bedeutet Todesgefahr.“ Manchmal sei der Luftdruck so stark gewesen, dass es einem die Lunge zerreißen konnte, schreibt Schulz. „Also Ohren zuhalten, Atem anhalten, Mund sperrangelweit öffnen.“

Literatur als Fluchtweg aus einer atemraubenden Welt

Das Buch ist autobiografisch, wo es notwendig ist und romanhaft, wo es wünschenswert erscheint. Geschrieben hat Schulz die 250 Seiten nachdenklich stimmender Zeitgeschichte von seinem Schreibtisch aus. Der steht nicht aber im Wohnhaus, sondern in einem im Garten stehenden, ausgedienten, russischen Zirkuswagen.

Hier hat sich der 75-Jährige mit allem eingerichtet, was er benötigt: Kamin, Leselampe, Sessel, Bett, Schreibtisch, Stift, Papier, Computer und Bücherregal. Hier entstehen Sachbücher, Bühnenstücke, historische Romane, Krimis und eben jenes autobiografische Werk, das für Schulz vorbelasteten Geist ganz sicher auch den Fluchtweg aus einer manchmal sprachlos machenden und atemraubenden Welt darstellt. „Den Atem anhalten“ ist besonders lesenswert – vor allem für Generationen, die unter dem Krieg und dessen Nachwirkungen nicht leiden mussten und noch immer müssen.

Für Bestellungen: berndtschulz@t-online.de

EXTRA-INFO ZUR PERSON:

Berndt Schulz wurde 1942 in der Mark Brandenburg geboren. Seine Kindheit verbrachte der Schriftsteller in Berlin-Wedding. Nach einer Elektrikerlehre und diversen Jobs wurde Schulz Buchhändler. Nach schwerer Erkrankung und Genesung zog er nach Stuttgart und 1970 nach Frankfurt am Main. Am Abendgymnasium holte Schulz das Abitur nach und studierte Germanistik, Philosophie, Geschichte und Publizistik. Anschließend arbeitete er in der Erwachsenenbildung, als Journalist und Lektor. Schulz ist seit 1980 freier Schriftsteller.

Er hat bereits mehr als 70 Bücher in den Bereichen Film, Stargeschichte, Politik und Gesellschaft sowie Sachbücher und Biografien veröffentlicht. Unter dem Pseudonym Mattias Gerwald schrieb und veröffentlichte er mehrere historische Romane. Das Entdeckertum und der ständige Wechsel zwischen Großstadt und Land ziehen sich durch seine Vita („Wir haben immer Landhäuser gehabt“). Ist es Zufall, dass sogar auf seiner Brille Marc O’Polo steht? Schulz wurde vor allem durch seine Krimis um den Ermittler Martin Velsmann, die in der Main-Kinzig-Region zwischen Frankfurt und Fulda spielen, bekannt. Seit 2015 lebt der Autor im alten Pfarrhaus des Schrecksbacher Ortsteils Holzburg.

Gerade die frühesten Kindheitserinnerungen an die Nazizeit, das KZ Sachsenhausen („Nach einem Sonntagspaziergang über die schwarzbraunen Felder in der Ferne Stacheldraht. Ein menschlicher Körper hängt darin. KZ-Häftlinge wollen immer weg, sagte meine Mutter, aber das lassen sie nicht zu.“) und die Erinnerung an den gescheiterten Fluchtversuch seiner Familie über den Hafen von Wismar nach Dänemark („Aber Matrosen zogen den Landungssteg ein und schlugen uns die Eingangsluke vor der Nase zu. Wir mussten umkehren [...] Das überfüllte Schiff wurde dann auf hoher See von den Torpedos eines feindlichen U-Bootes versenkt. 500 Flüchtlinge ertranken.“) lassen ihn bis heute nicht mehr los. Die Literatur ist auch Bewältigung des Erlebten. Quellen: wikipedia.de und „Den Atem anhalten“

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