Lehrerin aus Wasenberg spielt als Autorin Constanze Keidel mit den Realitäten

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Kippen, Kaffee und den Hang zu etwas Kitsch: Die Rezepte für ihre Romantrilogie findet Autorin Constanze Keidel im Treysaer Lokschuppen. Hier schreibt sie große Teile ihrer Texte.

„Indem ich Geschichten über die Welt schreibe, sortiere ich meine eigene“, sagt Constanze Keidel, die gerade am letzten Band ihrer Roman-Trilogie schreibt. Für die 44-Jährige ist der Spagat zwischen Gymnasiallehrerin und Schriftstellerin ein spannender Sprung zwischen den Realitäten.

Treysa/Wasenberg. Es ist Montagmittag. Am Treysaer Bahnhof treffen im Zehn-Minuten-Rhythmus Züge ein. Fahren wieder ab. Einige Fahrgäste warten am kalten Gleis. Andere ziehen den warmen Lokschuppen vor. Alle sind sie nur kurz da, ehe sie weiterreisen. Eine Ausnahme sitzt an einem kleinen Tisch in der Ecke der gemütlichen Kneipe: eine Frau mittleren Alters. Sie starrt auf einen Laptop. Ihren Blick löst sie nur dann vom Bildschirm, wenn sie sich eine Zigarette anzündet.

Constanze Keidel schreibt gerade am dritten Band ihrer Romantrilogie. Der erste Teil, erschienen unter dem Namen „Sturmgründe“ im Verlag Manas in Medias, ist Keidels Debüt-Roman. „Seit ich denken kann, erzähle ich mir Geschichten. Und schon immer schreibe ich. Aber bisher nur Erzählungen“, sagt die 44-Jährige. Was ihre Roman-Trilogie angeht, warnt die Autorin davor, zu glauben, was sie zu Papier gebracht hat.

Sie spiele lediglich mit Wünschen und Wirklichkeiten. Nichts von dem, was sie als Constanze Keidel erzähle, sei real – und doch sei alles wahr. Nachdem Keidel 2015 begann, ihr Erstlingswerk zu Papier zu bringen, geriet ihr Leben aus den Fugen. 2016 war für die Schriftstellerin ein Schicksalsjahr: Tod des Vaters, plötzliche Gehstörung, etliche unbestätigte Verdachtsdiagnosen, Todesangst und ein schwerer Unfall. „Indem ich Geschichten über die Welt schreibe, sortiere ich meine eigene“, erklärt Keidel.

Trivialer Kitsch mit Parallelen zur Wirklichkeit 

Und was erwartet den Leser, wenn er „Sturmgründe“ aufschlägt? „Das kommt darauf an, wie man es liest. Wer möchte, kann den trivialen Kitsch, eine Liebesgeschichte, herauslesen. Man kann aber beispielsweise auch die Stellen suchen, in denen ich mich an großen Künstlern bediene“, sagt Keidel. Inhaltlich geht es in „Sturmgründe“ um die junge Catharina G. Jun. Als Schulpsychologin tritt sie eine neue Stelle an einem Schlossinternat an.

Dort begegnet sie dem letzten Graf des Schlosses, einem Untoten mit erschreckender Vergangenheit. Mit seiner Schönheit zieht er die Psychologin in seinen Bann. Als die beiden erkennen, dass das Handeln des Grafen gefährliche Auswirkungen auf die Realität hat, versuchen sie, die Vergangenheit des Schlosses zu verstehen. Dabei verstricken sich beide in ein Mysterium zwischen Gegenwart und Historie. Die Geschichte ist eingebettet in eine Rahmenhandlung, in der eine frustrierte Lehrerin beschließt, einen Roman zu verfassen. Ihr Ziel: reich und berühmt werden.

Ganz anders sei das bei der Autorin. Keidel beteuert, dass es ihr nicht darum gehe, Geld zu machen. Wie viele Bücher sie bereits verkauft hat, wisse sie nicht: „Darum kümmere ich mich nicht. Das ist nicht mein Spiel. Ich würde auch für eine ganz kleine Menge Angefixter schreiben. Ich habe das Spiel nicht gewonnen, wenn ich reich und berühmt bin. Das Spiel ist spannend, wenn meine Bücher etwas in den Lesern bewirken.“

Parallelen zwischen Erzählerin Catharina und Autorin Constanze liegen dennoch auf der Hand. „Zumindest ist die Erzählerin ein Teil von mir“, gibt Keidel zu. Und die Protagonistin trage ihre Züge. „In der Rahmenhandlung sind vielleicht 60 Prozent autobiografisch. Der Binnenroman ist eine Fantasiewelt. Trotzdem wandern ja Teile aus dem Unterbewussten immer auch nach außen. Wie groß ihr Anteil ist, weiß ich nicht.“

Ihre Bücher verändern die Autorin

Die Roman-Trilogie hinterlasse aber nicht nur bei so manchem Leser eine gewisse Wirkung: „Auch mich hat sie verändert. Zum einen ist es die Erfahrung, dass ich etwas anderes schreiben kann als lakonische, reflektierende Erzählungen. Ich habe beim Schreiben auch meine romantische, sentimentale Seite entdeckt.“ Eigentlich sei Keidel eher rational. Über ihre kitschige Seite habe sie sich selbst gewundert.

Aber es gebe da zudem auch noch eine dunkle Seite. „Ich bin imstande, mir Gewalthandlungen zu überlegen“, sagt sie. An denen finde die Autorin vor allem die menschlichen Abgründe interessant. „Wo Menschen sich destruktiv verhalten, steckt immer Verzeiflung dahinter. Oder purer Machtwahn. Aber auch der hat seine Gründe“, sagt sie. Das Schreiben bezeichnet sie als Flucht in eine andere Welt. „Wobei Flucht so negativ klingt. Es ist eher ein Spiel. Wir Erwachsenen spielen zu wenig“, sagt Keidel. Rollenspiele fänden unter Erwachsenen nur noch im Internet statt. „Warum machen wir nicht, was wir als Kinder schon immer gemacht haben? Kleine Mädchen werden Prinzessinnen, große Mädchen werden Autorinnen. Constanze Keidel ist für mich ein Spiel.“

Ihre liebste Spielstätte ist dabei der Treysaer Lokschuppen. Aber warum schreibt die Autorin ihre Bücher ausgerechnet in einer Kneipe? „Weil ich grundsätzlich gern unter Menschen bin. Aber ich werde auch gern von diesen Menschen in Ruhe gelassen. Das ist hier der Fall“, erklärt Keidel. Im Lokschuppen störe es auch niemanden, wenn sie den ganzen Tag mit Ohrenstöpseln in der Ecke sitzen würde. Hier könne sie in Ruhe ihren Kaffee trinken und am letzten Band ihres Dreiteilers schreiben.

Bleibt noch die Frage, warum Keidel ihre Trilogie nicht unter bürgerlichem Namen veröffentlicht. „Ich bin Lehrerin. Und ich liebe meine Arbeit. Aber ich will die Abitur-Klausuren nicht mit dem Namen unterschreiben, mit dem ich meine Bücher signiere. Für mich ist das auch ein Spiel mit den Realitäten. Wenn sich jemand im Internet einen Avatar erstellt, dann interessiert sich auch niemand für seinen bürgerlichen Namen“, sagt Keidel.

EXTRA-INFO: Die anstehenden Lesungen

Wer Interesse an Constanze Keidels Roman-Trilogie hat, der sollte sich die Lesung am Donnerstag, 8. Februar, nicht entgehen lassen. Dann nämlich liest die Autorin selbst aus ihrem Werk vor. Ort des Geschehens ist das Gemeindehaus in Wasenberg. Beginn der Lesung ist um 19 Uhr.

Eine Eventlesung findet am Samstag, 3. Februar, im Schloss Romrod statt. Beginn ist um 19 Uhr, Einlass bereits um 18.30 Uhr. Die Besucher erwartet eine festliche Atmosphäre, ein Drei-Gänge-Menü im Rittersaal, ein Ein-Personen-Theaterstück mit einer Hauptfigur aus dem Roman (gespielt von Schauspielerin Sabine Doetsch) und eine musikalische Begleitung von Frank Tischer. Doch damit nicht genug: Autorin Constanze Keidel liest erste exklusive Auszüge aus dem zweiten Band ("Nachtwege") ihrer Trilogie vor. Tickets für die Eventlesung gibt es für 50 Euro im Injoy Alsfeld/Atzenhain, bei "Buch 2000" in Alsfeld, bei "Das Buch" in Lauterbach, im Schloss Romrod oder per E-Mail (tickets@Mamas-in-Medias.de

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