Briefe eines Schwälmer Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg

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Zeugnisse der Vergangenheit: Anneliese Heipel-Biedebach liest regelmäßig die Briefe, die ihr Vater während seiner Kriegsgefangenschaft verschickt hat. Fotos: Landzettel

Die Ziegenhainerin Anneliese Heipel-Biedebach besitzt Briefe ihres Vaters, der sich während des Zweiten Weltkriegs in Gefangenschaft befand.

Ziegenhain. Das beschriebene Blatt ist durch die Jahre vergilbt und auch der Umschlag ist zerknittert, das Papier ganz weich und zerbrechlich. Doch die Worte, die vor über 70 Jahren niedergeschrieben wurden, rühren Anneliese Heipel-Biedebach noch heute. Es sind die Worte ihres Vaters Wilhelm "Willi" Knauf, der im Zweiten Weltkrieg gekämpft und sich später bis April 1946 in Kriegsgefangenschaft befunden hat.

"In diesem Brief beschreibt er das unverhoffte Wiedersehen mit seinem Bruder Hans in Russland", erzählt Heipel-Biedebach. Ihr Vater habe zu dieser Zeit nicht gewusst, wo sich sein Bruder befand und ob er überhaupt noch lebte. In seinem Brief heißt es "Mitten auf der Straße sind wir uns um den Hals gefallen. Ich habe vor Freude geweint und Hans mit mir." Auch Heipel-Biedebach ist den Tränen nahe, als sie die Zeilen laut vorliest.

Der 73-Jährigen ist bewusst, dass sie im Besitz wichtiger Dokumente ist, die nicht nur das Leben ihres Vaters, sondern auch von anderen Kriegsgefangenen verdeutlicht. "Solche Dokumente aus dem Zweiten Weltkrieg gibt es doch heute kaum noch", sagt sie. Verzweiflung und oftmals Hoffnung, bald zurück nach Hause zu kommen, liest Heipel-Biedebach in den Briefen: "Von Euch, meine Lieben, habe ich noch kein Lebenszeichen bekommen", heißt es in einem, "Ich erwarte die erste Nachricht aus der Heimat voller Sehnsucht", steht in einem anderen.

Von der Geburt seiner Tochter im Oktober 1943 erfährt Knauf erst einige Wochen später in einem Brief. Von nun an richtet er seine liebevollen Worte an Heipel-Biedebach und ihre Mutter: "Wenn ich mal einen Tag habe, wo ich die Lebenslust verlieren kann, dann denke ich an meine Frau und Tochter und das gibt mir frischen Mut und meine Kraft".

Während der Gefangenschaft lernt Knauf Englisch, lässt sich sogar Lehrbücher aus Deutschland schicken. "Er hat immer gesagt ‘Die anderen haben Karten gespielt und ich habe Englisch gelernt’", erinnert sich Heipel-Biedebach. Sein Fleiß zahlte sich aus und so konnte Knauf nach seiner Freilassung als Dolmetscher bei der Militärregierung in Kassel arbeiten. "Er war beliebt und hat allen geholfen. So ist sogar der Sportplatz in Wasenberg auf seine Initiative von den Amerikanern gebaut worden", erinnert sich die 73-Jährige.

Über seine Kriegsgefangenschaft hat ihr Vater selten gesprochen. "Er hat von den Orten erzählt, aber über keine Details." Was er erlebt hat, kann Heipel-Biedebach nur vermuten. Regelmäßig holt sie die Briefe aus ihrem Schrank und liest sie durch. "Ich bin dankbar, dass ich sie und andere Dokumente habe", so die Ziegenhainerin. Wenn sie heute die Briefe liest, fühlt sie sich ihrem Vater nahe. Auch Ausweise, alte Verdienstnachweise und Arbeitszeugnisse befinden sich in ihrem Besitz. "Vielleicht gebe ich sie irgendwann mal an ein Museum. Aber noch kann ich mich davon einfach nicht trennen."

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