Pilotprojekt für Hessen: SC Neukirchen spielt auf nachhaltigem Kunstrasen

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Michael Slabon, Bauamtsleiter der Stadt Neukirchen, hat rechtzeitig die Taktik geändert. Der neue Kunstrasen wurde mit Sand und Kork verfüllt. Beides ist bei der Entsorgung unproblematisch. Das Ändern der Verfüllung zu einem späteren Zeitpunkt hätte zu hohen Kosten (Schätzung der Firma „DOMO“: 45.000 Euro) geführt.

Rund 5.000 Kunstrasen-Plätze existieren in Deutschland, davon 440 in Hessen. Auf ihnen rollt der Ball bei Wind und Wetter. Und sie brauchen keine Erholungsphasen. Aber sie sind schädlich für die Umwelt. Eine Ausnahme ist der Platz in Neukirchen.

Auf rund 5.000 Kunstrasenplätzen deutschlandweit rollt der Ball. Bald auch wieder in Neukirchen. Die Fußballer des SC Neukirchen haben ihre letzte Partie auf dem Naturrasen der geschichtsträchtigen Knüllkampfbahn bestritten. Im kommenden Jahr kicken sie auf dem rundum sanierten Kunstrasenplatz im Steinwaldstadion. Dabei ist das neue Geläuf eines von 440 seiner Art in Hessen. Und dennoch ist der Kunstrasen in Neukirchen ein Novum in Hessen.

Denn als im Frühjahr ein geplanter EU-Beschluss (siehe EXTRA-INFO unten) plötzlich Schlagzeilen machte und das Thema Mikroplastik eng mit Kunstrasenplätzen verknüpft wurde, sah man sich im Bauamt der Stadt Neukirchen zum Umdenken gezwungen.

Kann wieder bespielt werden: der Kunstrasenplatz im Steinwaldstadion. Aufgrund seiner Nachhaltigkeit dient er jetzt als Referenzobjekt.

„Wir hatten die Arbeiten zu diesem Zeitpunkt bereits ausgeschrieben“, erinnert sich Michael Slabon. Noch im Mai bat der Bauamtsleiter das Planungsbüro, Alternativen zum herkömmlichen Kunststoff-Granulat zu prüfen. „Schnell war klar, Mikroplastik wollen wir nicht verwenden. Dann sind wir über die Firma ,DOMO‘ auf ein unbedenkliches Füllmaterial gestoßen, das wir auch direkt bemustert haben“, erklärt Slabon.

Quarzsand und Kork statt schädlichem Kunststoff

Und so wurden vor wenigen Tagen Quarzsand und Kork verfüllt. Mehrkosten gegenüber der Verfüllung mit Kunststoff: schlappe vier Cent pro Quadratmeter. Für die Stadt Neukirchen bedeutet das einen Aufpreis von insgesamt 304 Euro. Da fiel die Entscheidung zu Gunsten der zukunftsfähigen Option nicht schwer. Damit ist in der Knüllstadt ein Referenzobjekt entstanden, das Kunstraseninhabern und solchen, die es werden wollen, beispielgebend sein dürfte. „Es gibt in der Umgebung nichts Vergleichbares – lediglich in Leipzig und Dortmund“, so Slabon.

Der Kunstrasen mit dem klangvollen Namen „Varioslide S Pro 35-11 mit Naturafill Kork“ ist der wohl hochwertigste Platz im weiten Umfeld. Die Abnahme der Arbeiten ist bereits erfolgt. Die Verkehrsfreigabe und Nutzungserlaubnis sollen dieser Tage folgen. „Und dann muss der Platz auch bespielt werden, weil das Granulat bewegt werden muss“, weiß Slabon.

Das wird vor allem die Spieler des SC Neukirchen freuen. Ihr Verein hat einen Pachtvertrag unterzeichnet. 25 Jahre lang ist der SCN als Nutzer des Geländes nun für die wöchentliche Pflege des nagelneuen Platzes verantwortlich. Die jährliche Grundreinigung übernimmt innerhalb der kommenden vier Jahre die Baufirma selbst.

Die Gesamtkosten für die Sanierung des zuvor nicht mehr zu bespielenden Kunstrasens in Neukirchen belaufen sich auf knapp eine Million Euro. Das Land Hessen fördert das Vorhaben mit 200.000 Euro. Der Schwalm-Eder-Kreis hat sich zu 41 Prozent an den Kosten beteiligt.

EXTRA-INFO: Geplanter EU-Beschluss zum Mikroplastik-Verbot

Die Bestrebungen der EU-Kommission, das Aufkommen von Mikroplastik zu vermindern, macht auch vor Sportplätzen nicht Halt – zumindest nicht vor Kunstrasenplätzen. Seit dem Frühjahr fürchten Vereine und Gemeinden, ihre mit Kunststoff-Granulat verfüllten Plätze noch vor Ablauf ihrer Nutzbarkeit aufwendig sanieren zu müssen.

Der Landessportbund Hessen und der Hessische Fußball-Verband reagieren auf die Ängste und bekennen sich zum Schutze der Vereins- und Gemeindekassen in einem gemeinsamen Papier zu einem „zeitgemäßen Umweltschutz“. Sie setzen sich für einen Bestandsschutz und Übergangsfristen ein.

Die Problematik des Kunststoff-Granulats besteht darin, dass es durch Nutzung und Wind abgetragen wird. So gelangen die kleinen Plastikpartikel in die Umwelt. Dort sorgen sie für Verunreinigungen, schaden dem Ökosystem und erregen Krankheiten. Der geplante Beschluss könnte 2021 in Kraft treten. Kunstrasen-Besitzer befürchten ein Verbot zum Austrag des Kunststoff-Granulats ab 2022.

Die EU-Kommission hat inzwischen klargestellt, dass derzeit nicht an einem grundsätzlichen Verbot von Kunstrasenplätzen gearbeitet werde. Ob das Plastikgranulat, mittel- oder langfristig verboten wird, ist allerdings noch offen.

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