Bei der Hochwasserkatastrophe: Die Schwalm im Kopf

Annika Horn bei ihrem Einsatz im Flutkatastrophen-Gebiet in Rheinland-Pfalz.
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Annika Horn bei ihrem Einsatz im Flutkatastrophen-Gebiet in Rheinland-Pfalz.

Hephata-Mitarbeiterin Annika Horn half ehrenamtlich in der Flutkatastrophe

Schwalmstadt. „Ich habe zum Glück noch keinen Krieg erlebt. Aber so stelle ich ihn mir vor“, sagt Annika Horn. Die 29-jährige Heilerziehungspflegerin arbeitet hauptberuflich im Kinder- und Jugendbereich der Hephata-Behindertenhilfe in Schwalmstadt-Treysa. Ehrenamtlich engagiert sich die Rettungssanitäterin beim Deutschen Roten Kreuz DRK). Dreieinhalb Tage war sie mit dem Sanitätszug Süd des Schwalm-Eder-Kreises bei der Hochwasserkatastrophe in Rheinland-Pfalz im Einsatz.

Ihr Melder piepte am Samstag vor zwei Wochen, 17. Juli, um 9:55 Uhr. Zuletzt hatte er vor mehr als einem Jahr einen Katastrophenfall ausgerufen. Auch beim Chemieunfall in Homberg/Efze 2011 und beim Brand des Treysaer Schwalmgymnasiums 2017 hatte er gepiept. Jetzt ging es um die Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz. „Ich hatte an dem Wochenende frei und hätte eigentlich die nächste Woche gearbeitet. Ich habe dann meine Teamleitung angerufen und gesagt, dass ich zum Einsatz muss, von dem ich nicht weiß, wie lange er dauern würde.“

Matthias Krause, Teamleiter im Kinder- und Jugendbereich, gab ihr sofort grünes Licht, die Kolleg*innen übernahmen ihre Schichten, verschoben freie Tage, hielten der 29-Jährigen den Rücken frei. Für Annika Horn sollte es ihr bislang größter Einsatz werden. Dabei ist die Bereitschaftsleiterin des DRK-Ortsvereins Ziegenhain und Gruppenführerin im Sanitätszug Süd, Teil Ziegenhain, schon seit ihrer Jugend beim DRK aktiv. Hauptsächlich sind sie im Sanitätsdienst bei Veranstaltungen tätig.

Diesmal ging es zunächst nach Limburg, wo sich alle hessischen Helfer*innen sammelten und von dort in einer Kolonne mit 50 Fahrzeugen zum Nürburgring fuhren. Dort war der Bereitstellungsplatz, von dem aus die Helfer*innen jeden Tag in den Einsatz starteten. Untergebracht waren Annika Horn und ihre Kolleg*innen in einer zehn Kilometer entfernten Turnhalle.

„Ich hatte auf der Fahrt schon Respekt, weil ich nicht wusste, wie die Lage vor Ort sein würde. Ich habe mich gefragt, ob es mich auch selbst treffen könnte. Mir hat die Unterstützung meiner Familie, meines Freundes, von Freund*innen und Kolleg*innen geholfen.“ Da der Handy- und auch Funkempfang im Katastrophengebiet gestört war, konnte sich Annika Horn manchmal über viele Stunden hinweg nicht zu Hause melden. „Das war schon hart. Ich habe das Leben mehr schätzen gelernt. Und auch die Solidarität und Liebe, die sich fremde Menschen geben können.“

Die 29-Jährige und ihre elf Kolleg*innen aus dem Sanitätszug blieben dreieinhalb Tage, danach kamen weitere zwei Teams. Insgesamt war der Sanitätszug eine Woche vor Ort, dann wurden er und die meisten anderen hessischen Helfer*innen aus dem Katastrophengebiet abgezogen. In den dreieinhalb Einsatztagen waren Annika Horn und ihre Kolleg*innen in Altenburg eingesetzt. Sie waren zuständig für die Versorgung von Leichtverletzten, Transporte und auch die Betreuung der Betroffenen. Die 29-Jährige ist gerade in der Ausbildung der psychosozialen Notfallseelsorge – das kam ihr zu Hilfe.

„Manche Menschen wollten nicht reden, weil sie so unter Schock standen. Andere waren froh, dass man so eine einfache Frage gestellt hat wie: ,Wie geht es Ihnen?‘“ In Erinnerung geblieben ist ihr die Geschichte einer Frau, die ihren 90-jährigen Vater und sich selbst aus dem Dachfenster auf den Giebel ihres Hauses gerettet und dort, die Füße im Wasser, auf Hilfe gewartet hatte. „Ich gucke mir seit dem Einsatz keine Nachrichten zu der Katastrophe mehr im Fernsehen an. Das sieht oft aus, als ob die Bilder mit einem Bildbearbeitungsprogramm verschönert worden wären. Die Realität war anders. Komplette Hausstände lagen mit den Trümmern der Häuser auf einem Haufen, überall Schlamm“, erinnert sich Annika Horn. „Der Fluss ist im Normalfall niedriger als die Schwalm. In Altenburg war er auf einmal zehn bis zwölf Meter hoch. Ich habe an die Häuser in der Schwalm gedacht, die bei so einer Katastrophe weg gewesen wären.“

Die Aufräumarbeiten in dem Gebiet werden noch Monate oder Jahre dauern. „Ich wünsche mir, dass sich mehr Menschen ehrenamtlich engagieren. Mein Lebensmotto ist: ,Wenn ich was Gutes gebe, bekomme ich auch was Gutes zurück.‘ Ich habe noch nie so viel Liebe und Dankbarkeit verspürt wie in der Arbeit mit unseren Kindern in der Wohngruppe. Mit Ausnahme jetzt in Altenburg.“

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