Kreis setzt fremde Firma für Schülerverkehr ein - heimische Betriebe fürchten um Existenzen

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Aktuell stehen die Schulbusse still. Es sind Sommerferien in Hessen. Im Schwalm-Eder-Kreis rollen dann ab dem kommenden Schuljahr mehr Kleinbusse mit Mainzer Kennzeichen über die Straße.

Die Kleinbus-Unternehmer aus dem Schwalm-Eder-Kreis fürchten um ihre Existenzen. Grund ist eine Ausschreibung des Schwalm-Eder-Kreises für Schülerverkehre, bei der die heimischen Selbstständigen leer ausgingen. Bald wird ein Unternehmen aus dem Rhein-Main-Gebiet Schulen im Kreis anfahren.

Schwalm-Eder. Verspätete und unvollständige Zahlungen, nervige Diskussionen und ein falsches Versprechen: Die Kleinbus-Unternehmer aus dem Schwalm-Eder-Kreis äußern harte Vorwürfe gegen die Kreisverwaltung in Homberg. Es ist Dienstagabend, als unsere Redaktion zu einem Treffen von fünf selbstständigen Kleinbus-Fahrern in das Ziegenhainer Restaurant „Highlander“ hinzukommt.

Die hier Anwesenden sind sauer auf die Mitarbeiter der Kreisverwaltung, von denen sie sich unfair behandelt fühlen. „Viel zu oft haben wir das schon geduldet. Jetzt reicht es“, sagt eine der beiden Frauen in der Runde. Die Öffentlichkeit soll von ihrem Ärger erfahren. Aus Angst vor Folgen wollen sie aber lieber nicht namentlich in der Presse erwähnt werden.

Doch der Reihe nach: Viele Kleinbus-Unternehmer haben jahrzehntelang Fahrdienste für den Schwalm-Eder-Kreis übernommen. Täglich beförderten sie mit ihren Kleinbussen Kinder und Jugendliche an Schulen in der Region. Auf ihren zuvor festgelegten Routen holten sie die körperlich oder geistig behinderten Schüler in deren Wohnorten, sogar direkt vor deren Haustür, ab.

Doch damit soll nun Schluss sein – für die meisten zumindest. Denn die Kreisverwaltung unternahm eine Ausschreibung und Vergabe der sogenannten „Lose“ (Fahrten) für Schülerverkehre an die Treysaer Hermann-Schuchardt-Schule, die Gudensberger Odenberg-Schule, die Fritzlarer Schule am Dom und die Karl-Preising-Schule in Bad Arolsen. Vergeben wurden viele Fahrten letztlich an Unternehmen aus dem Rhein-Main-Gebiet.

Heimische Unternehmen bangen um ihre Existenzen

Für die hiesigen Kleinbus-Unternehmer hat das weitreichende Folgen. Den betroffenen Selbständigen, die meist nur wenige Busse in ihrem Betrieb angemeldet haben und bei den Billig-Angeboten der großen Firmen aus Südhessen und Rheinland Pfalz nicht mithalten können, bekommen immer weniger Aufträge. Sie bangen um ihre Existenzen.

Um auf die bedrohliche Situation aufmerksam zu machen, baten sie um einen Gesprächstermin mit Winfried Becker – jedoch erfolglos. Der Landrat fasste sich auch gegenüber unserer Zeitung kurz: „Bei einer Ausschreibung sind mir die Hände gebunden. Das Ergebnis ist so wie es ist.“ Auch die Kreisverwaltung müsse ihre Ausgaben regelmäßig auf Einsparmöglichkeiten prüfen. Im Falle einer Ausschreibung gehe sie auf das günstigste Angebot ein.

Und so bleiben die bei der Ausschreibung leer ausgegangenen Firmen mit ihrer Enttäuschung zurück. „Erst im vergangenen Jahr haben wir mit dem Landrat zusammengesessen. Dabei hatten wir ihm von unserer Befürchtung erzählt, dass wir bald wenige oder gar keine Fahrten mehr bekommen. Damals hatte uns Herr Becker zugesichert, dass er uns nicht fallen lässt. Er hatte versprochen, dass die Schulfahrten an Bus-Unternehmen aus dem Schwalm-Eder-Kreis vergeben werden. Jetzt fragen wir uns, ob Mainz noch im Schwalm-Eder-Kreis liegt und ob der Verwaltung denn gar nichts an ihren Steuereinnahmen liegt“, klagt ein betroffenes Ehepaar aus Bad Zwesten.

Die Vergabe der Fahrten an fremde Unternehmen sei dabei aber nur der Tropfen, der das Fass endgültig zum Überlaufen bringe. Denn auch ansonsten nehme die Kreisverwaltung ihren Teil der vertraglichen Vereinbarungen nicht besonders ernst. „Ich warte immer noch auf mein Geld“, sagt eine selbstständige Kleinbus-Fahrerin, die seit 27 Jahren Schulen in Treysa anfährt. Zuverlässig und pünktlich habe sie täglich die Schüler in ihren Nachbarorten abgeholt und an die Hermann-Schuchardt-Schule und Sankt-Martin Schule gefahren. „Die Schüler sind mir ans Herz gewachsen. Ich weiß, worauf ich bei jedem einzelnen zu achten habe. Ihre Eltern vertrauen mir. Gerade bei behinderten Menschen sind geregelte Abläufe oft sehr wichtig. Da kann nicht einfach heute ein anderer Fahrer am Steuer sitzen als morgen“, weiß sie.

Und dennoch: Am Freitag holte die Selbstständige zum letzten Mal „ihre“ Kinder ab. „Nach den Ferien fahren die Mainzer meine Routen. Das ist schon eine schmerzhafte Vorstellung“, bringt sie es auf den Punkt. Am Ende der Vergabe sei ihr eine einzige Fahrt geblieben. „Das rechnet sich natürlich nicht. Davon kann ich nicht einmal meinen Bus unterhalten. Ich werde mir einen neuen Job suchen müssen“, erklärt sie.

"Der Kreis zahlt unzuverlässig"

Eines aber werden die Betroffenen laut eigener Aussage ganz sicher nicht vermissen: Die unnötigen Diskussionen um ihre in Rechnung gestellten Fahrten. „Der Kreis zahlt unzuverlässig. Immer wieder streichen die Sachbearbeiter Abschnitte der Routen einfach weg. Zum Beispiel, wenn ich aufgrund einer Dauer-Baustelle in Treysa einen Umweg fahren muss“, erklärt eine Fahrerin. Eine andere Fahrerin schimpft: „Bis die mir das Geld überweisen, muss ich manchmal zwei- bis dreimal anrufen und um Zahlung betteln. Ich musste dem Kreis sogar schon drohen, die Kinder am nächsten Tag nicht mehr abzuholen. Natürlich hätte ich das aber nicht einfach getan, ohne die Eltern rechtzeitig vorher zu informieren.“

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