Gilserberg: Verein Aufwind positioniert sich gegen Windräder

+

Gegenwind im Gilserberger Hochland: Der Verein "Aufwind" wettert gegen die geplanten Windkraftanlagen.

Gilserberg.Sie wummern. Sie sind der industrielle Blickfang inmitten der naturbelassenen Region. Tagsüber werfen sie Schlagschatten. Und nachts leuchten sie weithin sichtbar über dem Gilserberger Hochland: die vier Windkraftanlagen bei Appenhain un die sieben weiteren in der Gemeinde. Und dennoch wurden die Räder – wenn auch bei vielen Anwohnern mit Zähneknirschen – akzeptiert.

Jetzt aber stößt das Verständnis vieler Bürger in Gilserberg an seine Grenzen. Denn neben den bislang elf bestehenden Anlagen im Hochland sind weitere Windräder geplant – bis zu 40 Stück könnten es schon bald sein. Der Plan der Regierungspräsidien in Kassel und Gießen: Weitere Anlagen bei Sebbeterode, auf Schwalmstädter Gebiet und vier Anlagen in der Gemarkung Mengsberg. Sieben neue Windräder im Grenzgebiet zu Gemünden sind bereits genehmigt.

Sachsenhausen droht eine Umzingelung

Am schlimmsten würde es das kleine Örtchen Sachsenhausen treffen. Die rund 360 Einwohner des Gilserberger Ortsteils könnten schon bald in einem Kessel aus Windparks wohnen. Da wundert es nicht, dass Unmut aufkommt. Kürzlich gründete sich der gemeinnützige Verein "Aufwind". Sein Motto: Maßvolle Windkraft. Reiner Weiß, Vorsitzender des Vereins, formuliert das Anliegen der Mitglieder: "Wir sind nicht gegen erneuerbare Energien. Aber die Masse an Windkraftanlagen ist entscheidend. 40 Anlagen sind zu viele."

Ein Dorn im Auge ist ihm vor allem der geplante Windpark in der Gemarkung Mengsberg. Der soll auf einer Anhöhe entstehen, die zwar zum Nachbarkreis Marburg und somit zum Regierungspräsidium Gießen gehört, aber direkt an Appenhain und Sachsenhausen grenzt und von dort aus gut sichtbar ist. Vier Windräder sollen künftig aus dem dortigen Wald herausragen. Aktuell laufe das Genehmigungsverfahren für den Bau der Anlagen, so Weiß. Der 67-Jährige rechnet mit der erteilten Genehmigung Mitte Februar. "Wir lassen prüfen, ob der Bau der Anlagen verhindert werden können", sagt er.

Windkraftanlagen sorgen für Standortnachteil

Aber was genau stört den Verein "Aufwind" eigentlich? "Die Bauwerke an sich zerstören die Landschaft, die Natur und insbesondere die Vogelwelt. Das Problem wird durch das Platzieren der Anlagen in Waldflächen nochmals verschärft. Die Anlagen sorgen zudem für einen Standort-Nachteil, weil sie unsere Orte in ihrer Wohn-Attraktivität einschränken", erklärt Weiß. Der pensionierte Lehrer zog vor über 40 Jahren aus Dortmund nach Appenhain, weil ihm die Ruhe im Hochland gefällt. "Aber die wird uns jetzt genommen", sagt Weiß verärgert.

Ihn stören die wummernden Geräusche, der Schlagschatten bei Tag und das stetig blinkende rote Licht der Anlagen bei Nacht. Für Weiß ist das eine Form der Industrialisierung, vor der er einst bewusst aus dem Ruhrgebiet floh. Jetzt holt sie ihn im Hochland wieder ein. Bei diversen Infoveranstaltungen haben die Mitglieder des Vereins "Aufwind" bereits regelmäßig über aktuelle Entwicklungen vor Ort berichtet, circa 250 Unterschriften gesammelt und um Mitglieder geworben.

Und auch zu den Teilregionalplänen Energie Nordhessen un Mittelhessen haben sie bereits Stellungnahmen abgegeben. Damit der Verein aber auch spezielle Gutachten erstellen lassen kann, die die Genehmigungsverfahren der Windenergieanlagen beeinflussen könnten, benötigt er Spenden und Einnahmen aus Mitgliedsbeiträgen. Wer sich für das Thema und die Vereinsarbeit interessiert, erfährt mehr auf massvolle-windkraft.de

Die Nordhessen gehen auf die Barrikaden - ein Kommentar von Michael Seeger:

Windenergie ist die klare Nummer eins unter den erneuerbaren Energien. Wen wundert’s? Immerhin ist Wind billig und in Massen vorhanden – auch in Nordhessen. Die straffen Vorgaben des Bundesverband Windenergie sind daher wenig überraschend.

Im Jahr 2020 soll siebenmal mehr Windstrom zu hessischen Verbrauchern fließen als heute, also 7.000 Gigawattstunden jährlich. Und so soll’s klappen: Zwei Prozent der gesamten Fläche Hessens soll für Windenergie genutzt werden. Zugegeben: Das hört sich gut an. Aber das Ziel ist ehrgeizig – vielleicht zu ehrgeizig. Denn zwei Prozent der hessischen Fläche sind immerhin 422 Quadratkilometer oder 60.000 Fußballfelder.

Eine Gleichverteilung von Windkraftanlagen ist schon allein aus Gründen der ungleichen Besiedlung in Hessen nicht möglich. Es wird keine neuen Windparks in den südhessischen Innenstädten und generell nur wenige im Ballungszentrum Rhein-Main geben. Stattdessen muss der ländliche Raum Nordhessens herhalten. Hier gibt es viele windhöffige Gegenden wie Vogelsberg, Knüll oder eben auch das Gilserberger Hochland.

Aber wie reagieren die Nordhessen, wenn es rund um ihre Städte und Gemeinden nur so von Vorranggebieten für Windenergie wimmelt? Sie gehen auf die Barrikaden. Zumal sie die Standortbenachteiligungen für ihre ohnehin strukturschwache Region nicht einfach hinnehmen wollen. Eines ist klar: Die Energiewende muss gelingen! Aber wie, wenn sie nicht von allen Schultern gleichermaßen getragen wird?

Schreiben Sie mir Ihre Meinung an michael.seeger@-media.de!

Mehr zum Thema

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Museum der Schwalm in Ziegenhain zeigt Weißstickerei

Die Ausstellung wurde zur Salatkirmes am vergangenen Donnerstag eröffent.
Museum der Schwalm in Ziegenhain zeigt Weißstickerei

RTF Schwalmtalrundfahrt mit Radmarathon-Deutschlandcup in Schrecksbach

Die Schwalmtalrundfahrt ist für Hobbyfahrer und Profis gleichermaßen geeignet. Für jeden gibt es die passende Disziplin.
RTF Schwalmtalrundfahrt mit Radmarathon-Deutschlandcup in Schrecksbach

Ziegenhain feiert 291. Salatkirmes

Das Schwälmer Heimat- und Trachtenfest wird auch in diesem Jahr wieder viele Besucher anziehen.
Ziegenhain feiert 291. Salatkirmes

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.