Nach Gewalt gegen Fußball-Schiris: Vereinigung wirbt um Neuling

Im Oktober 2019 sorgte ein Schiri-Schläger für Schlagzeilen. Das Sportgericht hat dem südhessischen Kreisliga-Kicker eine dreijährige Sperre aufgebrummt. Doch auch die Höchststrafe ändert nichts daran, dass Unparteiische ihr Ehrenamt nun einmal mehr kritisch hinterfragen.

Schwalm-Eder. Weil ihm die Entscheidungen des Schiedsrichters nicht passten, schlug ein Spieler des Fußball-C-Ligisten FSV Münster (Landkreis Darmstadt-Dieburg) den Unparteiischen bewusstlos. Die brutale Prügelattacke sorgte bundesweit für Schlagzeilen.

Seither ist das Thema Gewalt gegen Schiedsrichter dauerhaft präsent. Nach einem erneuten Vorfall in Hessen hielt das Thema schließlich sogar Einzug in den Landtag.

Kreisschiedsrichterobmann Volker Römer.

Zuvor hatte sich der Hessische Fußball-Verband (HFV) in einem offenen Brief an die Vereine gewendet und zur Mithilfe aufgefordert: „Wir appellieren an alle Vereine, sich bewusst zu machen, dass wir in eine zunehmend dramatischere Situation kommen und immer weniger Sportfreunde zukünftig bereit sein werden, sich als Schiedsrichter zur Verfügung zu stellen. Lassen Sie es nicht soweit kommen und setzen Sie gegen Spieler und Mitglieder, die sich nicht an Spielregeln und einen faireren Umgang halten, ein deutliches Zeichen!“

Indes wirbt die Schiedsrichtervereinigung Schwalm-Eder mit einem Motto für ihren kommenden Neulingslehrgang. Das lautet „Alle wissen wo sein Auto steht. Er pfeift drauf.“ Kreisschiedsrichterobmann Volker Römer möchte aber klarstellen: „Uns gehen die Schiedsrichter nicht wegen Angst vor Gewalt aus, sondern aus beruflichen Gründen.“

Römer schätzt die Situation im Kreis längst nicht so dramatisch ein wie seine Kollegen in Ballungsräumen. „Man darf nicht immer nur das Negative sehen. Bei uns kommt es selten zu Ausschreitungen. Vor einem Vierteljahr hatten wir mal einen Fall. In der Regel laufen die Spiele aber sehr vernünftig ab“, so der Waberner, der seit 45 Jahren aktiver Schiri ist. Römer hat aber auch erkannt: „Die Hemmschwelle von Spielern und Betreuern ist in den letzten Jahren gesunken.“

Deshalb werden Schiedsrichter-Neulinge im Schwalm-Eder-Kreis während ihrer ersten Spiele durch erfahrene Kollegen betreut. „Vor der Partie, in der Halbzeit und nach dem Spiel können die Schiedsrichter-Neulinge dann mit ihren Kollegen sprechen, sich austauschen und Tipps einfordern“, erklärt Römer. Das Modell habe sich bewährt.

„Außerdem machen wir bei Hallenkreismeisterschaften, Vereinsvertretersitzungen und auf Sportplätzen mit Flyern grundsätzlich auf das Schiedsrichterwesen aufmerksam“, so Römer. Das sei nötig, weil der Kreis neben seinen derzeit 180 aktiven Schiris dringend weitere Unparteiische benötige. „Es dürfen ja nicht alle dieselbe Klasse pfeifen. Und dann steht auch nicht immer jeder zur Verfügung. Um auch als Schiedsrichter mal zwei oder drei Wochen Urlaub machen zu können, bräuchten wir eine dichtere Schiri-Decke. Denn aktuell müssen wir ständig aushelfen und kurzfristig einspringen“, so Römer.

Warum aber sollte sich überhaupt jemand als Schiedsrichter engagieren? „Weil es einfach Spaß macht, man regelmäßig an der frischen Luft Sport macht, im Kontakt mit Menschen steht und seinen eigenen Horizont erweitert“, weiß Römer. Jungen Interessierten legt der 63-Jährige das Hobby besonders ans Herz. Es präge die eigene Persönlichkeit, stärke das Selbstbewusstsein und schule den Gerechtigkeitssinn.

Gelegenheit dazu haben Interessierte wieder ab dem 6. März. Dann nämlich startet der Neulingslehrgang für Schiedsrichter. Infos gibt es im Internet auf www.sr-schwalm-eder.de.

„Wir müssen uns alle kritisch hinterfragen“ – Lizenztrainer Jörg Heß ruft zu sportlich-fairem Umgang auf

Die Schiedsrichtervereinigung Schwalm-Eder sieht im Umgang mit ihren Schiris auch die Vereine in der Pflicht. Einer, der seit Jahren zum sportlich-fairen Umgang untereinander auffordert, ist Jörg Heß. Lokalo24.de gegenüber äußerte sich der Lizenz-Trainer zum Thema.

Nehmen Sie eine Veränderung im Umgang mit Schiedsrichtern wahr?

Ja. Das ist schon der Fall. Meines Erachtens wird am Rande eines Spiels immer häufiger versucht, Einfluss auf den Schiedsrichter und dessen Entscheidungen zu nehmen.

Am Rande eines Spiels? Also sprechen Sie von Zuschauern?

Von Zuschauern, aber auch von Trainern und Betreuern. Da müssen wir uns selbst auch in die Pflicht nehmen und uns kritisch hinterfragen.

Wer Sie kennt, der weiß, dass Sie ein emotionaler Trainer sind. Sie verlangen größtmöglichen Einsatz von Ihren Spielern. Kann man sich als Trainer während eines Spiels und voller Adrenalin überhaupt kritisch hinterfragen? 

Emotionen gehören zum Sport. Und natürlich auch der Wille zweier Mannschaften, zu gewinnen. Aber das steht doch überhaupt nicht im Gegensatz zu einem sportlich-fairen Wettkampf. Für Spiele gibt es Regeln. Und die müssen eingehalten werden. Wer das beherzigt, muss sich am Ende gar nicht kritisch hinterfragen.

Das heißt, Sie machen Ihrem Unmut über Schiri-Entscheidungen nie Luft? 

Doch. Das kommt natürlich vor. Aber wir dürfen grundsätzlich doch nie vergessen, dass der Schiri ebenso zum Spiel gehört, wie die kontrahierenden Mannschaften. Und wenn wir mal ehrlich sind, machen wir doch selbst viele Fehler im Spiel. Dann müssen wir auch dem Schiri Fehler zugestehen. Und überhaupt: Unmut kann man auch auf vernünftige Weise äußern – dann findet man auch Gehör.

Und das erklären Sie auch Ihren Spielern so?

Natürlich. Ein Bestandteil meiner Arbeit bezieht sich immer auch auf die Frustrationstoleranz.

Wie muss man sich das vorstellen?

Im Trainingsbetrieb kann ein Trainer beispielsweise gezielt eine Entscheidung treffen, die die Spieler vor Herausforderungen stellt oder die sie in diesem Moment schlichtweg als falsch erachten. Ihre spontane Reaktion auf eine plötzliche, unvorhergesehene Umstellung kann dann im Nachgang besprochen werden. Und ansonsten gilt eine einfache Regel: Gehe als Trainer mit gutem Beispiel voran. Dann werden Dir die Spieler folgen.

Wie kann erreicht werden, dass mehr so denken?

Wie viel Fingerspitzengefühl ein Unparteiischer aufbringen muss, erfährt im Grunde jeder Trainer auf dem Weg zur Lizenz. Denn dabei muss er oder sie auch einen Schiedsrichter-Schein erlangen. Das macht viel Sinn, weil es das Verständnis für die Aufgabe und Rolle des Schiedsrichters schärft. Auf Frustrationstoleranz der Spieler sind wir schon eingegangen. Und was die Zuschauer und das Umfeld angeht: Jeder der etwas Unsportliches mitbekommt, kann auf denjenigen zugehen und ihn darauf hinweisen, dass wir einen sportlich-fairen Wettkampf wollen.

Extra-Info zur Person

Jörg Heß ist 53 Jahre alt und in der Justizvollzugsanstalt Hünfeld tätig. Als Trainer führte er den VfB Schrecksbach in die Gruppenliga, coachte den 1. FC Schwalmstadt, den TSV Wiera und die SG WeWaLeCa. Zuletzt war Hess für den SV Rot Weiß Burghaun tätig. Heß wohnt in Immichenhain. Aktuell ist der Inhaber der Trainer B-Lizenz und der Elite-Jugend-Lizenz vereinslos.

Rubriklistenbild: © MEV Verlag

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