"Lieber sterbe ich, als zurück ins Heim zu gehen": Junge Schwälmerin kämpft vor Gericht für selbstbestimmtes Leben

+
Kann vorerst in ihre eigene Wohnung ziehen: Maria Langstroff.

Maria Langstroff ist schwerstkrank. Sie leidet an einer seltenen Muskelerkrankung. Die Lehramtsstudentin aus Treysa ist ans Pflegebett gebunden. Trotzdem wünscht sie sich nichts mehr, als ein selbstbestimmtes Leben führen zu dürfen. Lange Zeit hatte ihre Krankenkasse genau das verhindert.

Marburg/Schwalmstadt. Einen herzergreifenden Aufruf startete Maria Langstroff vor Kurzem im sozialen Netzwerk Facebook. Seither ging ihr Hilferuf im Internet und in den Medien viral. Am Donnerstagabend, kurz vor Redaktionsschluss, erreichte uns dann die postive Nachricht: Die 31-Jährige hat es geschafft – sie hat ihr selbstbestimmtes Leben zurückgewonnen.

Doch der Reihe nach: Maria Langstroff ist unheilbar krank. Sie leidet an einer seltenen Muskelerkrankung mit fortschreitender Verschlechterung des Gesundheitszustandes. Seit 2009 ist die Treysaerin ein Pflegefall (Pflegegrad 4). „Außer dem rechten Arm kann ich nichts bewegen. Ich werde über eine PEG-Sonde (künstlicher Zugang von außen in den Magen, Anm. d. Red.) ernährt. Ich bekomme am Tag mehrere Betäubungsmittel, meine Vitalzeichen werden ständig via Monitor überwacht“, erklärt die 31-Jährige ihren Gesundheitszustand gegenüber unserer Zeitung.

Mit Sonnenbrille, Ohrenstöpseln und Sauerstoff-Maske liegt Langstroff in ihrem Pflegebett. Jeder spontane Impuls – ein unerwartetes Geräusch oder ein Lichteinfall etwa – können lebensbedrohliche Krampfanfälle auslösen. Beidseitige Lungenembolien und Reanimationen hat die Schwälmerin bereits über sich ergehen lassen müssen. Auch im künstlichen Koma hat Langstroff schon gelegen. Vom Hals abwärts ist sie gelähmt, geistig jedoch völlig klar.

Hiobsbotschaft kam, als die Wohnung schon gemietet war

Seit 2010 lebt die gebürtige Treysaerin in einem Pflegeheim in Gießen. Ihr größter Wunsch ist es, eine eigene Wohnung zu beziehen und das Lehramtsstudium abzuschließen. „Ich will nicht eher sterben, bis ich Lehrerin bin“, sagt sie tapfer.

Den ersten Schritt zur Erreichung ihrer Ziele hat sie bereits getan: Langstroff hat eine kleine Wohnung in Marburg angemietet. Zuvor hatte sie bereits einen Antrag auf eine häusliche 24-Stunden-Intensivpflege gestellt. „Die AOK Hessen gab der Klinik und mir mündlich mehrfach die Zusage, dass 20 Stunden Betreuung pro Tag bereits genehmigt seien“, so Langstroff.

Elf Wochen später, nachdem die 31-Jährige ihre Krankenkasse erneut darüber informiert hatte, dass sie den Heimplatz kündigen wird, folgte jedoch die Hiobsbotschaft: „Ich habe erst telefonisch und dann schriftlich eine komplette Absage bekommen“, so die Schwerstkranke. Das Erstaunliche daran: „Es war gar kein Gutachter des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) bei mir“, sagt Langstroff.

Gerichtsverhandlung nach Absage der Krankenkasse

Langstroff sah sich gezwungen, ihre Not der Öffentlichkeit mitzuteilen. Möglicherweise werde sie dann von der Krankenkasse ernstgenommen. Rund 76.000 Menschen unterschrieben eine Petition im Internet. Sogar der Hessische Rundfunk berichtete ausführlich in seiner Fernsehsendung „defacto“. Im TV-Beitrag wurde auch die AOK Hessen zitiert, die ihre Entscheidung, die Kosten für eine 24-Stunden-Intensivpflege nicht zu übernehmen, wie folgt begründet haben soll: „In drei recht aktuellen MDK-Gutachten (allesamt aus diesem Jahr) wird deutlich, dass sie einer 24-stündigen, speziellen Krankenbeobachtunf durch einen Intensivpflegedienst nicht bedarf. Es gäbe keine vitale Bedrohung.“

Neues Gutachten nach öffentlichem Aufschrei

Nach dem öffentlichen Aufschrei machte sich der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) vor Kurzem tatsächlich ein persönliches Bild vom Gesundheitszustand der 31-Jährigen und beurteilte diesen nicht wie zuvor allein anhand von Akten und Dokumenten. Und dennoch: „Der MDK hat negativ geurteilt“, ließ uns Langstroff wissen. Vergangene Woche fragte sie sich, wie es nun weitergehen soll: „In meiner Wohnung ist soweit alles eingerichtet. Aber ich kann nicht dorthin, solange die Versorgung nicht sichergestellt ist.“

Aufgeben wollte die gebürtige Treysaerin nicht, stattdessen weiter für ihr Ziel – die häusliche Intensivpflege – kämpfen. Dafür holte sie sich juristischen Beistand. Am Donnerstag fand eine Gerichtsverhandlung vor dem Sozialgericht in Marburg statt. „Lieber sterbe ich, als zurück ins Heim zu gehen“, hatte Langstroff zuvor immer wieder unmissverständlich klar gemacht. Seit Donnerstagmittag ist klar: Zurück muss sie nicht. „Ich habe es erstmal geschafft“, teilte uns Langstroff voller Freude mit.

Ihr Rechtsanwalt Jan Zielinski präzisierte: „Es waren zähe Verhandlungen von 9 bis 13.30 Uhr – mit dem Ergebnis, dass die AOK Hessen und der Landeswohlfahrtsverband die Kosten für die 24-Stunden-Intensivpflege übernehmen, bis es zur Hauptverhandlung kommt.“ Die werde Ende März stattfinden. Bis dahin könne Maria Langstroff in ihrer eigenen Wohnung leben. „Es geht uns um die Zusatzbezeichnung ,Intensivpflege’. Wir wollen keine Laien, sondern mindestens Fachkräfte an Marias Seite“, erklärte Zielinski. Die hat ihre Suche nach ausgebildeten Pflegefachkräften bereits begonnen (siehe EXTRA-INFO „Examinierte Pflegekräfte gesucht“).

EXTRA-INFO zur Person:

Maria Langstroff wurde 1986 als jüngstes Geschwisterkind in Schwalmstadt geboren. Ihr Abitur absolvierte sie in 2006 am Schwalmgymnasium in Treysa. Anschließend begann Langstroff ihr Lehramt-Studium für die Gymnasial-Fächer Deutsch und Englisch an der Philipps-Universität in Marburg. Seit dem Jahr 2009 lebt sie in Pflegeheimen. In 2012 veröffentlichte sie ihr Buch „Mundtot!?“, das die Behindertenfeindlichkeit aus Sicht einer Betroffenen thematisiert. Die letzten Kapitel des Buches hat Maria Langstroff, aufgrund des zunehmenden Verlusts ihrer Sehkraft, ihrem Vater ins Telefon diktiert.

EXTRA-INFO: Examinierte weibliche Pflegefachkräfte gesucht

Maria Langstroff sucht vier weibliche Pflegefachkräfte, die ihre dreijährige Ausbildung mit dem Examen abgeschlossen haben. Zu den Kernaufgaben zählen Betreuung und Pflege und die spezielle Krankenbeobachtung. Maria Langstroff ist bettlägerig, erhält Sondernahrung über eine PEG-Sonde und Medikamente über einen Port. Bewerbungen können an folgende Adresse gesendet werden: Luftraum Gesellschaft für Intensivversorgung mbH, Fachbereich Personal, z. Hd. Artur Wamboldt, Wiederholdstraße 11a, 34613 Schwalmstadt-Ziegenhain.

 

Mehr zum Thema

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Schwälmer Unternehmer ermöglicht bedürftiger Familie Weihnachtsfest

Geschenke unter dem geschmückten Tannenbaum sind nicht allen vergönnt. Eine Familie aus Neustadt kann durch einen glücklichen Zufall unverhofft doch ein schönes …
Schwälmer Unternehmer ermöglicht bedürftiger Familie Weihnachtsfest

Treysaer Arzt Dr. Dirk Prokesch hängt gelbe Schleife an seine Praxis

Die gelbe Schleife gilt als Symbol für die Solidarität mit deutschen Soldaten. In Schwalmstadt hat nun der erste Privatmann das Zeichen aufgehängt.
Treysaer Arzt Dr. Dirk Prokesch hängt gelbe Schleife an seine Praxis

Geschenketipp: Weinprobe im La Copa in Ziegenhain

Einen leckeren Wein samt vieler Infos über dessen Herkunft gibt es bei den Weinproben im La Copa.
Geschenketipp: Weinprobe im La Copa in Ziegenhain

32. Schwälmer Weihnachtsmarkt bietet drei Tage Programm

Konzerte, Puppentheateraufführungen und viele Aktionen gibt es an allen drei Tagen auf dem Schwälmer Weihnachtsmarkt in Ziegenhain.
32. Schwälmer Weihnachtsmarkt bietet drei Tage Programm

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.