Steina: Bürger wehren sich gegen geplante Gewerbe-Ansiedlung

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Sie wehren sich – zusammen mit 61 anderen Willingshäusern – mit ihren Unterschriften gegen die geplante Ansiedlung des Landmaschinen-Fachbetriebs Wagener (v.l.): Christian Möller, Gabriele Daub, Heidi Üfler, Cettina Euler und Klemens Scharb.

Der Landmaschinen-Betrieb Wagener aus Bad Wildungen will sich in Steina niederlassen. Das freut die Willingshäuser Gemeindeverwaltung, bringt das doch Arbeitsplätze und Gewerbesteuern mit sich. Die Anwohner sehen das Projekt hingegen kritisch und sammeln Gegner-Unterschriften.

Willingshausen-Steina. Seitdem der Landmaschinen-Fachbetrieb Hermann Wagener aus Bad Wildungen-Wega die Errichtung eines Firmen-Standorts in Steina plant, wird im Willingshäuser Ortsteil rege diskutiert. Denn das Unternehmen, das seine Neukirchener Filiale – die ehemalige Landtechnik Ross – in die Gemeinde Willingshausen verlegen möchte, soll seinen Platz nicht etwa in einem der bereits vorhandenen Gewerbegebiete erhalten. Firmenchef Hermann Wagener will auf nicht erschlossenem Grund am Ortsrand Steinas, direkt am Trutzhainer Kreisel, bauen.

Am Flurstück 10 des Baugebiets „Die Rohräcker“ soll aber nicht ein neues Gewerbegbiet erschlossen werden. Geplant ist eine Einzelbebauung. Nun fürchten einige Bürger um ihr liebgewonnenes Ortsbild. „Wie wirkt so eine bis zu zwölf Meter hohe Betriebshalle? Kann es nicht sein, dass sich das Unternehmen später sogar noch erweitern und angrenzende Grundstücke ebenfalls bebauen möchte? Was ist mit dem Landschaftsschutz? Wie sehr werden wir vom Lärm der landwirtschaftlichen Fahrzeuge beeinträchtigt“, fragt sich Dr. Armin Wiegand. Der Diplom-Architekt ist einer von 66 Menschen in der Gemeinde, die mit ihrer Unterschrift ein Zeichen gegen den geplanten Standort des Landmaschinen-Herstellers setzen wollen.

Manche Bürger fühlen sich übergangen

Zwar hat es am 11. August vergangenen Jahres eine „vorgezogene Bürgerbeteiligung“ im Rahmen einer Informationsveranstaltung gegeben. „Doch im Prinzip wurde uns die Planung dabei nur mitgeteilt. Sie war bereits mit dem vorhergehenden Aufstellungsbeschluss beschlossene Sache. Den Bürgern wurde gesagt, es sei bereits alles mit dem Regierungspräsidium Kassel abgestimmt. Unsere Bedenken und Anregungen sind im Vorfeld weder richtig diskutiert, noch aufgegriffen worden“, kritistert Wiegand.

Die beiden Anwohner Gabriele Daub und Christian Möllerstellen sich die Frage, warum sich die Firma nicht in einem Gewerbegebiet – beispielsweise in der knapp 3.000 Meter entfernten „Scheitlach“ – ansiedelt. „Dort ist kein geeignetes Grundstück innerhalb der Vorrangflächen für Gewerbe vorhanden. Wir hätten hier dasselbe Verfahren zur Planung, Genehmigung und Umsetzung anwenden müssen wie am Trutzhainer Kreisel“, heißt es auf unsere Nachfrage aus der Verwaltung. Aus Sicht der Gemeinde ist es verständlich, dass sich Wagener mit seinem Betrieb gut sichtbar an den Bundesstraßen 254 und 454 positionieren möchte.

Der geplante Standort zeige, dass die Gemeinde es 30 Jahre lang versäumt habe, ein attraktives Gewerbegebiet zu entwickeln, so Dr. Armin Wiegand. Er kritsiert neben dem geplanten Standort in Steina vor allem die zeitliche Abfolge bei der Projektumsetzung (siehe EXTRA-INFO unten) und die Kommunikation zwischen Gemeinde und Bürgern. „Die Gemeinde hätte anders mit uns ins Gespräch kommen müssen“, sagt er.

Im Rahmen der Offenlegung hat Wiegand deshalb seine Bedenken dem Gemeindevorstand eingereicht – angefügt mit einer Liste aus 66 Unterschriften, darunter allein 63 von Einwohnern Steinas. Das ist immerhin fast ein Viertel aller Bürger des 265-Seelen-Dorfes.

Das sagt Vize-Bürgermeister Manfred Ries zum Fall:

Weil Willingshausens Bürgermeister Heinrich Vesper krankheitsbedingt nicht zur Verfügung stand, konfrontierte lokalo24.de den Ersten Beigeordneten Manfred Ries mit einigen Fragen aus der Bevölkerung:

Wann ist mit dem Baubeginn zu rechnen?

Herr Wagener will so schnell wie möglich bauen. Aktuell läuft aber noch der Abwägungsprozess. Zu den Bedenken und Einwänden der Bürger werden schriftliche Rückmeldungen formuliert. Im nächsten Schritt gehen dann alle Unterlagen zum RP. Dort muss eine Genehmigung erteilt werden.

Die Gemeindevertretung hat die Flächennutzungsplan-Änderung und den Bebauungsplan am 14. Juli beschlossen. Warum wurden die Bürger erst am 11. August über das geplante Projekt informiert und nicht schon vor Aufstellungsbeschluss zu ihrer Meinung befragt?

Stellen Sie sich einmal vor, wir hätten das anders herum gemacht. Dann hätten wir die Gemeindegremien übergangen. Außerdem mussten wir erst etwas in der Hand haben, sonst hätten wir den Bürgern keine Informationen liefern und auch gar keine Fragen beantworten können.

Warum gibt es kein Protokoll zur Bürgerinfo-Veranstaltung?

Nach der HGO gibt es keinen Anspruch darauf. Aber es gibt ein Protokoll von Jörg Haafke, dem beauftragten Planer.

EXTRA-INFO: Die Ereignisse in chronologischer Reihenfolge

16. Februar und 19. Mai 2016: Vorgespräche mit den sogenannten „Trägern öffentlicher Belange“ im RP Kassel 

14. Juli 2016: Gemeindevertretung beschließt die Aufstellung der Bauleitpläne (Flächennutzungsplan-Änderung und Bebauungsplan) einstimmig. 

11. August 2016: Bürgerbeteiligung / Informationsveranstaltung 

13. Oktober 2016: Die Gemeindevertretung nimmt den Tagesordnungspunkt „Bebauungsplan Nr. 33 Die Rohräcker [..] Behandlung der eingegangenen Anregungen“ von der Tagesordnung.

10. November 2016: Der Offenlegungsbeschluss wird einstimmig gefasst

Der ungewollte Glücksfall - ein Kommentar von Michael Seeger:

Was ist eigentlich die Alternative zum geplanten Standort des Landmaschinen-Fachbetriebs Wagener in Steina? Es gibt keine! Zumindest nicht in der Gemeinde Willingshausen. Denn die Firma will ihren neuen Standort direkt am Trutzhainer Kreisel errichten. Kein Wunder, wird die Betriebshalle dort doch gleich von zwei viel befahrenen Bundesstraßen aus zu sehen und erreichen sein.

Der John-Deere-Vertriebspartner hat bei seiner Standortwahl strenge Auflagen zu erfüllen. Dazu gehören eine gute Erreichbarkeit, schnelle Verkehrsanbindung und eine möglichst große Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Klar ist: Die Firma Wagener baut auf ihrer gewünschten Fläche in Steina oder eben gleich in einer anderen Kommune.

Da ist es verständlich, dass die Gemeinde nun alles daran setzt, dem Wunsch des Unternehmens nachzukommen. Immerhin entstehen dadurch in der Gemeinde zwischen zehn und 15 neue, hochkarätige Arbeitsplätze (das versprach Hermann Wagener im Gespräch mit unserer Zeitung) – von den Einnahmen durch Gewerbesteuern ganz zu schweigen. Aus Sicht der Gemeinde wäre die Ansiedlung des Betriebs also ein Glücksfall.

In der Verwaltung reibt man sich die Hände. Hier heißt es, es handle sich um die erste Gewerbeansiedlung seit neun Jahren, bei der man nicht sofort eine Insolvenz befürchten müsse. Übrigens: Der Unternehmenssitz in Bad Wildungen-Wega grenzt direkt an Wohnhäuser. Im Fall Steinas liegen etwa 100 Meter zwischen der Gewerbefläche und dem nächstgelegenen Haus. Zudem wird die Betriebshalle sogar als Schutzwall dienen. Sie wird den Lärm, der durch die Bundesstraße verursacht wird, mindern.

Dass sich im Zuge einer solchen Gewerbe-Ansiedlung dennoch Widerstand regt, ist weder neu noch unverständlich. Am Ende aber werden sich die Bürger Steinas wohl an ihren neuen Nachbarn gewöhnen müssen.

Ihre Meinung? michael.seeger@mb-media.de

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