Barrieren für Rollstuhlfahrer: Bahnhof Treysa hat Nachholbedarf

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Rollstuhlfahrer Johannes Putz aus Schwalmstadt schimpft über Nordhessens Bahnhöfe und die späten Umbaupläne von Hessens Verkehrsminister Al-Wazir.

Schwalmstadt-Treysa. Alles was er will, ist seine Verlobte wiederzusehen. Die liegt im Krankenhaus in Kassel und erhält ein neues Hüftgelenk. Um sie mit einem Besuch zu überraschen, löst Johann-Heinrich Putz ein Ticket am Bahnhof in Treysa. Doch die Sache hat einen Haken: Putz muss einen Umweg in Kauf nehmen. Er fährt zunächst von Gleis 1 aus nach Stadtallendorf. Dort steigt er um und fährt schließlich wieder nach Treysa und von dort bis an den Kasseler Hauptbahnhof.

"Das ist eigentlich eine Schande", sagt Johann-Heinrich Putz, der lieber Johannes genannt werden möchte. Der 67-Jährige ist Rollstuhlfahrer. Seit 2000 kann er nicht mehr gehen. "Zwei Wirbelkörper im Rücken sind verdreht. Der Liquor fließt nicht mehr richtig durch. Ich kann meine Beine kaum bewegen", sagt er. Der Rentner fahre gern mit der Bahn, schließlich sei das die einzige Möglichkeit, Freunde außerhalb Treysas zu besuchen. Auto könne er eben nicht mehr fahren.

Schwalmstadt ist keine Ausnahme

"Deshalb bin ich ein echter Bahn-Fan und immerhin auch Mitglied der Treysaer Eisenbahnfreunde", sagt Putz. Umso ärgerlicher, dass viele der nordhessischen Bahnhöfe nicht barrierefrei sind. "Man erlebt hier so manche Abenteuer", sagt der gebürtige Berliner, der mit acht Jahren nach Schwalmstadt zog. Immer, wenn er von Treysa aus mit dem Zug nach Norden fahren möchte, muss er zunächst den Umweg über das südliche Stadtallendorf nehmen.

Der Grund: Rollstuhlfahrer haben keinen Zugang zu den Gleisen 2, 3 und 4. Und die Züge auf Gleis 1 fahren ausschließlich Richtung Frankfurt. "Ich würde auch gern einmal nach Bad Arolsen fahren. Aber da kann ich so schlecht hin. Und Bekannte in Zimmersrode und Wabern kann ich sowieso nicht besuchen", schimpft Putz. Selbst in Borken ("an sich ja eine tolle Stadt") gebe es viele Barrieren. Und die nehmen Rollstuhlfahrern wie Putz ein Stück ihrer Freiheit – wo doch gerade die so wichtig für sie ist.

Die Lähmung war ein richtiger Schock

"Ich war den größten Teil meines Lebens mobil. Doch dann kam die Lähmung der Beine als schleichender Prozess. Die Diagnose war ein richtiger Schock. Ich wollte nie im Rollstuhl sitzen", erinnert sich Putz. Inzwischen habe er sich mit seiner Situation aber ganz gut abgefunden. Lediglich die vielen Hindernisse im Alltag machen ihm zu schaffen – vor allem aber der Bahnhof in Treysa.

Ein Zustand den auch die SPD-Landtagsabgeordnete Regine Müller nicht länger hinnehmen will. In einem Brief an Hessens Verkehrsminister Tarek Al-Wazir schreibt sie: "Besonders brisant ist die Frage des Zugangs zu den Gleisen über die Treppen: die sind die einzige Verbindung zwischen den Bahnsteigen; sie verfügen nicht über Rampen, um sie mit Kinderwagen oder Rollstühlen zu nutzen und auch Querungshilfen über die Gleise gibt es nicht mehr." Laut Müller ist es gesellschaftlicher Konsens, dass behinderte Menschen gleichberechtigter Teil unserer Gemeinschaft sind. Deshalb ihr Appell: "Das darf man nicht nur in Sonntagsreden fordern. Eine solche Haltung muss sich stattdessen in der Praxis bewähren."

Bahnhof soll in 2019 modernisiert werden

In seiner Antwort verweist Al-Wazir auf die Rahmenvereinbarung zur Bahnhofsmodernisierung der Deutschen Bahn AG. In ihr ist auch der Bahnhof Treysa enthalten. Al-Wazir erklärt, dass die Planung den Neubau und die Erhöhung der drei vorhandenen Bahnsteige umfasst. Auch ein stufenfreier Zugang zu den Gleisen soll über neue Rampenanlagen erfolgen. Kosten des Vorhabens: rund zehn Millionen Euro.

Wegen Modernisierungsmaßnahmen am Bahnhof Wabern und den diesbezüglichen Auswirkungen auf den Eisenbahnverkehr könne erst 2019 mit dem Ausbau in Treysa begonnen werden. "Das ist eigentlich viel zu spät", schimpft Putz. Denn vor allem wegen des  Hephata-Standorts leben doch viele gehbehinderte Menschen in Treysa.

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