Kinder ertrinken in Seigertshausen: Leichen werden obduziert

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Die Unglücksstelle als Ort der Trauer: Mit Kuscheltieren, Kerzen und Blumen drücken Anwohner und andere Mitfühlende ihre Anteilnahme aus. Fotos: Seeger

Nach der schrecklichen Tragödie in Neukirchen-Seigertshausen: Staatsanwaltschaft ordnet Obduktion der Leichen der drei ertrunkenen Geschwister an.

Neukirchen-Seigertshausen. Montagmorgen – der Beginn einer neuen Woche. Überall eilen Menschen aufgeregt durch die Straßen, die meisten auf dem Weg zur Arbeit. Nur in Seigertshausen herrscht beklemmende Ruhe. Im beschaulichen Neukirchener Ortsteil steht seit Samstagabend die Zeit still. Bei den rund 700 Einwohnern des Dorfes sitzt der Schock noch immer tief. Am Wochenende hatte sich mitten im Ort eine schreckliche Familientragödie abgespielt: Gleich drei Geschwister waren in einem Feuerlöschteich ertrunken.

Ein deutsch-irakischer Junge – gerade einmal fünf Jahre jung – wurde am Abend von seiner Mutter vermisst. Sie schickte ihren ältesten, elfjährigen Sohn auf die Suche. Dem bot sich am etwa 300 Meter vom Wohnhaus entfernten Feuerlöschteich ein grausames Bild. Der Körper seines Bruders trieb bewusstlos im Wasser. Der Elfjährige holte Anwohner zur Hilfe. Die zogen den Fünfjährigen gegen 21 Uhr aus dem Teich, setzten den Notruf ab und versuchten, den Jungen wiederzubeleben. Vergebens. Der Junge starb noch an der Unglücksstelle. Ein angeforderter Rettungshubschrauber kehrte wieder um.

Als bekannt geworden war, dass noch zwei weitere Geschwister des Verstorbenen (seine achtjährige Schwester und der neunjährige Bruder) vermisst wurden, machten sich Polizei-Beamte, Feuerwehrleute und Anwohner auf die Suche – allesamt in der Hoffnung, die beiden Kinder irgendwo zwischen Ortsmitte und Waldrand zu finden. Doch gegen 22:50 Uhr wurde die schlimmste Befürchtung zur Gewissheit: Taucher der DLRG entdeckten die Leichen der vermissten Kinder im Teich. Die drei Verstorbenen hatten sowohl die deutsche, als auch die irakische Staatsangehörigkeit. Alle drei waren in Deutschland geboren. Ihre Eltern kamen, zusammen mit den insgesamt sechs Kindern, vor vielen Jahren nach Deutschland. Vor einem Jahr war die Familie von Saarbrücken nach Seigertshausen umgezogen.

Wie genau es zu dem tragischen Unglück kam, ist bislang noch nicht bekannt. Ein Fremdverschulden wird allerdings ausgeschlossen. Die Kriminalpolizei der Polizeidirektion in Homberg hatte sofort die Ermittlungen aufgenommen. Die wurden schließlich durch die Staatsanwaltschaft Marburg fortgeführt. Am Montag wurden die drei Leichen obduziert (Das offizielle Ergebnis aus der Obduktion lesen Sie hier). Parallel kümmerte sich ein Opferschutzbeauftragter um die Angehörigen. Zeugen, die Hinweise zum Ablauf des Unglückes machen können, werden gebeten, sich bei der Polizei in Homberg, Tel. 05681-774310, zu melden.

Das sagt die Polizei

Aktuell kursieren einige Mutmaßungen zum Vorfall am Seigertshäuser Löschteich. So war beispielsweise vereinzelt zu hören, dass ein Kescher im Wasser gefunden wurde. Das könnte darauf deuten, dass der Fünfjährige beim Spielen oder Fischen mit ins Wasser gerutscht sei. Zu dieser Mutmaßung möchte sich Polizeisprecher Markus Brettschneider nicht äußern. Bislang handele es sich dabei um "reine Spekulationen".Er verweist auf die Staatsanwaltschaft Marburg. Die hat die Ermittlungen übernommen.

Die Anwohner sind schockiert

Ein Anwohner lässt uns wissen, dass die ertrunkenen Kinder sehr gut integriert waren. Sie lebten seit einem Jahr in Seigertshausen, zuvor in Saarbrücken. Alle drei waren in Deutschland geboren worden. Einer von ihnen gehörte gar der ortsansässigen Trachtengruppe an. "Ich habe sie fast täglich gesehen", erzählt eine weitere Anwohnerin unserer Zeitung am Montagmorgen. "Der kleine Junge [gemeint ist der Fünfjährige, Anm. d. Red.] stand bei mir noch am Samstagabend im Garten. Ich hatte ihm erlaubt, ein paar Erdbeeren zu pflücken. Dann bin ich ins Haus gegangen und habe zu Abend gegessen", erinnert sich die Frau mit zittriger Stimme. Später habe sie dann die Einsatzwagen von Feuerwehren und Rettungsteams gehört. Die Bewohner liefen auf die Straßen."Ganz viele haben dann bei der Suche der beiden Vermissten geholfen. Einige sind bis zum Wald gelaufen", sagt sie.Doch als die DLRG-Taucher zum Einsatz kamen, offenbarte sich das ganze Ausmaß der schrecklichen Tragödie.

Bürgermeister Olbrich ist erschüttert

Am Tag nach dem schlimmen Vorfall in Seigertshausen warfen Anwohner und Angehörige Fragen auf: Warum ist der Teich frei zugänglich? Hätte ein Zaun die schreckliche Tragödie verhindern können? Reichen die Hinweisschilder als Warnung aus? Warum ist der Uferbereich des rund zwei Meter tiefen und sehr trüben Löschteichs so steil, die Pflastersteine zum Teil abgerutscht? "Das muss auf jeden Fall erörtert werden", sagt Neukirchens Bürgermeister Klemens Olbrich auf unsere Nachfrage. Das Stadtoberhaupt versuchte noch am Montag das Unfassbare zu verarbeiten. Olbrich selbst war am späten Samstagabend nach Seigertshausen gefahren, nachdem er über das schlimme Unglück informiert worden war. "Dort fand die Tragik Raum und Zeit. Es war sehr beklemmend und bedrückend. Eine Tragödie. Das bewegt mich zutiefst und belastet mich", sprach Olbrich offen über seine Gefühle.

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