Oberstleutnant Sven Kästner ist seit 100 Tagen der Chef in der Knüll-Kaserne

Seit gut 100 Tagen ist er der Chef in der Knüll-Kaserne: Oberstleutnant Sven Kästner.
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Seit gut 100 Tagen ist er der Chef in der Knüll-Kaserne: Oberstleutnant Sven Kästner.

Seit gut 100 Tagen wird das Jägerbataillon 1 der Bundeswehr von einem neuen Chef geführt: Oberstleutnant Sven Kästner trat Anfang Oktober sein neuen Posten in Schwarzenborn an. Im Interview mit dem SCHWÄLMER BOTEN blickte er aber nicht nur auf die ersten 100 Tage in der Knüll-Kaserne zurück sondern blickte auch auf die Herausforderung der kommenden Monate.

Herr Kästner, haben Sie sich schon in Schwarzenborn eingelebt?

Ich kenne den Standort Schwarzenborn bereits aus einer Verwendung als Kompaniechef im damaligen Jägerregiment 1. Nun bin ich nach zwölf Jahren wieder hier und habe mich sehr schnell eingelebt. Nicht nur im Bataillon, auch in der Garnisonstadt und in den Patengemeinden wurde ich herzlich aufgenommen.

Ihr Vorgänger hat bei der Kommandoübergabe deutlich gemacht, dass er Schwarzenborn nicht gern verlässt. Was macht die Führungsposition bei den Schwarzenborner Jägern so besonders?

Ein Bataillon führen zu dürfen, empfinde ich als eine besondere Auszeichnung. Eine solche Führungsverwendung möchte wohl jeder Kommandeur möglichst lange innehaben. Die Schwarzenborner Jäger zeichnet die Professionalität eines gewachsenen und in der Region eng verwurzelten Verbandes aus. Die Frauen und Männer dieses Bataillons haben sich weit über die Region hinaus einen guten Ruf erworben.

Seit 100 Tagen sind Sie nun an der Spitze. Wie fällt Ihr bisheriges Fazit aus?

Ich darf mich glücklich schätzen, diesen Verband führen zu dürfen, in dem jede Herausforderung und jeder Auftrag zuverlässig mit einem hohen Maß an Einsatzbereitschaft, Leistungsfähigkeit und Freude am Dienst gemeistert wird. Mein Einstieg in die neue Verwendung war reibungslos, was nicht zuletzt der Unterstützung aller Kompanien und Stabsabteilungen zu verdanken ist. Der Teamgeist im Verband ist wirklich ausgezeichnet und es macht Freude mit jedem einzelnen Angehörigen des Bataillons zusammenzuarbeiten. Das gilt auch für die internen und externen zivilen Dienstleister vor Ort, das Bundeswehrdienstleistungszentrum, die Heeresinstandsetzungslogistik oder den Bundesforst etwa. Ich freue mich auf die nächsten Monate und Jahre als Kommandeur des Jägerbataillons 1.

Was war die bisher größte Herausforderung in Schwarzenborn?

Wie für sehr viele Menschen in Deutschland ist auch für uns die gegenwärtige Pandemie eine enorme Herausforderung. Und es zeichnet sich ab, das uns diese Situation noch bis weit in das Jahr 2021 begleiten wird. Das enge Arbeiten und Zusammenleben in der Kaserne, das Pendeln zwischen Dienst- und Wohnort, das Antreten einer Kompanie oder die Ausbildung im Transportpanzer - das alles verträgt sich nur schwer mit den nun erforderlichen Auflagen und erfordert kreative Maßnahmen zur Minimierung des Infektionsrisikos. Gegenwärtig können wir nicht mehr uneingeschränkt nach unseren Einsatzgrundsätzen ausbilden und müssen eigene Vorhaben zugunsten der Amtshilfe in Gesundheitsämtern oder Pflegeeinrichtungen streichen. Das hat natürlich in letzter Konsequenz Auswirkungen auf den Erhalt unserer Fähigkeiten.

Blicken wir mal auf das noch junge Jahr 2021. Welche großen Aufgaben wird sich Jägerbataillon 1 stellen müssen?

Für uns besteht noch einige Ungewissheit, wie sich das Jahr 2021 entwickeln wird. Die Amtshilfe im Rahmen der Pandemie hat Vorrang vor Ausbildung und Übungen. Dennoch muss die Ausbildung fortgesetzt werden, um Abholpunkte für Laufbahnlehrgänge zu erreichen und Fähigkeiten im Verband zu erhalten. Auch sind Kräfte für einen erneuten Einsatz in Afghanistan vorzubereiten, der für das zweite Halbjahr 2021 vorgesehen ist. Parallel haben wir den Auftrag, ab Ende Januar etwa 150 georgische Soldaten in Schwarzenborn auszubilden, die ebenfalls für einen Einsatz in Afghanistan geplant sind. Auch ist unverändert die Grundausbildung von Rekrutinnen und Rekruten durchzuführen. Im Rahmen der gegenwärtig zusätzlich erforderlichen Abstands- und Hygienemaßnahmen ist die Umsetzung dieser Vorhaben kein leichtes Unterfangen.

Und Sie persönlich: Was haben Sie sich für 2021 vorgenommen?

Ich möchte das Bataillon erfolgreich durch das wohl herausfordernde Jahr führen. Neben der fortgesetzten Ausbildung unter zahlreichen Einschränkungen gilt es unter anderem, die Personal- und Materiallage sowie die Infrastrukturmaßnahmen am Standort im Auge zu behalten. Als Kommandeur trage ich die Verantwortung für eine Vielzahl von Themenfeldern. Denen möchte ich natürlich allen gerecht werden und das ist anspruchsvoll. Darüber hinaus bereite ich mich darauf vor, gemeinsam mit einem Teil des Bataillons im zweiten Halbjahr nach Afghanistan zu verlegen.

Kommen wir noch einmal zu dem Thema, das das Jahr 2020 beherrscht hat und es noch immer tut: Die Corona-Pandemie. Laut Oberstleutnant Raik Zimmermann, Leiter des Bereichs Lagebearbeitung in der Operationszentrale des Kommandos Territoriale Aufgaben in Berlin haben bis vor Weihnachten bereits über 2.500 Anträge auf Hilfeleistungen im Zusammenhang mit der Pandemie die Bundeswehr erreicht. Leisten auch die Schwarzenborner Jäger derzeit „Corona-Hilfe“?

Das Jägerbataillon 1 hat auch über die Weihnachtsfeiertage und den Jahreswechsel in den Gesundheitsämtern von Gießen, Marburg, Bad Homburg, Frankfurt am Main und Offenbach unterstützt. Meist handelte es sich um die Kontaktnachverfolgung, im Einzelfall auch um das Einholen von Abstrichen. Weitere Aufträge kamen in den letzten Tagen hinzu, die Unterstützung in der Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen oder in einer Pflegeeinrichtung bei Frankfurt am Main. Zudem sind wir darauf vorbereitet, helfende Hände für den Betrieb von Impfzentren in Hessen zu stellen. Zusammen binden die hier genannten Aufträge unmittelbar etwa 180 Soldatinnen und Soldaten. Da diese Kräfte in der Regel nach 14 Tagen ausgewechselt werden und sich zur Sicherheit in eine häusliche Absonderung begeben, sind tatsächlich etwa 360 Soldatinnen und Soldaten gebunden.

Sind noch weitere „Corona-Einsätze“ geplant?

Ich rechne damit, dass das Bataillon in nächster Zeit weitere Kräfte für die Amtshilfe bereitstellen muss. Insbesondere Personalausfälle in Pflegeeinrichtungen können sehr kurzfristig kritische Lagen hervorrufen.

Schauen wir mal nach Berlin: Hier wird derzeit in der großen Koalition über den Anschaffung von Kampfdrohnen für die Bundeswehr gestritten. Jetzt hat sich Bundeswehrgeneralinspekteur Eberhard Zorn zu Wort gemeldet und eine schnelle Anschaffung gefordert. Sie sei notwendig für den Schutz der Soldaten und um ihre Einsatzmöglichkeiten am Boden zu verbessern. Wie sehen Sie das?

Die Gegner bewaffneter Drohnen argumentieren, dass damit das Töten aus der Distanz ermöglicht und die Hemmschwelle zur Kriegführung gesenkt würde. Unsere Einsätze werden durch den Bundestag mandatiert. Damit werden auch die Befugnisse der Soldaten im Einsatz festgelegt. Ich sehe nicht, wie die Verfügbarkeit bewaffneter Drohnen die Hemmschwelle für die Mandatierung von Einsätzen oder die Regeln zur Anwendung von Gewalt verändern könnte. Auch heute wirken wir auf Distanz, sei es mit der Artillerie, Raketensystemen auf Schiffen oder bemannten Flugzeugen. Bewaffnete Drohnen verbinden Aufklärung und Wirkung in einem System und ermöglichen es, ohne eigene Gefährdung näher an den Gegner zu gelangen. Diese Mittel schneller verfügbar, präziser und konstruktionsbedingt länger einsatzbereit. Daraus ergibt sich der bessere Schutz, den solche Systeme für die Soldaten am Boden bieten. Warum sollte uns dieser technisch mögliche Vorteil verwehrt werden? Ist es ethischer, wenn der Kampf nur auf nächste Entfernung geführt wird und die im mandatierten Einsatz befindlichen Soldaten einer größeren Gefährdung ausgesetzt werden? Sollten wir mit derselben Argumentation dann auch auf Kampfpanzer verzichten, weil deren Panzerschutz und Feuerkraft das Töten aus der Distanz ermöglicht und die Hemmschwelle zur Kriegführung senkt? Die Entwicklung und der Einsatz unbemannter bewaffneter System wird in den nächsten Jahren weltweit zunehmen und nicht nur durch staatliche Akteure massiv vorangetrieben werden. Es ist naiv zu glauben, dass ein Verzicht Deutschlands diese Entwicklung aufhalten könnte. Früher oder später wird es sich nicht mehr rechtfertigen lassen, warum wir solche Systeme nicht beschaffen und unseren Soldaten, die sich im Auftrag des Parlaments in einem Einsatzgebiet befinden, den bestmöglichen Schutz zukommen lassen.

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