Ehrenamtliche für Besuchskreis an der JVA Schwalmstadt gesucht

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Gehen in der JVA Schwalmstadt ein und aus: Reiner Weiß (l.) und Seelsorger Michael Kullinat.

Sie sind da, wenn keiner mehr zuhört: Die Ehrenamtlichen des Besuchskreis kommen mit Gefangenen der JVA Schwalmstadt ins Gespräch.

Schwalmstadt. Sie sitzen in engen Zellen, haben kaum Kontakt zur Außenwelt. Der Alltag der Gefangenen der JVA Schwalmstadt ist oft eintönig. Ihre einzigen sozialen Kontakte sind die zu anderen Häftlingen, den Beamten, Sozialarbeitern und Anwälten. „Viele stumpfen ab. Es dreht sich nur noch um sie und den Knast“, sagt Michael Kullinat, katholischer Seelsorger der JVA Schwalmstadt.

Im November 2012 gründete er deshalb gemeinsam mit dem evangelischen Seelsorger Peter Kittel einen Besuchskreis, bei dem Menschen von draußen mit JVA-Insassen ins Gespräch kommen können. „Für die Häftlinge ist es wichtig, dass ihnen jemand zuhört. Viele von ihnen haben weder Familie noch Freunde. Das Misstrauen zwischen den Insassen ist groß. Deshalb haben sie innerhalb des Gefängnisses selten eine Bezugsperson, mit der sie offen reden können“, erklärt Kullinat den Hintergrund.

Reiner Weiß gehört zu den Ehrenamtlichen, die sich regelmäßig Zeit nehmen, um den Insassen zuzuhören. Als er 2012 vom Besuchskreis erfuhr, wusste der Rentner, dass er sich in diesem Bereich engagieren möchte. „Ich bin ohne Erwartungen in das erste Gespräch gegangen. Somit konnte ich gar nicht negativ überrascht werden“, erinnert sich Weiß an den ersten Besuch.

Mit sechs Insassen ist er seither ins Gespräch gekommen. „Viele von ihnen haben einen großen Redebedarf. Manchmal kommt es wie ein Wasserfall aus ihnen heraus. Dabei geht es oft um ihre Gemütszustände“, sagt der Hochländer.

Obwohl es ihm bei den Gesprächen darum geht, den Gefangenen zu helfen und nicht etwa draum, seinen eigenen Horizont zu erweitern, nimmt er aus den Gesprächen viel mit. „Ich habe tiefe Einblicke in eine fremde Welt erhalten. Mir wurde erst während der Gespräche bewusst, was es tatsächlich für die Häftlinge bedeutet, ihre Freiheit zu verlieren. Ihnen geht es wirklich schlecht“, sagt er.

Seine Erfahrungen teilt er auch mit seiner Familie und Bekannten, um Vorurteile abzubauen. „Man muss bereit sein, sich auf diese Menschen einzulassen und schlimme Dinge zu erfahren – von der Tat, aber auch vom Gefängnisalltag“, erzählt Weiß. Belastbar müsse man aus diesem Grund sein und seinen Gegenüber mit Fingerspitzengefühl behandeln.

Ehrenamtliche gehen keine Verpflichtung ein

„Der Besucher ist neben dem Fernseher und dem Radio teilweise das einzige Fenster nach draußen. Da ist es im Grunde egal, worüber man sich unterhält. Es geht den Gefangenen in erster Linie darum, dass überhaupt ein Gespräch stattfindet und jemand zuhört“, erklärt Kullinat.

Die Besucher gehen dabei keinerlei Verpflichtung ein. Sie legen selbstständig den Zeitpunkt und die Häufigkeit der Treffen fest. „Unser Besuchskreis hat außerdem nichts mit dem Gefängnis zu tun. Die Besucher sind keine Ehrenamtlichen der JVA, sondern kommen als Privatpersonen zu den Insassen“, erklärt Kullinat.

Er und Kittel stehen den Teilnehmern jederzeit bei Fragen und Bedenken zur Seite. „Einer von uns beiden ist bei dem ersten Besuch dabei“, erklärt der Seelsorger. Insassen, die von ihm und seinen Kollegen als gefährlich eingestuft werden, sind von den Gesprächen ausgeschlossen. „Die Besucher können Wünsche äußern, mit welcher Art Straftäter sie keinen Kontakt möchten. Sollte der Teilnehmer nach einem Gespräch ein ungutes Gefühl haben, können wir jederzeit einen anderen Häftling vermitteln. Es ist aber auch legitim, wenn sich ein Teilnehmer gegen weitere Besuche entscheidet“, versichert Kullinat.

+++ Extra Info +++

Infoabende für Interessierte:

Fünf Abende sind geplant, um Interessierte über den Besuchskreis und die JVA Schwalmstadt zu informieren. Die Teilnahme an allen Vorbereitungstreffen ist keine Pflicht, um dem Besuchskreis beizutreten. Sie dienen lediglich den Interessierten, einen ersten Eindruck zu erhalten, Fragen zu stellen und auf den Besuch mit einem Häftling vorbereitet zu werden. Interessierte müssen mindestens 18 Jahre alt und nicht vorbestraft sein.

Ein Kennenlernabend findet am Montag, 22. Mai, statt, bei dem die Seelsorge der JVA sowie das Konzept des Besuchskreises vorgestellt werden. Am Montag, 29. Mai, berichtet ein Referent des Schwarzen Kreuzes (christliche Straffälligenhilfe) über die Beziehung zwischen Gefangenem und Besucher sowie über persönliche Erfahrungen.

Am Mittwoch, 14. Juni, treffen sich die Interessierten um 19 Uhr in der JVA Schwalmstadt in Ziegenhain, Paradeplatz 5, um allgemeine Informationen über die Anstalt zu erhalten – Anmeldung spätestens bis Mittwoch, 7. Juni, bei Michael Kullinat unter Tel.06691-77250 oder E-Mail an michael.kullinat@pastoral.bistum-fulda.de.

Am Montag, 19. Juni, behandeln zwei Referenten Themen wie Gesprächseinstieg, Gesprächsende und Erwartungen.

Am Montag, 26. Juni, werden noch offene Fragen beantwortet. An diesem Treffen nehmen auch Teilnehmer des bestehenden Besuchskreises teil.

Bis auf den Abend in der JVA finden alle Treffen im Gemeindesaal der katholischen Kirche St. Josef in Ziegenhain, Steinweg 51, statt.

Weitere Infos bei Michael Kullinat unter Tel. 066914-77250.

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