Ehepaar Rühl züchtet Austernpilze in alten NATO-Bunkern in Immichenhain

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Am Sonntag ist Tag der offenen Tür in der „druid Austernpilzzucht“ in Immichenhain. Lokalo24.de hatten schon vorab die Möglichkeit, hinter die Kulissen des Betriebs zu blicken. Margot und Heinz Rühl führten uns kürzlich durch 16 ehemalige NATO-Bunker, in denen jährlich rund 350 Tonnen Pilze wachsen. Eine Reportage.

Ottrau-Immichenhain. Es ist ein nebeliger Freitagmorgen, als ich vor der Redaktion unseres Verlagsgebäudes in Schwalmstadt-Treysa in mein Auto steige. Ein Termin soll mich ins 20 Kilometer entfernte Immichenhain am südlichsten Zipfel des Schwalm-Eder-Kreises bringen. Irgendwo auf einer Landstraße vor den Toren des Vogelsbergkreises zwingt mich das Navi plötzlich, in einen geschotterten Waldweg abzubiegen. Das Ziel befinde sich wenige hundert Meter vor mir. „Die Technik mal wieder“, will ich gerade schimpfen, als im dichten Nebel allmählich eine Silhouette sichtbar wird. Dann stehe ich vor einem großen Rollgittertor.

„Hupen!“ steht auf einem Schild geschrieben. Ich komme der Aufforderung nach, obwohl mich zwei aufgeregte Hunde im Zwinger laut genug ankündigen. Aus dem Nebel stapft langsamen Schrittes ein großer Mann hervor, bequem gekleidet in Wollpulli und Jeans. Er öffnet das Tor und gibt mir mit einer freundlichen Geste zu verstehen, dass ich hindurch fahren solle. Ich parke neben hunderten blauer Gemüsekörbe – ein seltsamer, ungewohnter Anblick inmitten eines dichten Mischwaldes.

Kaum ausgestiegen, streckt mir der Mann seine Hand entgegen. Es ist Georg Rühl, ehemaliger Landwirt aus Bad Nauheim. Anfang der achtziger Jahre startete er seine ersten Versuche zur Kultivierung von Edelpilzen. Damals ahnte er nicht, dass auf diesem Versuch später sein Lebenswerk fußen sollte. Nach und nach wurden seine alten Schweineställe zu modernen Pilzzucht-Räumen und aus dem Hobby der Haupterwerb.

Georg Keil hatte die Idee, einen Pilzzüchter anzusiedeln

Gut 80 Kilometer nördlich von Rühls minimalistischer Pilzzucht in der Wetterau hatte der damalige Bürgermeister der kleinen Gemeinde Ottrau eine zündende Idee. Mitten im Wald zwischen Alsfeld, Schrecksbach und Ottrau hatten 16 Atomschutzbunker auf einem ehemaligen NATO-Gelände leergestanden. Georg Keil ging deutschlandweit auf die Suche nach einem Pilzzüchter, wurde dafür zunächst belächelt und schließlich in Georg Rühl fündig. 1995 unterschrieb der passionierte Pilzzüchter den Vertrag.

Hinter den teils 50 Zentimeter dicken Betonmauern der Schutzbunker hat sich die „druid Austernpilzzucht“ einen Namen gemacht. Ihrem heute 69-jährigen Gründer brachte sie europaweite Bekanntheit und Anerkennung ein. Ich sitze inzwischen neben dem charismatischen Unternehmer in dessen Büro. An der Wand hängen Fotos – natürlich von Pilzen. Auf dem Tisch vor mir stapeln sich Rezepte: Austernpilzpfanne, Kartoffel-Lachssuppe mit Austernpilzen, Austernpilze im Bierteig, sogar Austernpilzkuchen. „Unser Betrieb läuft gut“, sagt Rühl bescheiden. Auf mein Nachfragen wird er später verraten: „Wir sind wohl der größte Austernpilz-Anbieter in Deutschland. Mit rund 70 Prozent Anteil führen wir den Markt.“

Im Büro stopft sich Rühl gelassen seine Pfeife. Er ist Genießer. Dann erzählt er Anekdoten, spricht von der deutschen Botschaft in Moskau, die seine Immichenhainer Austernpilze bestellt hat, von seinem Sohn, der an der Uni Gießen zu Pilzen forscht und von den vielen Medienvertretern, die über ihn berichteten. Dabei fallen Zeitungstitel wie „FAZ“ und „Die Zeit“. Dem medialen Interesse an seiner Person bemisst Rühl dennoch keinen großen Stellenwert. „Das ändert mich doch nicht. Außerdem kennt uns hier kaum jemand.“

Das mag daran liegen, dass er hauptsächlich an den Großmarkt in Frankfurt und an Zwischenhändler in Süddeutschland verkauft – etwa 350 Tonnen pro Jahr. Trotzdem können sich auch Privatleute aus der Region direkt am Hof mit Austernpilzen eindecken. „Das macht zwar nicht mal ein Prozent von unserem Geschäft aus. Aber es ist trotzdem schön. Denn immer wenn die Leute herkommen, kann man ein kleines Schwätzchen halten.“

Wir setzen uns in einen silber-grauen Kombi und fahren von Bunker zu Bunker. Die großen Betonklötze liegen wie schlafende, fremde Riesen in der Natur des zwölf Hektar großen Geländes. Laufen würde hier ewig dauern. Wir halten an. Rühl steigt aus, geht zum Bunker mit der Aufschrift „NATO 2309“ und zieht kräftig an der langen Stahlkette. Die Tür schiebt sich auf.

Innen empfängt uns ein feucht-warmes Klima. Wasser tropft von der Decke. Dort wo einst Waffen, Munition und Ausrüstung von amerikanischen Soldaten lagerten, wachsen heute friedlich Austernpilze in Reih und Glied. „Kommen Sie, wir fahren 14 Tage weiter“, sagt Rühl. Im nächsten Bunker sind die Austernpilze bereits als solche zu erkennen. Der 69-Jährige greift in seine Hosentasche, zückt Taschenlampe und Lupe.

Computersystem regelt Wärme, Licht und Feuchtigkeit

Seine Frau Margot Rühl, heutige Inhaberin der „druid Austernpilzzucht“, kommt aus einem der vielen Gänge hervor. Auch sie will sich gerade vom Wachstumsstand ihrer Lieblingsspeise überzeugen. Das Ehepaar beginnt zu fachsimpeln.

Für mein Laien-Verständnis erklären sie später: „In den Bunkern können wir die Umweltbedingungen perfekt kontrollieren. Je nachdem, in welchem Stadium sie sich befinden, haben Pilze unterschiedliche Bedürfnisse, um gut zu wachsen. Wärme, Licht und Luftfeuchtigkeit sind die drei wichtigsten Faktoren, die wir in unseren Räumen punktgenau steuern können. Ein Computersystem hilft uns dabei, Veränderungen in den Umweltbedingungen frühzeitig zu entdecken und gegenzulenken.“ Davon können sich nun auch Interessierte überzeugen. Für Sonntag, 17. September, laden Rühls zum Tag der offenen Tür ein (siehe EXTRA-INFO unten).

Wussten Sie eigentlich schon?

Pilze gehören streng genommen nicht in die Pflanzenwelt, aber auch nicht in die Tierwelt. Im Zellaufbau ähneln Pilze den Pflanzen. Ihre Energie gewinnen sie jedoch nicht durch die Umwandlung von Sonnenlicht oder Kohlendioxid, sondern wie Tiere durch den Abbau fremder Biomasse.

Biologen sprechen daher von einem eigenständigen „Reich der Pilze“ – parallel zum Reich der Tiere und dem Reich der Pflanzen. Austernpilze sind von Natur aus reich an Vitamin D. Sie sind damit eine der wenigen rein pflanzlichen Quellen für dieses wichtige Vitamin, und bieten dadurch eine gute Lösung für Menschen, die tierische Vitamin D-Lieferanten, wie Milch und Fleisch, nicht vertragen oder nicht essen möchten.

EXTRA-INFO: Tag der offenen Tür am 17. September

Den Blick hinter die Kulissen gewährt das Team von der druid Austernpilzzucht am Sonntag, 17. September. Von 11 bis 18 Uhr findet auf dem Firmengelände in Immichenhain, Am langen Stein 1, ein Tag der offenen Tür statt. Die Besucher erwarten Führungen durch den gesamten Betrieb, Erläuterungen zu den Wachstumsschritten der Pilze und dem Ernte-Vorgang.

Natürlich dürfen sich die Besucher aber auch vom Geschmack der Austernpilze überzeugen. Zur Verköstigung stehen unter anderem Wildwurst mit Pilzen und Austernpilze im Bierteig bereit.

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