Schaurig-schönes Nordhessen: Rainer Wälde im Gespräch über „Herbstbeben“

Vom Ratgeber zum Krimiautor: Anfang März ist Rainer Wäldes erster Nordhessen-Krimi erschienen.
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Vom Ratgeber zum Krimiautor: Anfang März ist Rainer Wäldes erster Nordhessen-Krimi erschienen.

Anfang März ist Rainer Wäldes erster Nordhessenkrimi „Herbstbeben“ erschienen. Wir haben mit dem Journalisten, Autor, Filmemacher und Unternehmensberater über die Protagonisten seines ersten Krimi-Romans, die Schönheit und Schaurigkeit der „Grimmheimat“ und seine Inspiration, das Genre zu wechseln, gesprochen.

Frielendorf/Nordhessen. In einem nordhessischen Steinbruch wurde eine tote Frau gefunden - mit schwersten Verletzungen und Schaum auf den Lippen. Und niemand kennt und vermisst die unbekannte Schöne. Timo von Sternberg, ein junger Kommissar frisch von der Polizeihochschule und neu in Nordhessen, steht vor mehreren Rätseln: Weshalb scheint es zwei Todesursachen zu geben? Wie kam die Frau an diesen Ort? Und wie soll er in dieser seltsamen Gegend je heimisch werden?

Diese und weitere Fragen werden im Nordhessenkrimi „Herbstbeben“ beantwortet, der Anfang März erschienen ist. Wir sprachen mit Autor Rainer Wälde über die Protagonisten seines ersten Krimi-Romans, die Schönheit und Schaurigkeit der „Grimmheimat“ und seine Inspiration, das Genre zu wechseln.

Herr Wälde, bislang haben Sie überwiegend Ratgeber veröffentlicht. Nun kommt mit „Herbstbeben“ Ihr erster Krimi heraus. Was hat sie zu dem Genrewechsel inspiriert?

Der Lockdown hat auch bei mir als Filmemacher und Autor viele Pläne blockiert. Statt meine Projekte zu realisieren hatte ich plötzlich sehr viel Zeit. Im Sommerurlaub wurde ich an meinen langjährigen Traum erinnert, einen Roman zu schreiben. Corona hat mir die Chance geboten und ich habe sie genutzt: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Der Protagonist in „Herbstbeben“ ist der junge Kommissar Timo von Sternberg, den es frisch von der Polizeihochschule aus Freiburg nach Nordhessen zieht. Wie kamen Sie auf diese Figur?

Als Mentor begleite ich ehrenamtlich fünf junge Menschen auf ihrem Weg ins Berufsleben. Die Generation Instagram war meine Inspiration. So kam ich auf Timo von Sternberg, der bei Netflix gerne spannende Serien sieht. Doch im realen Leben – weder im Praktikum noch auf der Polizeihochschule - hatte er es bislang mit einer Leiche zu tun. Kein Wunder, dass er am Tatort erst einmal wie ein Praktikant das Geschehen aus der Ferne verfolgt. Doch ziemlich schnell wird der in den Sog der Geschichte und der Ermittlungen gezogen. Er muss zeigen, was er gelernt hat und sich im neuen Job beweisen.

Kommissar von Sternberg hat bei seinem ersten Fall es aber nicht nur mit vielen Rätseln zu tun, sondern auch mit dem Journalisten Jörg Möbius, mit dem er sich ein packendes Rennen liefert, denn der Alt-68er wittert eine große Story, recherchiert eigenmächtig und glaubt, den Fall vor der Polizei gelöst zu haben. Sie selbst haben viele Jahre als Journalist gearbeitet. Wieviel Rainer Wälde steckt in Jörg Möbius?

In Jörg Möbius steckt ziemlich viel berufliche Biografie. Bereits als 18jähriger Schüler habe ich für die „Badische Zeitung“ in Freiburg gearbeitet. Jedes Wochenende war ich unterwegs zwischen Kaiserstuhl und Glottertal, in dem damals gerade die „Schwarzwaldklinik“ gedreht wurde. Die großen und kleinen Geschichten aus der Region hat mich häufig mehr fasziniert als der Schulalltag vor dem Abitur. Von daher konnte ich in meinem Roman aus dem Vollen schöpfen.

Spannend finde ich die inneren Brüche. Das zeigt sich auch bei Jörg Möbius in seiner Biografie. Als Alt-68er hat er sich jahrelang für Emanzipation engagiert. Doch in der Zeitungsredaktion, die ausschließlich weiblich besetzt ist, kämpft er täglich um seine Rolle: Er fühlt sich blockiert und missverstanden, strebt nach Höherem. Am liebsten würde er raus aus der Provinz und als „Edelfeder“ für die „Die Zeit“ schreiben. Stattdessen berichtet er über die Rübenernte an der Schwalm.

Diese humorvolle Figur kam bei den Testlesern besonders gut an. Bei Jörg Möbius gibt es viel zu lachen.

In einer Ankündigung zu „Herbstbeben“ heißt es „Manchmal braucht es die Augen eines Neubürgers, um die Schönheit der eigenen Heimat neu zu entdecken“. Auch Sie sind erst vor wenigen Jahren nach Frielendorf gezogen. Habe Sie seitdem eher die seltenen und unheimlichen oder doch die schönen Seiten Nordhessens entdeckt?

Wir haben das Glück in Großropperhausen in einem Gutshof aus dem Barock zu leben, der von der Stiftung Denkmalschutz über 10 Jahre liebevoll restauriert wurde. Um die Schönheit der Region zu zeigen, braucht es die Augen von Timo von Sternberg. Als Neubürger hat er einen Blick für diese einzigartige Landschaft der „Grimmheimat“.

Von daher steckt auch in dieser Figur ein Teil meiner eigenen Geschichte. Als Neubürger waren wir überrascht, wie wenig manche Einheimischen den Charme von Nordhessen schätzen. Meine Frau und ich weigern uns den Begriff „Hessisch Sibirien“ zu nutzen. Warum sollten wir unsere wunderschöne Heimat schlechtreden, das macht doch keinen Sinn! Wir sind hier glücklich und diesem Charme erliegt auch der badische Kommissar. Er verliebt sich in die Schwalm und später auch in ihre Bewohner.

Neben bekannten Schauplätzen in Ziegenhain und Treysa spielt Ihr erster Nordhessen-Krimi auch an weniger bekannten Orten entlang Schwalm. Was macht die Schwalm zum perfekten Tatort?

Ich kann gut verstehen, dass die Gebrüder Grimm hier den Stoff für ihre Märchen gesucht haben. Wer ihre Geschichten aufmerksam liest, entdeckt auch dort die dunklen Seiten und die skurrilen Orte. Spannend für den Schauplatz eines Krimis ist natürlich auch das waldreiche Mittelgebirge von Nordhessen. Die Täler, versteckten Orte und auch die schroffen Seiten, wie beispielsweise den Knüll.

Die Devise bei Krimis lautet immer wieder: „Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.” Gilt das auch für „Herbstbeben“? Oder steckt hinter Timo von Sternbergs ersten Fall doch ein Funken Wahrheit über die dunkle Vergangenheit der Region?

Beim Filmemachen kommt es auf die gute Beobachtung der Menschen an, die ich portraitierte. Die Recherche ist sehr wichtig, selbst kleinste Details müssen stimmen. Zudem spielt die Aktualität eine große Rolle. Ich bin mir sicher, die Leser werden die Verweise zur Lokalpolitik sofort erkennen.

Daneben gibt es in meinem Krimi auch den historischen Bezug zu Nordhessen – der Titel „Herbstbeben“ gehört dazu. Ich bin glücklich, dass ich in der Fülle von 100.000 Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt noch einen Titel gefunden habe, der für die Geschichte Sinn macht und noch nicht verwendet wird.

Nach „Herbstbeben“ soll im November mit „Winterzittern“ bereits Ihr zweiter Nordhessen-Krimi erscheinen. Wie kommen Sie auf Ihre Geschichten? Lesen Sie Todesanzeigen, Polizeiberichte, Zeitungen?

Die Testleser, die bereits vor dem Druck das Manuskript gelesen haben, waren so begeistert von den Hauptfiguren. Sie wollten unbedingt wissen, wie die Geschichte zwischen Timo von Sternberg und Jörg Möbius weitergeht. Beim Schreiben des ersten Buches habe ich bereits die Fortsetzung mitgeplant, damit sich die Charaktere über vier Bände glaubwürdig entwickeln. Der Leser ahnt schon das eine oder andere dunkle Geheimnis in ihrer Biografie. Deshalb soll es im November die Fortsetzung geben.

Zurück zu Ihrer Frage: Ich lese sehr viel – auch Polizeiberichte und bundesweite Meldungen. Gleichzeitig habe ich eine blühende Fantasie, damit habe ich schon meine Eltern herausgefordert. Die Schauplätze für die nächsten Folgen in Nordhessen habe ich bereits gecastet. Und wie faszinierend die Schwalm im Winter erscheint, haben wir gerade alle erlebt. Das inspiriert mich derzeit beim Entwickeln von „Winterzittern“.

Weitere Infos zu Krimilesungen und Videos zu den Schauplätzen gibt es unter www.nordhessenkrimi.de.

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